Berlin : Arm, aber nicht sexy

Mythos und Realität des Callboys klaffen gerade in Berlin weit auseinander Nach dem American Gigolo, wie ihn Hollywood erfand, muss man lange suchen – und meist vergeblich

Martha May

Wie eine Nacktschnecke streicht sein Zeigefinger über meine Hand, langsam, feucht und mit einem unangenehmen Kribbeln danach. „Du hast so ein süßes Lächeln“, sagt Marco*, Anfang 30, gebucht für 80 Euro pro Stunde in einer Bar – Verlängerung im Hotel bei Gefallen.

Attraktiver Dressman, südländischer Typ, so beschreibt er sich selbst. Doch davon ist er weit entfernt: Die Schultern hängen, die Wangen auch, das Kinn flieht. Nur seine Augen, die blicken zutraulich. Marco ist zufrieden. Autohändler irgendwo hinter Rudow, jetzt am Wochenende mit Zuverdienst. „In diesen Wochen, da ist sicher Bedarf“, hat er sich gedacht und eine Anzeige geschaltet. Der Zuverdienst, das bin ich, seine Neukundin.

Marco erzählt vom milden Winter, von unserem Abend zu zweit und schwärmt von der romantischen Festbeleuchtung draußen auf dem Ku’damm. Eigentlich sollte ich nicht krampfhaft auf illuminierte Bäume starren, sondern mir am Kamin des Grand Hyatt heiße Gedanken machen – beim Dinner mit Pierre*, 35, Finanzberater, interessiert an Kunst, Kultur und Reisen. Ein Mann, auf erotisch prickelnde Zweisamkeit spezialisiert ... Doch Pierre ward nie gesehen. Genauso wenig wie Pascale*, 37, Jurist, mehrsprachig, politikinteressiert und ein charmanter Unterhalter. Oder wenigstens Harold*, 39, Sachbuchautor, sportbegeistert, auch als Personal Trainer buchbar.

Seit Richard Gere sich 1980 in den Lobbys der Luxushotels von L. A. als Chauffeur für reiche Damen anbot, ist er ein Mythos, der American Gigolo. Und nach einer aktuellen Brigitte-Umfrage haben 13 von 166 Frauen es schon ausprobiert – Sex mit einem Callboy. Zu haben sind solche Herren ihren Homepages zufolge ab zwei Stunden, für eine Nacht oder als Reisebegleiter für ein paar Wochen – 150 Euro pro Stunde, über 1000 für einen Tag. Zahlung cash im Briefumschlag zu Beginn des Treffens. Doch es bleibt bei der automatischen Eingangsbestätigung der Online-Buchung, telefonische Nachfragen enden auf der Mailbox.

„Die meisten Begleitagenturen können hier nicht überleben. Sie müssen ja mehr verlangen als der Callboy, der seine Dienste direkt anbietet. Und Berlin ist eine arme Stadt“, erklärt Ralf Rötten, Sozialpädagoge und Callboy-Berater bei Subway Berlin, einer vom Senat geförderten Einrichtung. Von einer Handvoll Männern auf den Homepages der Escort-Dienste seien die einen nicht mehr aktuell, die anderen womöglich gebucht, die wenigsten jedenfalls in Berlin. Das sähe in Düsseldorf, Hamburg, München ganz anders aus.

Der Briefumschlag geht also nicht am Kamin des Grand Hyatt am Marlene-Dietrich-Platz über den Tisch, sondern in einer No-Name-Bar in der Nähe des Adenauerplatzes – es bleibt bei den 80 Euro für die eine Stunde, mehr wird es nicht werden mit Marco und mir.

Dennoch, Stammkundinnen hat er einige, zwischen 24 und 50 Jahren – sagt Marco. „Die Jungen sind meist verheiratet und wollen einen Liebhaber, der keinen Ärger macht. Die Älteren wollen nicht allein an der Bar stehen und warten, bis sie angesprochen werden.“

Für sie ist Marco da. Außer sonnabends, das nimmt er frei: einkaufen, putzen. Haushaltstag in der Reihenhaushälfte im Brandenburgischen. Auch dort hätten wir uns treffen können, um Hotelkosten zu sparen.

180 cm, 85 Kilo, schwarze Hose, helle Jacke – so hatte er sich beschrieben, damit ich ihn erkenne. Die Stoffhose stößt auf preiswerten Schuhen auf, das Sackleinenjackett spannt ein wenig. Seine Hand berührt meine wie zufällig, nur den Bruchteil einer Sekunde zu lang. Er lässt mich wissen, dass die Frauen, die er sonst so trifft, schon während des Essens ihre erotischen Wünsche erwähnen, ganz beiläufig, „einfach so“ und „plopp“.

Nicht dass es nicht vorhersehbar gewesen wäre. Aber nach Abzug aller Männer, die laut Kleinanzeige Paare beglücken, als Sklaven dienen oder erotisch massieren, blieben nur drei übrig, die Frauen im klassischen Sinne beehren. Zwei schieden schon nach dem Telefongespräch aus: Der mit dem Drachen auf der Brust und der mit blondiertem Haar und weißen Turnschuhen. Der Drache hat noch eine SMS geschickt: „Ein Treffen kostet nichts – weil du eine wundervolle Stimme hast.“

Immerhin, dank Marco weiß ich jetzt, in welchem Outlet ich die billigste Jeans bekomme, dass ich mir bei Erkältung einen Tee mit frisch gepresster Zitrone machen soll – demonstriert mit einer kraftvollen Handbewegung – und dass Bulgarien den Aufschwung bringt. Zumindest für Marco. Die Polen haben sich sattgekauft, die Russen auch, aber wenn die Bulgaren kommen, dann kann er wieder viele Autos verkaufen – die großen: BMW, Mercedes-Benz, Jeep. Das Geld wird er in Immobilien investieren, seine Altersvorsorge sichern. Mit den Himmelsrichtungen hat er Probleme, mit den politischen Richtungen auch. Aber Holland, das weiß er, ist das Land, in dem sie alle Holzschuhe tragen. Holzschuhe, das ist das Stichwort, ich muss gehen. Dringend!

Nach den Schätzungen von Ralf Rötten arbeiten etwa 600 Callboys in Berlin, davon nur acht bis zwölf ausschließlich für Frauen. „Die wenigsten wissen, wie sie es überhaupt anfangen sollen. Wie sie zum Beispiel eine Anzeige formulieren können, damit sie Frauen anspricht.“

Welche Frau will schon den „Kerl, der sich um vernachlässigte Damen kümmert“ oder den „süßen Schoko-Kuschelbär, überall XXL“?! Doch dann entdecke ich in den Kleinanzeigen eines alten Stadtmagazins eine Alliteration in alter Rechtschreibung: „Geist, Gier und Genuß ...“

Beim Anruf meldet sich Valentin, der sich als Freigeist beschreibt. Er ist Fotograf, leben kann er davon nicht. Er liebt die Frauen, aber nur, wenn sie ihm gefallen. Die Anzeige hat er fast vergessen. 150 Euro für den Abend, ohne Verpflichtungen. Kennenlernen im „Würgeengel“ in Kreuzberg – sein Vorschlag.

Seit einigen Jahren trägt er die Anzüge seines Vaters auf, heute den hellen aus den Endsiebzigern. Der Poncho und der Ring meiner Mutter passen gut dazu. Er spielt Swing, ich tanze ihn. Er war an der Lette-Schule – ich wollte immer hin. Er fotografiert „People“ für Szenemagazine. Und ich? Aber das weiß er ja nicht ...

Es regnet, wir wechseln ins „Wild at Heart“ – stickig, dunkelrot und zugeklebt mit Kitsch. Kein Kamin, aber flackernde Totenkopflampen an der Wand. Neben uns reiben sich zwei Körper zum 60er-Jahre-Rock aneinander, selbstvergessen im engen Gang. Es ist heiß hier. Valentins Schenkel berühren meine. Der Sänger von „The Smash“ sagt einen Song an, „der nicht von der Liebe handelt“. Den Briefumschlag stecke ich in die Innentasche seines 70er-Jahre-Jacketts.

* Namen von der Redaktion geändert.

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