Architekturpreis : Liebling Loftschloss

Schluss mit Billig-Architektur, öden Einfaltsfassaden und gewinnoptimierten Investoren-Schachteln! Gesucht wurden Berlins beste Bauten. Früher Gewerbebau, heute Spieleparadies: Eine umgebaute Kita in Lichterfelde erhält den Publikumspreis.

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"Bei uns darf über die Tische gelaufen werden", sagt Monika Schieferdecker, Kita-Leiterin.
"Bei uns darf über die Tische gelaufen werden", sagt Monika Schieferdecker, Kita-Leiterin.Foto: promo

Goertzallee 190. Linker Hand liegen die Kleingärten der „Parkkolonie“ daneben das gigantische „Gartenparadies“. Rechts leuchten in kräftigen Farben Werbeplakate von McFit und Getränke Hoffmann am sandsteinernen Block, der schier endlos entlang der Verkehrsader in die Ferne zu reichen scheint. Hier wurden einmal Telefone montiert, später kasernierte die US-Armee ihre Soldaten in den Mc Nair Barracks. Und nachdem die Alliierten in den neunziger Jahren abgezogen waren, versuchen sich Investoren daran, das Baudenkmal am Südrand von Lichterfelde häppchenweise an den Mann zu bringen.

Nun feiert die Anlage, genauer: die 237 Quadratmeter große Kita „Loftschloss“ an der Stirnseite des Ensembles einen schönen Erfolg: Die Tagesspiegel-Leser haben unter rund 160 Bewerbern den umgebauten früheren Getränkemarkt zu Berlins schönstem Bau gekürt. Eine Kita setzt sich gegen spektakuläre Neubauten in Prenzlauer Berg oder Mitte durch? Ja, und das Votum zeigt, dass es ein Missverständnis ist anzunehmen, dass exzentrische Solitäre, die historische Blöcke und Traditionen missachten, die Berliner mehr beeindrucken als intelligente Räume zum Wohlfühlen.

15.30 Uhr, Empfangsraum. Monika Schieferdecker, orangeroter Baumwollpullover, langes, offenes Haar, strahlt beim Blick in den Raum. Sie sagt: „Bei uns darf über die Tische gelaufen werden.“ Bewegung und Kunst, so schulen, so bespaßen sie Kleinkinder hier. Dazu braucht man Plätze, die das befördern, die selbst auch „Erzieher“ sind, wie die Kita-Leiterin sagt. Und das haben Architektin Nathalie Dziobek-Bepler und Designerin Lilia Kleemann vom Büro „Baukind“ hier geschaffen – vermutlich weil „sie selbst auch Kleinkinder haben“.

Genau genommen besteht die Kita aus einem einzigen großen Raum. Sicher, Waschecken und WCs sind in einem zentralen Kern abgetrennt, aber sonst gibt es nur zwei Türen: eine zum kleinen Büro mit Computerarbeitsplatz und eine zum Schlaf- und Toberaum. Aber auch wer sich in einen dieser Räume zurückzieht, bleibt im Blickfeld: Ein kugelrundes Fensterchen gibt es, ein puppenstubengroßes mit gehäkelter Gardine, Winken und Spicken erlaubt, ja, erwünscht.

Im Spielraum zerreißt Adrian gerade ein Heft, Helmut steht ihm dabei jauchzend zur Seite neben kniehohen Hockern. Die eignen sich zum Sitzen und auch zum Bauen oder Auftürmen. Eine Ecke weiter, hinter dem windschiefen Türausschnitt rutscht die Kita-Chefin mal kurz durch die „Gletscherspalte“. Denn hinter dem schmalen, niedrigen Wandausschnitt gibt es eine kleine Höhle mit Liegeflächen auf zwei Ebenen. Hierher können sich die Kinder zurückziehen das Geschehen im Nachbarraum durch das Bullauge trotzdem verfolgen. „Weil alles offen ist, lernen alle voneinander“, sagt Erzieherin Jasmina Bektesi – und das unterscheide diese Kita von anderen. Dieses „kristalline“ Konzept war eines von dreien, die die Architekten für die alten Gewerberäume entwickelt hatten.

An den Decken sind oberschenkeldicke Rohre zu sehen, der Beton ist bloß angemalt, sogar silbergraue Schächte für die Klimatechnik hängen sichtbar unter der Decke. „Das wollten wir so“, sagt die Kita-Leiterin – ein echtes „Loftschloss“ eben. Ein Schloss, aber ohne barocken Ballast. Die Böden sind aus Holz, das Spielzeug und auch die Regale, die in Aussparungen in die Wände eingefügt wurden. Vieles ist auf Bauchnabelhöhe angebracht, damit die Kinder rankommen.

Ein Leitmotiv außerdem: das Rund. Guck- und Greiflöcher in den Wänden, die Lampen an den Decken sind Kreise, auch die Ablagefächer für Mützen, Handschuhe oder Spielzeuge im Eingangsraum. Lange, steife Kartonröhren wurden dazu in Scheiben geschnitten, die, mit einem weiß gestrichenen Holzboden verstärkt, an der Wand befestigt sind. Professionelle Bastelarbeit – wenn aus diesen Kita-Kindern mal keine Ingenieure werden!

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