Attackierter Rabbiner : Daniel Alter wird Antisemitismusbeauftragter

01.11.2012 11:27 Uhrvon
  • Wieder aus dem Krankenhaus entlassen: Rabbi Daniel Alter trägt noch sichtbare Blessuren. Foto: dpa
    Wieder aus dem Krankenhaus entlassen: Rabbi Daniel Alter trägt noch sichtbare Blessuren. - Foto: dpa
  • Unter den mehreren hundert Demonstranten: Die Berliner Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD). Sie alle waren zum Grazer Platz in Schöneberg gekommen, um gegen Antisemitismus zu demonstrieren. Foto: dpa
    Unter den mehreren hundert Demonstranten: Die Berliner Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD). Sie alle waren zum Grazer Platz in Schöneberg gekommen, um gegen Antisemitismus zu... - Foto: dpa
  • "Kein Antisemitismus in Friedenau" hieß das Motto. Der Rabbi war vor den Augen seiner kleinen Tochter von vier Jugendlichen angegriffen und verprügelt worden. Foto: dpa
    "Kein Antisemitismus in Friedenau" hieß das Motto. Der Rabbi war vor den Augen seiner kleinen Tochter von vier Jugendlichen angegriffen und verprügelt worden. - Foto: dpa

Der Rabbiner Daniel Alter war Ende August brutal attackiert worden. Nun hat der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ihn zum neuen Antisemitismusbeauftragten berufen.

Die Überraschung ist gelungen. Auf der Sitzung des Gemeindeparlaments am Mittwochabend präsentierte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin einen neuen Beauftragten gegen Antisemitismus: Rabbiner Daniel Alter. Mit großem Applaus wurde Alter von den Gemeindemitgliedern willkommen geheißen. „Gut dass es jetzt wieder eine Anlaufstelle gibt, an die man sich wenden kann, wenn man angepöbelt wurde“, sagte eine ältere Dame. „Da fühlt man sich gleich sicherer.“
Kurz nachdem Gideon Joffe im Frühjahr das Amt des Gemeindevorsitzenden übernommen hatte, setzte er Levi Salomon, den damaligen Antisemitismusbeauftragten, vor die Tür, weil angeblich kein Platz mehr für ihn in der Gemeinde sei.

Auch die telefonische Hotline wurde abgeschaltet.
Rabbiner Alter sei ein „konsequenter und doch besonnener Mahner“, sagte Joffe nun als Begründung, weshalb er sich für Alter entschieden habe. Der 53-jährige Rabbiner hatte Ende August traurige Berühmtheit erlangt: In Friedenau war er von Jugendlichen zusammengeschlagen worden, nachdem er die Frage, ob er Jude sei, bejaht hatte. Seine Tochter stand daneben, gegen die Sechsjährige sprachen die Täter eine Todesdrohung aus. Der jüdische Geistliche musste schließlich stationär im Krankenhaus behandelt werden. Der Vorfall sorgte in Berlin, bundesweit und auch international für Bestürzung, mit einem Kippa-Flashmob solidarisierten sich Demonstranten mit Rabbi Alter.
"Ich möchte in der Öffentlichkeit das Bewusstsein dafür wecken, dass es nicht alleine im Interesse der jüdischen Gemeinschaft ist, Antisemitismus zu bekämpfen", sagt Alter nun. Dieser Kampf sei ein Kampf für den Erhalt der demokratischen Zivilgesellschaft und somit im Interesse aller. Besonders wichtig sei es, dass Lehrer mit Jugendlichen über das Thema sprechen. Doch wie? „Viele Lehrer wissen nicht, wie sie mit Gewalt und Rassismus im Unterricht umgehen sollen“, sagt Alter. Zusammen mit Schulen will er Fortbildungsprogramme entwickeln.

Den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde möchte er eine Anlaufstelle bieten, an die sie sich wenden können, wenn sie antisemitisch angegriffen werden. Es soll auch eine Umfrage unter den Gemeindemitgliedern geben, um zu erfahren, ob es bestimmte „Hot Spots“ in der Stadt gibt, wo es besonders häufig zu antisemitischen Pöbeleien kommt. Neben der Präventionsarbeit will er Opfern bei akuten Vorfällen helfen und gegebenenfalls auch Druck ausüben, etwa auf Fußballvereine, sollte sich herausstellen, dass auch nach mehrmaligem Mahnen die Sensibilität für das Thema fehle.

Daniel Alter ist zugleich auch neuer Beauftragter für den interreligiösen Dialog der Jüdischen Gemeinde. „Mit den anderen zu sprechen, steht am Anfang jeder Präventionsarbeit“, sagt der Rabbiner. „Wenn man den anderen als Person, als Individuum, wahrnimmt, beleidigt man ihn nicht so schnell.“ Er will auch verstärkt mit muslimischen Organisationen ins Gespräch kommen, um sie für den gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus zu gewinnen. Die Aufgaben seien nicht völlig neu für ihn, sagt Alter. Ein Schwerpunkt seiner bisherigen Arbeit lag beim interreligiösen Dialog.

Umfrage

Sommerzeit ist Badezeit. Gehen Sie gerne in Berliner Seen schwimmen?

Service

Zehlendorf Blog

Wir möchten mit Ihnen ein Experiment wagen: Unsere Zehlendorf-Seite ist online - das digitale Magazin aus dem Berliner Südwesten. Ein journalistisches Produkt zum Mitgestalten. Jeden Tag kümmern wir uns, gemeinsam mit Jugendlichen und Leser-Reportern, um die spannendsten Geschichten aus dem Stadtteil, um lokale Politik und das Lebensgefühl der Menschen.
Der Zehlendorf Blog - das neue hyperlokale Online-Magazin

Entdecken Sie Berlin


Wo sind die besten Cafés der Stadt zu finden? Wo die besten Spielplätze? Oder wie finde ich die interessantesten Museen und Theater?
Mit der neuen Best-of-Berlin-App können Sie spielend Berlin entdecken.

Der Stadtleben-Blog

In Berlin kommt man nicht zur Ruhe. Zum Glück. Hier bloggen vier Tagesspiegel-Autoren über Kultur, Szene und Nachtleben der Stadt.
Berichte aus einer lauten Stadt

Nachrichten aus den Bezirken

Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
Diskutieren Sie mit!

Weitere Themen

Willkommen im Tagesspiegel

In unserem Verlagsgebäude finden Lesungen und Salons, Konzerte, Vorträge und Seminare für Leserinnen und Leser statt, zu denen wir Sie herzlich einladen.
Das Stadtmagazin des Tagesspiegels.

Tagesspiegel-Spendenaktion

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...