Berlin : Ausländerquote für Schulen in Dahlem

Umstrittener Vorschlag: Sprach- und Integrationsprobleme sollen durch eine bessere Schülermischung gemildert werden

Susanne Vieth-Entus

Die heile Schulwelt von Dahlem, Frohnau oder Friedrichshagen soll Migrantenkindern nicht mehr verschlossen sein: Der Vorsitzende der GEW-Schulleitervereinigung, Erhard Laube, schlägt vor, dass Schulen mit niedrigem Ausländeranteil Plätze für nicht deutschsprachige Kinder vorhalten müssen. Die jetzige Verteilung nach dem Wohnortprinzip soll teilweise ausgehebelt werden, „um für viele ausländische Kinder bessere Bildungschancen zu schaffen“, erhofft sich Laube. FDP und Grüne haben Sympathien für den Vorschlag, die CDU lehnt ihn ab. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) sagte, Laubes „Reißbrettstrategie“ scheitere an rechtlichen und praktischen Grenzen.

Laube, der die Schöneberger Spreewald-Grundschule leitet, ärgert sich darüber, dass bildungswillige Migranten aus den sozialen Brennpunktbezirken mitunter von Schulen in gutbürgerlichen Gegenden abgelehnt würden, weil diese freie Kapazitäten lieber mit deutschsprachigen Kindern füllten. Um dem entgegenzuwirken, fordert Laube eine Quote: Demnach sollen Schulen Migranten aufnehmen, solange sie nicht 20 oder 30 Prozent Kinder nichtdeutscher Herkunft haben. Laube begründet die restriktive Forderung damit, dass Migranten in deutschsprachigen Klassen die Sprache schneller lernen als in Klassen mit hohem Ausländeranteil. In Berlin haben 60 Grundschulen mehr als 60 Prozent Migranten und knapp 30 Grundschulen über 80 Prozent.

Böger hält dem entgegen, dass Schulen mit hoher Migrantenquote wie die Weddinger Erika-Mann-Grundschule erfolgreich arbeiteten. Mittelfristig könne es aber eine Lösung sein, wenn Bezirke die Einzugsbereiche von Schulen „ausgeglichener“ zuschnitten. Auch der CDU-Bildungsexperte Gerhard Schmid hält nichts von Laubes Vorschlag. Es gehe nicht an, dass deutsche Kinder keinen Platz in ihren wohnortnahen Schule bekämen, weil diese eine Migrantenquote erfüllen müssten. Man solle lieber auf Sprachförderung in Kitas und in Vorklassen setzen, um die Integrationsprobleme der Schulen von vornherein zu mindern, meint Schmid.

Özcan Mutlu von den Bündnisgrünen findet die Quotenidee „nicht schlecht“. Zwar löse sie die Probleme nicht generell, aber immerhin könne sie bewirken, „dass Migranten nicht mehr abgewimmelt werden“, wenn sie ihre Kinder an einer Schule ohne hohen Ausländeranteil unterbringen wollen. Mieke Senftleben von der FDP hält es für „Diskriminierung pur“, wenn es stimmt, dass Migranten an bestimmten Schulen nicht angenommen werden. Sie will eine bessere Durchmischung aber nicht durch neue Gesetze oder Quoten erreichen, sondern durch eine generelle Auflösung der jetzigen Einzugsbereiche. Denn die Einzugsbereiche führen dazu, dass die Kinder unter Umständen gezwungen werden, in ihrem Wohnumfeld zur Schule zu gehen.

Wie berichtet, ziehen inzwischen viele bildungsbewusste Migranten in die Außenbezirke oder ins Umland um, weil sie ihre Kinder in einem deutschsprachigen Umfeld in die Schule schicken wollen. Ihnen könnte man durch Laubes Quotenlösung einen Umzug ersparen. Es bliebe aber das Problem, dass die Kinder weite Wege in die Grundschule zurücklegen müssten, denn die rund 200 Grundschulen mit geringem Ausländeranteil gibt es nur noch an der Peripherie der Westbezirke und im ehemaligen Ost-Teil. Dort aber fürchten sich viele Migranten vor ausländerfeindlichen Ressentiments.

Die Wissenschaft streitet übrigens, bei welchem Migrantenanteil die kritische Grenze für eine erfolgreiche Sprachförderung liegt. Für viele Eltern ist bei 50 Prozent diese Grenze erreicht: Sie suchen sich dann eine andere Schule – notfalls mit Scheinadressen in „besseren“ Bezirken.

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