Armut in Berlin : Die Stadt der armen Kinder

Jedes dritte Kind in Berlin hängt von Sozialleistungen ab - was man oft nicht sieht. Was bedeutet es, in armen Verhältnissen aufzuwachsen? Auf den Spuren eines schwer fassbaren Missstands.

Nikola Endlich
Armut verbaut Kindern Zukunftsaussichten, da sie ihren Wert nicht erkennen lernen.
Armut verbaut Kindern Zukunftsaussichten, da sie ihren Wert nicht erkennen lernen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Esra hat den Hortraum schon halb erreicht, als die Erzieherin fragt, ob sie ihren Berlinpass eingesteckt habe. Das Mädchen schüttelt den Kopf. Es ist ein Montagmittag, 13 Uhr 30, in der Leo-Lionni-Grundschule. Einige der vierten Klassen haben Unterrichtsschluss. Halb lächelnd und ein wenig verlegen tritt Esra von einem Fuß auf den anderen. Sie trägt Turnschuhe und Leggings. Die langen schwarzen Haare hat sie im Nacken zum Zopf gebunden. An den Ohren funkeln kleine Glitzersteine.

In der Leo-Lionni-Grundschule gibt es viele wie Esra, die den Berlinpass – einen Sozialausweis – besitzen und nachmittags im Hort betreut werden. 84 Prozent der Kinder im Nachmittagsbereich leben in Familien, die Transferleistungen beziehen: Hartz IV, Sozialhilfe oder Unterstützung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Es ist nicht die Menge an Sozialausweisen allein, die die Leo-Lionni-Grundschule im Wedding zur sogenannten Brennpunktschule macht – wie eigentlich fast alle Schulen hier im Umkreis des Leopoldplatzes. Durch die soziale Herkunft der Kinder entsteht ein ungleicher Wettlauf, der für arme Kinder bereits verloren ist, bevor er begonnen hat.

Kinderarmut ist ein komplexes Phänomen mit vielen Symptomen, die man erst auf den zweiten Blick sieht. Was bei der Einkommensarmut der Eltern beginnt, führt im Schulalltag zu Leistungsdefiziten und zu verstellten Berufsperspektiven. Aber das sind nur die Folgen, die am einfachsten messbar sind.

Im Berliner Wedding leben mit die meisten armen Kinder der Stadt. Hier verdichtet sich, was sich in Statistiken hinter abstrakten Vergleichszahlen verbirgt. Eine von der Bertelsman-Stiftung vorgelegte Studie im vergangen Jahr stellt fest, dass fast jedes dritte Kind unter 18 Jahren in Berlin in einer von Sozialleistungen abhängigen Familie lebt (32,2 Prozent). Zu demselben Ergebnis kam im letzten Jahr die Antwort der Berliner Senatsverwaltung für Soziales auf eine entsprechende parlamentarische Anfrage. Rund 53 Prozent der armen Kinder wachsen demnach in Familien auf, in denen ein oder beide Elternteile nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, etwa 45 Prozent leben bei alleinerziehenden Eltern.

„Nein, das können wir dir nicht kaufen.“

Die Zahlen sind erschreckend hoch, obwohl sie zumindest in Berlin – sowie einigen ostdeutschen Bundesländern – gegenüber 2011 leicht rückläufig sind. Was bedeutet es, dass sich Kinderarmut in dieser Stadt auf einem gleichbleibend hohen Niveau bewegt? Was folgt daraus?

Ein Nachmittag im vergangenen Dezember. Zu Besuch bei Esras Familie im Wedding. Die Eltern und ihre drei Töchter wohnen in der Drei-Zimmer-Wohnung eines Wohnblocks unweit des Leopoldplatzes. Auf dem Tisch steht schwarzer Tee in kleinen Gläsern und eine Dose voll mit Würfelzucker. An der weißen Wand tickt der große Zeiger einer orientalisch verspielten Uhr. Esra ist die älteste Tochter. Ihr Vater, Schnauzbart, zurückgekämmte, kurze schwarze Haare, trägt eine Brille mit kleinen eckigen Gläsern und hat die Hände ineinander gefaltet. Herr Aydin ist ausgebildeter Koch. Seit einem Unfall findet er nur schwer eine Anstellung. „Wer braucht schon einen Koch, der sich nicht bücken und gut bewegen kann“, sagt er.

Sibel Aydin, die Mutter, kümmert sich zu Hause um die zwei kleinen Kinder, die Jüngste ist anderthalb, die andere ein Jahr älter. Sie ist eine herzliche Frau mit lockigem Haar, die gerade nasse Kinderkleidung auf einem Wäscheständer ausbreitet. Wenn die Kleinen die Eingewöhnungsphase im Hort hinter sich haben, will Frau Aydin einen Deutschkurs besuchen. Sie und Esra sind vor drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Ihr Mann war drei Jahre zuvor nach Deutschland aufgebrochen, allein.

Abzüglich der Miete leben die Aydins zur Zeit von rund 500 Euro im Monat. Das ist wenig Geld. Für einen Berliner Vierpersonenhaushalt liegt die Armutsgefährdungsschwelle bei 1.767 Euro pro Monat für alle Ausgaben, inklusive Miete.

In Monaten, in denen das Geld nicht reicht, verzichtet die Familie auf Obst und Gemüse und fährt nicht wie üblich auf den Maybachufermarkt, um sich dort mit Lebensmitteln einzudecken. Für den Preis, den ein U-Bahnticket bis zum Kottbusser Tor kosten würde, kann die Familie in den nahegelegenen Aldi- und Lidl-Filialen Grundnahrungsmittel einkaufen, wie Kartoffeln und Zwiebeln.

Herr Aydin meint, es sei nicht gut, wenn man seinen Kindern auf Dauer sagen müsse: „Nein, das können wir dir nicht kaufen.“

Der vollständige Text erschien am 11. März 2017 in unserem gedruckten Sonnabendmagazin Mehr Berlin. Lesen können Sie ihn außerdem im E-Paper oder im Online-Kiosk Blendle.

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