Atlas für muslimisches Engagement : Im Zeichen der Moschee

Eine Berliner Studentin gibt in der Neuköllner Sehitlik-Moschee Unterricht in Gebärdensprache. Es ist eines von vielen ehrenamtlichen Projekten junger Muslime, die in einem Atlas vorgestellt werden.

von
Im Erdgeschoss der Neuköllner Sehitlik-Moschee hält die Berliner Studentin Merve Böyükdipi seit vergangenem Sommer ihre Kurse in Deutscher Gebärdensprache. Außerdem hat sie mitgeholfen, den Atlas zur muslimischen Jugendarbeit in Berlin zu erstellen.
Im Erdgeschoss der Neuköllner Sehitlik-Moschee hält die Berliner Studentin Merve Böyükdipi seit vergangenem Sommer ihre Kurse in...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Merve Böyükdipi sitzt vor ihren Schülern auf dem Teppichboden und macht das Zeichen für Moschee: Die Ring- und Mittelfinger bilden mit den Daumen eine Rundung, die zusammengeführt zwei Kuppeln darstellen. Dazu reckt Merve die kleinen Finger und die Zeigefinger in die Höhe. „Das sind die Minarette“, sagt sie. Janin, 20, aus Wilmersdorf bringt das zum Schwärmen: „Das ist so eine schöne Sprache.“ Sie lernt bei der Studentin Merve, 19, in den Räumen der Neuköllner Sehitlik-Moschee die Grundlagen der Deutschen Gebärdensprache.

Im vierten Semester studiert Merve Böyükdipi aus Schöneberg Audio- und Gebärdensprachpädagogik an der Humboldt-Universität Berlin. Seit vorigem Sommer bietet sie einmal pro Woche ihren Sprachkurs in ehrenamtlichem Einsatz an. Es ist eines von 16 Projekten, die im „Atlas zur muslimischen Jugendarbeit in Berlin“ vorgestellt werden. Darunter sind Projekte wie „i,slam“, der Dichterwettbewerb für junge Muslime, ebenso wie Religionsunterricht in der Gemeinde. Den Atlas haben die Jugendlichen selbst erstellt, im Rahmen des Juma-Projekts, das unter dem Motto „Jung, muslimisch, aktiv“ eine Plattform für 15- bis 25-jährige Berliner Muslime bietet und von der Robert-Bosch-Stiftung finanziert wird.

„Moschee“. Rechts im Bild: Das Zeichen fürs Gotteshaus.
„Moschee“. Rechts im Bild: Das Zeichen fürs Gotteshaus.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Auch Merve hat am Atlas mitgearbeitet. Ganz zentral ist für alle Beteiligten ein Gedanke. Merve formuliert ihn so: „Wir wollen selbst für uns sprechen.“ Über muslimische Jugendliche werde so viel geschrieben und berichtet – Merve und andere junge, engagierte Muslime aus Berlin wollen sich jetzt selbst präsentieren. Dabei erhebt der Katalog keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Nach und nach wollen die Jugendlichen die Internetseite erweitern, auf der sich die Projekte als kleine rote Stecknadelköpfe über eine interaktive Karte Berlins verteilen.

Auf Merves Kursprogramm stehen heute das Deutsche Fingeralphabet, Grammatik und Vokabeln. Auch Sehri aus Steglitz sitzt mit im Kreis auf dem grünen Teppichboden im Erdgeschoss der Moschee. Sie reckt einen Zeigefinger in die Luft, dann den Mittelfinger dazu und beugt die Fingerkuppen zweimal nach innen. Danach fährt sie sich damit über die Wange. Das heißt: Ich bin 21 Jahre alt. Zunächst wollte Sehri nicht, als ihre Freundin Merve sie zum Kurs in Deutscher Gebärdensprache einlud. „Ich dachte dafür hab ich keine Zeit“, sagt Sehri. Doch dann lernte sie einige gehörlose Kommilitonen von Merve kennen. „Die haben sich so bemüht, mit mir zu kommunizieren. Das hat mich sehr berührt.“ Wenn die sich so bemühen, dachte sie, sollte sie das auch tun.

Auch Sehri hat am Atlas mitgearbeitet. Sie hat den Beitrag zur Jugendarbeit der Sehitlik-Moschee verfasst. Dazu gehören auch Moscheeführungen. „Wie oft kommt es denn vor, dass Besucher vor der Moschee stehen und sich überlegen: Darf ich da jetzt rein oder darf ich nicht rein?“, sagt Sehri. Der Atlas soll auch Nicht-Muslime einladen, die Angebote zu nutzen. Zur Vorstellung des Katalogs sagte die Berliner Integrationsbeauftragte Monika Lüke: „Muslimische Einrichtungen sind eine tragende Stütze der Jugendarbeit geworden. Das ist der Öffentlichkeit leider noch zu wenig bekannt und bewusst.“

Die Moscheeführungen gibt es inzwischen in acht Sprachen – eine davon ist die Deutsche Gebärdensprache. Merve hat die Führung übernommen. Viermal hat sie bereits gehörlose Menschen durch die Moschee geführt. „Die waren so überrascht, weil sie es überhaupt nicht gewohnt sind, dass es ein Angebot in ihrer Sprache gibt“, sagt Merve. Sie möchte das Bewusstsein für gehörlose Menschen stärken. „Niemand sollte in der Gesellschaft ausgeschlossen werden“, sagt Merve. „Für mich ist Gehörlosigkeit, genau wie ein Migrationshintergrund, kein Defizit für unsere Gesellschaft, sondern eine Bereicherung.“

Seit der Atlas erschienen ist, hat Merve viele Anfragen für die nächste Runde des Gebärdensprachkurses bekommen. Jetzt denkt sie darüber nach, einen zweiten Kurs einzuplanen, so groß ist die Nachfrage. Und jeder ist willkommen.

Der laufende Kurs in Deutscher Gebärdensprache findet immer dienstags ab 18.30 Uhr in der Sehitlik-Moschee statt, Columbiadamm 128, Neukölln. Infos über E-Mail: dgs.unterricht@gmail.com. Der „Atlas zur muslimischen Jugendarbeit in Berlin“ ist als gedruckte Ausgabe bestellbar über E-Mail: info@juma-projekt.de mit dem Betreff: Bestellung Atlas. Im Internet gibt es den Atlas auf www.juma-projekt.de.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben