Atomunfall vor 30 Jahren : Meine Interflug-Reise durch die Tschernobyl-Wolke

Wir waren auf dem Weg nach Budapest, als allen in der Iljuschin schlecht wurde. Eine Erinnerung an einen verstrahlten Flug - und an die Zwischentöne, mit denen in der DDR über das Unglück 1986 geredet wurde.

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Die Kernkraft war in der DDR auch nach dem Unglück in Tschernobyl nicht verpönt. Blick auf das Betriebsgelände des ehemaligen "VEB Kernkraftwerk Bruno Leuschner" in Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern).
Die Kernkraft war in der DDR auch nach dem Unglück in Tschernobyl nicht verpönt. Blick auf das Betriebsgelände des ehemaligen "VEB...Foto: dpa

Ich war in der DDR privilegiert. Als Schüler durfte ich mit meiner Familie weit reisen - zumindest nach Osteuropa. Meine Mutter arbeitete bei der staatlichen Fluglinie Interflug, so kamen wir immer wieder an Freiflüge nach Leningrad, um die Schlösser der russischen Zaren zu besuchen, oder ins bulgarische Varna, um einen Ölradiator für die Gartenlaube zu besorgen.

Einmal, wir waren gerade auf dem Weg nach Budapest, brauchte ich die gesamte Zeit meine Spucktüte. Allen in der Iljuschin war übel, sogar den Stewardessen. Erst in Ungarn angekommen, erfuhren wir von westdeutschen Touristen, dass wir wohl durch die radioaktive Wolke geflogen waren, die einen Tag zuvor in Tschernobyl aufgestiegen war.

In jeder winterlichen Kohlenkrise wurde die Kernkraft gepriesen

Bei jedem Interflug-Flug bekam man etwas mit, was in meiner Johannes-R.- Becher-Oberschule in Pankow nicht auf dem Lehrplan stand. Und höchstens in Zwischentönen zu erahnen war. So war es auch mit der Atomkatastrophe 1986.

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1 von 19Foto: © Robert Polidori/Courtesy Camera Work, Berlin
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Das Unglück kam im Unterricht noch weniger vor als in den offiziellen Medienmeldungen. Es bestand auch gar kein Zweifel am Sinn der Atomkraft, schließlich wurde bei jeder winterlichen Kohlenkrise die Kraft der Kernkraftwerke in Lubmin und Rheinsberg gepriesen.

Gasmasken waren vorhanden

Trotzdem wagte einer meiner Mitschüler, im Staatsbürgerkunde-Unterricht nach Tschernobyl zu fragen – und was man tun solle, wenn so ein Unglück bei uns passiere. Der Lehrer, ein eifriger SED-Genosse, sagte: „Das müsst Ihr dann so machen wie beim Atomkrieg. Das haben wir ja schon geübt.“

Gasmasken waren jedenfalls vorhanden, damit hatten wir Schüler zur „Zivilverteidigung“ Krieg zu spielen. So ein Ernstfall war Tschernobyl aber dann nicht. Auf dem Rückflug aus Budapest ging es mir gut.

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Tschernobyl - 30 Jahre danach
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