Berlin : Ates: Migranten tun zu wenig gegen Ehrenmorde

Anwältin kritisiert türkischen Mittelstand. Am Mittwoch erhält die Frauenrechtlerin den Brentano-Preis

Sabine Beikler

Sie ist eine kompromisslose Kämpferin für die Rechte muslimischer Frauen, sie verurteilt Zwangsverheiratungen und sogenannte Ehrenmorde: Für ihr Engagement wurde die Menschenrechtlerin und Anwältin Seyran Ates vielfach ausgezeichnet. An diesem Mittwoch erhält die 43-Jährige den mit 11 000 Euro dotierten Margherita-von-Brentano-Preis der Freien Universität (FU). Morgen jährt sich auch der Tag des Mordes an Hatun Sürücü zum zweiten Mal. „Seitdem hat sich zu wenig geändert“, sagte Ates. „Auf diejenigen, die solche Morde in menschenverachtender Weise als Teil ihrer Kultur ansehen, ist viel zu wenig Druck ausgeübt worden. Ich erwarte mir von der türkischen Mittel- und Oberschicht ein größeres Engagement. Auch sie müssen ihre Stimmen laut erheben, nicht nur die Deutschen. Migranten tun zu wenig gegen Ehrenmorde“, so die Anwältin gegenüber dem Tagesspiegel.

Sie kritisiert auch Migrantenvereine. Viele Vereinsmitglieder würden nur „reine Lobbyarbeit für sich selbst“ machen, statt zum Beispiel in Schulen zu gehen, um dort Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund über Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsverheiratungen aufzuklären. „Warum können diese Mitglieder nicht konservative Familien besuchen und mit Eltern und Söhnen über die Rechte ihrer Töchter oder Schwestern sprechen“, fordert sie.

Als sie in der Nacht zu Montag als einzige Frau in der ZDF-Sendung „nachtstudio“ über „Patriotismus und Tod – wo endet die Liebe zum Vaterland“ mitdiskutierte, trat Ates für einen Verfassungspatriotismus ein. Man müsse ein Land zwar nicht lieben, sich aber mit Grundwerten, der politischen Grundordnung und Menschenrechten identifizieren. Deshalb finde sie „Deutschland gut“ – und deshalb kämpfe sie auch für die Rechte muslimischer Frauen. Sie sagte aber auch: „Ich werde deshalb bedroht. Und was mache ich? Ich ziehe mich zurück.“ Genau das hat sie im vergangenen Jahr getan: Im August löste sie ihre Anwaltskanzlei auf und gab ihre Zulassung zurück. Vorausgegangen waren jahrelange Bedrohungen und Anfeindungen von Ehemännern oder Verwandten ihrer Mandantinnen. „Ich hatte eine Riesenangst um meine kleine Tochter und mich“, sagt Ates. Jetzt kann sie sich eine Rückkehr in den Beruf vorstellen. „Allein aber kann ich nicht mehr in einer Kanzlei arbeiten.“ Entweder werde sie in eine größere Kanzlei eintreten oder in einer Institution arbeiten. Angebote hat sie zwar seit ihrem Rückzug nicht erhalten, doch viel aufmunternde Post, sie solle wieder als Anwältin arbeiten.

Trotz der Bedrohungen gehört Ates, die sowohl die türkische als auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, zu einer Gruppe prominenter Deutsch-Türken, die Mitte Oktober Musliminnen in Deutschland aufgefordert hatten, freiwillig das Kopftuch abzulegen. Dieser Appell hatte Folgen: Seyran Ates und die Bundestagsabgeordneten Lale Akgün (SPD) und Ekin Deligöz (Grüne) erhielten Morddrohungen. Dass es sich dabei nicht um leere Worte handelt, hat Ates bereits am eigenen Leib erfahren müssen: 1984 schoss ein Mann aus dem Umfeld der „Grauen Wölfe“ ihr in den Hals. Sie überlebte damals schwer verletzt – und setzte ihren Kampf für die Rechte von Frauen fort.

Auf Vorschlag des Fachbereichs Rechtswissenschaften wird FU-Präsident Dieter Lenzen Seyran Ates am Mittwoch einen der höchstdotierten Frauenförderpreise in Deutschland überreichen. Die Laudatio wird Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts, frühere Berliner Justizsenatorin und Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, halten.

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