Armut in Berlin-Neukölln : Franziska Giffey: "Zu uns kommen die Verdrängten"

Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey spricht im Tagesspiegel-Interview über das Armutsrisiko in ihrem Bezirk, Aufwertungstendenzen und vorbildliche Migranten.

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Schlangestehen vor dem Bürgeramt in der Sonnenallee in Neukölln.
Schlangestehen vor dem Bürgeramt in der Sonnenallee in Neukölln.Foto: Gregor Fischer/dpa

Frau Giffey, nach dem neuen Sozialbericht des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg ist das Armutsrisiko in Neukölln berlinweit am höchsten. Nicht das erste Mal, dass der Bezirk Schlusslicht in solchen Rankings ist. Woran liegt das und warum ändert sich so wenig?
Das sind soziale Verwerfungen, die über Jahre entstanden sind. Die lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Nach Neukölln kommen Menschen, die aus anderen Bezirken verdrängt wurden. Wir haben weiterhin eine hohe Zuwanderung, vor allem aus Südosteuropa. Die Menschen finden hier Anschluss an bereits bestehende Communitys. Neukölln ist ein bisschen wie ein Durchlauferhitzer. Diejenigen Zuwanderer, die sich etabliert haben, aber auch Deutsche, verlassen den Bezirk wieder, und zwar oft dann, wenn die Kinder in die Schule kommen. Die weniger Erfolgreichen bleiben.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem?
Die Bildungsferne. So verfestigt sich die Armut über die Generationen hinweg. Viele Eltern sind funktionale Analphabeten oder haben keinen Schul- oder Berufsabschluss. Sie können ihren Kindern in der Schule nicht helfen, auch wenn sie es wollen. Es gibt in Nordneukölln Klassen, da ist vielleicht ein Kind dabei, dessen Eltern arbeiten. Die anderen sind Hartz-IV-Empfänger. Wir müssen verhindern, dass sich das als Tradition fortsetzt. Dafür brauchen wir Vorbilder aus der Migrantencommunity und Menschen, die den Kindern eine andere Welt eröffnen, sie auch mal mit in die Oper oder eine Ausstellung nehmen oder einfach nur bei den Hausaufgaben helfen.

Andererseits beobachten wir seit ein paar Jahren Aufwertungstendenzen: Neukölln ist in, Gegenden wie der Reuter- oder der Schillerkiez boomen.
Ja, das stimmt. Aber das sind parallele Entwicklungen: Zuwanderung von Südosteuropäern, Flüchtlinge, die in der arabischen Bevölkerung Anschluss finden – und zum anderen die Gentrifizierung. Davon kommt in den Schulen bisher aber wenig an, wir haben in Nordneukölln weiterhin Quoten von 80 oder 90 Prozent beim Migrationshintergrund und bei den Transferleistungsempfängern. Nur wenn die Schulen ein besonderes Profil anbieten, zum Beispiel musik- oder sportbetont sind, werden sie auch für bürgerliche Familien wieder attraktiv. Das kann dann zu einer stärkeren Durchmischung führen.

Was tut der Bezirk gegen die Armut?

Franziska Giffey ist seit April 2015 Bürgermeisterin des Bezirks Neukölln. Zuvor war die Diplom-Verwaltungswirtin viereinhalb Jahre Stadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport.
Franziska Giffey ist seit April 2015 Bürgermeisterin des Bezirks Neukölln. Zuvor war die Diplom-Verwaltungswirtin viereinhalb...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wir können die Zuwanderung nicht steuern, wir können nur darauf reagieren. Und das heißt: Wir müssen die Menschen befähigen, weg von der reinen Versorgung. Dazu investieren wir in Bildung und Integration. Wir brauchen Ganztagsschulen und eine frühe Förderung in den Kitas. Wir haben Deutsch- und Alphabetisierungskurse ausgeweitet. Viele Menschen finden keine Arbeit, weil ihnen Sprachkenntnisse fehlen. Da müsste auch beim Jobcenter ein Umdenken einsetzen. Die Leute müssen erst einmal eine Grundbildung bekommen.

Schaut man nach Brandenburg, dann gibt es dort genau eine Region, die beim Armutsrisiko noch schlechter dasteht als Neukölln: Frankfurt an der Oder.
Meine Geburtsstadt, ja. Neukölln und Frankfurt sind aber wie zwei Pole: Frankfurt ist eine schrumpfende Stadt, in der es wenig Arbeit gibt. Neukölln dagegen ist eine wachsende Stadt. Ich sehe viel Entwicklungspotenzial: Wir haben vier Industriegebiete, eine boomende Kreativwirtschaft, und wir werden den Flughafen vor der Tür haben. Da werden Arbeitsplätze auch für Neuköllner entstehen.

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