Berliner Wald : Lichtung und Wahrheit

Lärm, Stress, Chaos – unser Autor braucht eine Stadtpause. Er sucht Ruhe im Berliner Wald. Und findet eine Welt, die gar nicht ruhig ist – aber glücklich macht.

Karl Grünberg
Bunter Oktober. Bäume im Wald der Revierförsterei Dachsberg in Zehlendorf.
Bunter Oktober. Bäume im Wald der Revierförsterei Dachsberg in Zehlendorf.Foto: Thilo Rückeis

Früh am Morgen, in der S-Bahn um den Ring. Menschen dicht an dicht, ein Regenschirm drückt in den Rücken, ein Ellbogen rammt in den Bauch, der Reifen eines Fahrrads schmiert Dreck auf meine Hose. Rechts: Ein Baby schreit und schreit, die Mutter aber tätschelt ihr Smartphone. Links: eine rote Nase. Sie explodiert, Rotz fliegt durch die Luft, Schleimtropfen landen auf meinem Gesicht.

Voll! Die Stadt ist so voll! Menschen, Menschen, Menschen. Schüler, Bauarbeiter, Anzugträger. Einer kommt noch schnell mit seiner Zigarette in die Bahn, zieht dran, schnippst sie nach draußen und bläst mir anschließend den Rauch ins Gesicht. Ein anderer liest Zeitung: Anschlag in der Türkei, Pegida in Dresden, Flüchtlinge bei Minusgraden vor dem Lageso, entführtes Kind, Prozess um ermordete Schwangere.

Berlin, endlose Häuserschluchten, Abgase, Baustellen. Betrunkene vor Supermärkten. Junkies, die sich auf der Bahnhofsbank ihr Heroin über Alufolie erhitzen, Demonstrationen für und gegen bessere Welten, Prügeleien wegen eines falschen Blicks. Und immer wieder Warten. Warten, dass der Stau verschwindet. Warten, dass die Ringbahn fährt. Warten, dass es an der Kasse weitergeht. Warten auf einen Termin im Bürgeramt.

Aber es gibt eben auch diese schönen Herbsttage. Wenn die Sonne scheint, die Luft klar und kalt ist. Ein Genuss. Und dann erst die Bäume! In diesem Licht! Ihre Blätter, sie strahlen gelb und rot. Farbkompositionen, zum Weinen schön. Gedanken an früher: Warum werden die Blätter gelb? Weil es kalt geworden ist, hat mir mein Vater erklärt. Damals, vor 25 Jahren. Der starke Vater, der am Teufelssee mein Fahrrad stützte, bis ich selber fahren konnte. Der mit mir auf den Teufelsberg stieg, um Drachen fliegen zu lassen. Der mit mir das Kanu über den Wannsee steuerte. Im Herbst kommen die Erinnerungen.

29.000 Hektar voll mit Bäumen, Wiesen, Wildschweinen

Ich hatte es fast vergessen. Berlin hat richtige Natur, nicht nur Parks und das Flugfeld, Berlin hat sogar Wald. Der Bucher Forst, der Tegeler Forst, der Wald in Spandau und in Köpenick und der Grunewald. Hab ich einen ausgelassen? 29.000 Hektar voll mit Bäumen, Wiesen, Wildschweinen und bunten Blättern. Das sind 290 Quadratkilometer. Das sind etwa ein Drittel der Berliner Gesamtfläche, wenn man jene Wälder in Brandenburg dazuzählt, die noch dem Land Berlin gehören. Keine andere deutsche Großstadt kann das bieten.

Aber können die von Chaos zu Chaos taumelnden Berliner den Wald noch genießen, ihn hören, ihn riechen, ihn schmecken? Vögeln lauschen, Pilze finden, das Wildschwein unter den Büschen sehen? Weiß der Stadtmensch überhaupt noch, wie sie aussehen, die Buche, die Eiche, die Kiefer?

Ich höre die Entscheidung in mir fallen. Tschüss Computer, Schreibtisch, Termine und Schnickschnack. Tschüss volles Berlin. Ich fahre in den Herbstwald. Eine Woche lang. Morgens, wenn die anderen ins Büro müssen, biege ich ab ins bunte Paradies, ob Regen oder Sonne. Ich brauche das jetzt. Die Ruhe, die Abgeschiedenheit, ein Wanderer hier und da, und ansonsten: Ereignislosigkeit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar