Berlin : Berliner? Wer ist ein

Nur ein Viertel der 3,5 Millionen Berliner ist in dieser Stadt geboren. Seit jeher geben Zugezogene hier den Ton an – und werden irgendwann selbst zu Ureinwohnern. Auf der Suche nach einem sehr ortsspezifischen Charakter.

Thomas Lackmann Illustration: André Gottschalk

Existiert in zwei Unterspezies, von denen Hb-W den

Mittelpunkt der Stadt am Ku’damm imaginiert, Hb-O

am Fernsehturm. Der Hb begibt sich nur widerwillig, für

Unvermeidliches, mit Gruseln und Gänsehaut, in den

jeweils andern Teil der Stadt, kehrt jeweils erleichtert

zurück. Ideologische Bezugspunkte sind für Hb-W

das „Luftbrücken-Berlin“ des Insulaners, für Hb-O die „Hauptstadt der DDR“. Beide Spezies registrieren

verbittert, wie Spezifika ihrer Halbstadt-Identität durch Überfremdung diffundieren, wozu Beleuchtungs- und

Reklamewandel, Gerüche, Gebäudeabrisse, überflüssige Neubauten, mutierte Straßennamen und politische

Machtwechsel gehören. Der Hb verteidigt den Kuschel-

und Schulterschlussfaktor der Teilungsepoche

sowie bedrohte oder schon geschleifte Halbstadt-

Monumente
(ICC, Palast der Republik, Flughafen Tegel, Friedrichstadtpalast) gegen alle Zumutungen lokalpolitischer Vernunft. Äußere Merkmale beider Varianten

(etwa ausgezogene Straßenschuhe im Wohnbereich

beim Hb-O) verlieren durch schleichende Assimilation

an Eindeutigkeit.

Zieht die Vergangenheit der Stadt dem

hässlichen Präsens vor. Hat sich aus Bildern

und Geschichten verklärter Spree-Athen-Zeiten ein nostalgisches Ideal à la Klassizismus oder Gründerzeit collagiert. Träumt von geklonten Schlössern, Brücken, Stadtvierteln, zurückgeführten Straßenzügen, von an Ursprungsstandorte heimreisenden Denkmälern und

dem ewigen Licht funzeliger Gaslaternen,

von niedlicher Kopfsteinpflasterung und

respektvoller Traditionspflege. Sammelt historische Stiche und Fotos, protestiert leidenschaftlich gegen postmoderne Stadtplanung, nüchterne oder exzentrische Neubauten sowie Missachtung der Traufhöhe. Der Rb verehrt,

ohne ein Revival der Monarchie zu fordern, starke Persönlichkeiten aus Preußens Glanzzeiten, gegen die der gemeine Parteifunktionär von heute schlapp aussieht.

Der einzige definitive Bösewicht unter den Berliner-Typen. Erträgt den fremdbestimmten Aufenthalt ohne Empathie. Hat das Messer des verbitterten Berlin-Bashings allezeit offen in der Tasche. Hasst den Zufallsort, an dem ihn die Politik (Hauptstadtumzug), Karriere, Beziehungsklammer oder Asylbehörde festhalten. Sehnt sich weg dorthin,

wo flächendeckender Hundekot, allgegenwärtige Miesepetrigkeit, politische Wurstigkeit, zynische Verwaltungsbeamte und endlose Tiefdruckgebiete die Lebensqualität nicht zerstören. Der Zb wünscht sich an den Ort in

Westdeutschland oder in sonnigen Regionen, aus dem ihn das brutale Schicksal fortgerissen hat. Leidet ebenso an der Verbannung in den ersten Kreis der Hölle wie an der eigenen Unfähigkeit, dieses Exil durch Flucht zu beenden. Kann sich noch zu Lebzeiten dem --> Urberliner in einigen Wesenszügen überraschend anverwandeln,

soweit er nicht zuvor der Stadt, die nie aus dem Quark kommen wird, erleichtert den Rücken kehrt.

Der echte Berliner ist ein kommunistischer Dichter, geborener Niedersachse, hat sich in der Hauptstadt das Leben genommen. Oder Maler, geboren in Miesbach (Oberbayern), gestorben zu Stuttgart, verbrachte dramatische Atelierjahre an der Spree. Die echte Berlinerin ist eine Kreolin mit breitem Lächeln. Oder Fotografin, geboren in Wilmersdorf, und hat die kreolische Schöne abgelichtet; wurde ermordet im Vernichtungslager. Als echt gilt auch die anonyme, laszive Rothaarige beim Friseur – zu sehen auf dem Aquarell einer in Friedenau begrabenen Zeichnerin.

„Treffen Sie echte Berliner!“ lautet die Werbekampagne der Berlinischen Galerie: Alle Dargestellten und ihre Künstler zeigen, wie sich Lokaltypologie zur ungeschützten Marke verflüchtigt. Dagegen meint man, den kernigen Urberliner praller und markanter zu kennen: pampig, muffig, schwer plattzumachen, kritisch gegen Aufschneider, komplexverdruckst, schaulustig, rotzig und sentimental. Sein Nachteil: Es gibt ihn (fast) nicht mehr.

Wer ist schon echt? Geboren in Berlin wurde überhaupt nur noch ein Viertel von derzeit 3,5 Millionen Einwohnern, ebenso viele sind nichtdeutscher Herkunft; die Schnittmenge beider Gruppen nicht zu vergessen. Von der Gesamtzahl kam knapp die Hälfte erst nach 1991 in die Stadt. Ungefähr die gleiche Menge hat seitdem ihre Koffer gepackt, manche blieben der Kommune wohl als Speckgürtel-Pendler erhalten. Jährlich 150 000 Zugänge, 130 000 Abgänge. Angesichts solcher Zahlen signalisiert der Gentrifizierungs-Aufschrei aus invasionsbedrohten Kiezen weniger den Überlebenskampf der Ureinwohner als Verteilungskonflikte unter Zugereisten.

Das Austausch-Szenario passt zur Kontinuität: Eingeborene gelten in Berlin immer schon als Ausnahme. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hatte die entvölkerte Residenz Immigranten gebraucht. Am Ende des 18. Jahrhunderts, berichtet – lange vor dem Massenzustrom im Industrialisierungszeitalter – ein Zeitzeuge, er finde nur „wenig ,echte‘ Berliner“, aber viele Zugezogene. Damals, um 1800, habe das Stadtleben „neue Elemente“ rasch umgewandelt, kommentiert rückblickend Hans Ostwald in seiner Anekdotensammlung „Der Urberliner“ (1928). Alle „befleißigten sich, das Berlinertum anzunehmen“. Das gilt auch noch für die roaring twenties: „Das Berlinertum erhält sich. Selbst alle, die neu nach Berlin kommen, die ihre Existenz finden und auf dem mit tollem Trubel erfüllten Berliner Asphalt festwurzeln, nehmen unwillkürlich von der Art und dem Wesen des Berliners an.“

In seinem acht Jahre später unter dem Titel „Das unbekannte Berlin“ verlegten „Führer durch Straßen, Zeit und Menschen“ zitiert der Autor Hans von Wedderkop verblüffende Rechnungen: In den Adern des hiesigen Indigenen fließe 37 Prozent germanisches (viel süddeutsches), 24 Prozent slawisches (Wenden, Böhmen) und 39 Prozent romanisches Blut. Der Gesamttypus „Berliner“, wie er sich ab 1840 profiliere, sei „frech, dreist und gottesfürchtig“, schnodderig, aufmuckend, vergnügungssüchtig, geneigt zum „Scheinenwollen“. Positiv falle auf: die von Hinterlist freie „große Offenheit“, Findigkeit und „eine Art Anständigkeit“. Denn: „Das glänzendste Zeugnis …, welches man den Berlinern in Bezug auf ihren sittlichen Werth … geben kann, ist der statistisch nachgewiesene Umstand, daß die begangenen Verbrechen größtentheils von Eingewanderten herrühren.“ Der Autor bedauert: „Die Stadt ist überfremdet.“ Es ist 1936.

Seit jener Zeit haben sich die Bedingungen für Fluktuation oft gewandelt, Herausforderungen an die Schnodderigkeit nahmen zu. Verbürgt ist die Szene von dem Arbeiter, der einer als Jüdin markierten Frau („Setz dir hin, olle Sternschnuppe“) seinen Platz in der Tram überlässt, worauf ein NS-Funktionär protestiert und der andere bellt: „Üba meenen Arsch verfüje ick alleene!“ Später hieß es: „Wer jetzt noch lebt, ist selba schuld – Bomben sind jenuch jefallen.“

In der Hauptstadt der Kleine-Leute-DDR erfreut sich das Berlinische resistenter Biotope. Witz als Kabarett zelebrieren der depperte „Genosse Funzionär“ (Ost) und Schlabberschnauze Wolfgang Gruner (West). Bis Ende der 80er Jahre erscheinen Lyrikbände des Tempelhofer Mundart-Dichters Kurt Steinkrauss (geboren 1915); ein Unterrichtsvorschlag (West) untersucht „Berliner Dialekt“ samt gruppenspezifischen „Wirkungen in unterschiedlichen Kommunikationsbereichen“. In den 90er Jahren der offenen Stadt wird die Senatsbroschüre „Das Türkische Berlin“ mehrfach aufgelegt – und Ratgeberliteratur produziert, die anrückenden Westdeutschen Riten und Routen auf dem Touri-Tablett serviert: „In 55 Schritten zum Hauptstädter“.

Burkhard Kieker, aufgewachsen in Lübeck und Gummersbach, zog vor 25 Jahren in die Insel-Stadt. Einheimisch fühlt er sich erst seit dem Mauerfall-Erlebnis; wenn ihm versehentlich mal was Mundartähnliches entfährt, schauen ihn die Kollegen mitleidig an. Heute untersucht der Berufsberliner als Geschäftsführer von Visit Berlin, was Besucherscharen anlockt: das entspannte Lebensgefühl. Der Ortsansässige, von dem dieses Flair ausgehen müsste, sei zwar skeptisch (wie der Urberliner!), aber herzlich. Fremdenabwehr gebe es nicht wirklich: Anti-Touri-Aktionen der Autonomen bedienten eher einen Medienhype. Spanier und Italiener suchen hier attraktive neue Clubs, Deutsche die verruchte Kapitale, das „leichte Aufstellen der Nackenhaare“, so der Fachmann. Der Realbürger, der dieses Babylon verkörpert, habe mit dem alten Klischee vom preußischen Bahnhofsvorsteher nichts mehr gemein. Dem Urberliner trauert Kieker trotzdem nach: Von seinem 75-jährigen Freund Horst, Ex-Hausmeister des FDGB, höre er noch Sprüche wie „Du bist doch auf der Kohlrübe einjeritten!“ – ein Echo der Zuwanderung aus Schlesien. Aber: „Horst stirbt aus.“

Vom Berliner heißt es, er habe statt seiner Seele den Witz; oder er wehre sich mit Witz, um die Seele zu retten. Auf der Suche nach dem mentalen Markenkern umkreisen Experten seit 150 Jahren Sprache, Komik und Charakter. Das Berlinische bestehe aus „verdorbenem Plattdeutsch und allem Kehricht und Abwurf der höheren Gesellschaftssprache“, mäkelte der Biedermeier-Schriftsteller Willibald Alexis. Zum Niederdeutschen, das sich brockenweise erhalten hat, war der nordschwäbische Dialekt askanischer Markgrafen und erster Siedler aus dem Gebiet zwischen Harz und Saale hinzugekommen. Das Obersächsische legt sich als Kanzleisprache darüber; die Umwandlung von „ei“" in „ee“, von „g“ in „j“ ist nicht mehr zu stoppen. Es folgt der Einfluss des Französischen (Boutique = Budike) und, auf dem Umweg übers Gaunerrotwelsch, des Jiddischen (Kittchen, Pinkepinke). Gegen den steifen Akkusativ sträubt sich der dativfixierte Jargon ebenso wie gegen den Genitiv („Vattan sein Schirm“). Seine begeisterte Vereinnahmung fremder Worte hat poetischen Zauber: „Doppelsohlen kauendes Nashorn“ (doppelkohlensaures Natron). Die Bildkraft der Wortspiele (Mandoline = Wimmerkürbis) beeindruckt, ebenso Vokabelvarianten: duhn, jeladen, besoffen, blau, beschickert, beschnurjelt, hat een jeheerigen Zacken in de Krone, anjedudelt, molum, schwer jeladen, knille, im Tran. Schlagfertigkeit täuscht Rauflust vor: „Wo willste liejen? Eeen Hieb – der zweete wär Leichenschändung.“ Das originär Berlinische sei ein „Instrument für witzige Lebensgestimmtheit“, schwärmt der Kenner Walter Kiaulehn, und erkennt darin „den Unschuldsglanz des Naiven“.

Manfred Uhlitz, Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins, repräsentiert 700 Mitglieder, die sich – großteils wie er vor Ort geboren – „als wirkliche Berliner fühlen“. Und Sonnabend sagen, nicht Samstag! Mehr als an Mundart oder am ausgestorbenen Typus, sagt Uhlitz, seien sie an der Historie interessiert. Früher lief das über Vorträge, heute konzentriere man sich auf Ausgrabungen, verschwundene Orte. Das Eintrittsalter liege zwischen 50 und 60: Wenn die Geschichtsneugier erwacht, und der Sinn für die Überlieferung. „Früher musste ich selbst all das aus Büchern lesen – heute bin ich Zeitzeuge und erzähle, wie ich durch die DDR fuhr, um die Oma zu besuchen.“

Rosemarie Baudisch, die als Geschäftsführerin der Historischen Kommission zu Berlin gerade für Hildegard Knef eine Gedenktafel realisiert hat, definiert das Spezifische anhand verdienter Persönlichkeiten. Sie selbst war 1974 „aus dem Norden“ hierhingekommen und empfand sich bereits nach einem Jahr als zugehörig. „Die echten Berliner hat es noch nie gegeben.“ Andererseits sei die (in Ulm geborene) Knef tatsächlich ein „Urtypus“. Durch Gedenktafeln und Straßennamen würden die Bürger mit Menschen konfrontiert, die für Berlin wichtig waren. Eine kognitive Unterfütterung für Nachwuchsberliner. Doch wird der türkische Mitbürger deshalb von „Seelengasometer“ (Dom) und „Nagelfeile“ (Paul-Gerhardt-Kirche) sprechen?

Dass zur Naturalisierung jedenfalls eine Prise Teilhabe gehört, zeigt sich bei der Suche nach dem Berlinjefühl ohne Meldebescheinigung. Eine Migrantin, die seit zehn Jahren zunächst geduldet, danach illegal hier gelebt hat, bekennt auf Hochdeutsch: Seit zwei Jahren empfinde sie sich als eine „Musikerin, die sich als Berlinerin fühlt“. Der Umschwung kam mit regelmäßigen Auftritten, die ihr zeigten „dass es für mich die richtige Stadt ist – auch wenn ich nicht die ganze proletarische Mentalität übernehmen will. Es ist toll, dass nun auch Kinder von Zuwanderern auf neue Art Berliner werden.“

Über die Beschaffenheit des (Neu-)Berliners hat sich Lothar Binger, sozialisiert in Gütersloh, seit 50 Jahren an der Spree, lange den Kopf zerbrochen. Von den Kindern und Enkeln des geborenen Ostpreußen berlinert keines. In dieser Stadt hätten immer schon Dazugekommene, denen der Urbewohner als Fremder erschien, bestimmt, was passiert. Der Berliner sei ignorant und tolerant, ein Geschöpf der Notwehr, seine Sprache eine Technik der Abwehr und der Orientierung in dieser „unglaublich schnellen Stadt – für den Berliner ist sie schnell, weil er langsam ist“. Über den lokalen Witz, dessen Wiederbelebung er bezweifelt, hat Binger das Standardwerk verfasst. Der trockene Berliner kaspere nicht mit dem Körper, sondern tobe sich in „verbalen Größenfantasien und in witziger Verdrehung der Wirklichkeit aus“.

Als aktuelle Prototypen rühmt der Forscher Desirée Nick und Kurt Krömer: Die hätten ihre „Darstellung des Berlinertums mit dem heutigen Comedy-Mainstream verbunden“. Krömer, der sich in seiner eigenen Show gegenüber Gästen und Publikum angeberisch oder über Mitleidserregung behaupte („Ich werd eingesperrt hinten, dann wird mir noch was gespritzt und denn komm ick hier raus, und abends weeß ick jar nich, wo ick war“), sei keine Kunstfigur.

War die Gelsenkirchnerin Claire Waldoff („Was braucht der Berliner, um glücklich zu sein?“) ihre eigene Kunstfigur – oder Berolina in Person? Ist Klaus Wowereit, samt seiner grandiosen Wurstigkeit, ein politisches Produkt – oder einer der letzten authentischen Mohikaner? Städte wie Jerusalem oder Königsberg haben zwar, nach dramatischem Bevölkerungsaustausch, ihre Identität wieder oder neu erfunden: Den Bestand ihres vormalig urtümlichen Menschenschlages sichert das noch nicht. Neuankömmlinge, meint Lothar Binger, hätten sich oft „in gekonnter Mimikry an die Spitze des Berlinertums gesetzt“. So gebe es „mehr Berliner, als es den Anschein hat“.

Der Neoberliner wäre dann ein dialektfreies kollektives Gesamtkunstwerk aus topografischer Erfahrung, verinnerlichten Erzählungen und individueller Großstadtneurose – in verschiedenen Ausprägungen, siehe Typologie rechts! Falls allerdings eines dieser Modelle Ihr Selbstbild hundertprozentig trifft, sollten Sie darüber mit Ihrem Therapeuten reden ...

Mag ganz ohne B. weder leben noch sterben.

Hat sich zwischen Herzensdomizil und fadem

Erstwohnsitz – Koffer hüben, Wohnung drüben

schizocool eingerichtet. Gibt in der Provinz den

naserümpfenden Hauptstadt-Fuzzi, darf immer

wieder mit neu-verliebtem Blick heimkehren, sich

zugleich weltläufig über Berlins Kleinkariertheit

mokieren. Ist im Zweifel dann mal weg, wenn’s

grässlich wird (Winter!). Holt aus dem Doppelleben

für sich das Beste, leidet am logistischen Hin- und-Her-Aufwand. Konzentriert sich während

seiner Berlin-Phasen aufs vertraute Revier und

darauf, nichts Wichtiges zu verpassen, um sich

anderorts vom Berlin-Stress zu erholen. Scheitert

regelmäßig daran, Pendler-Diary, soziales Netzwerk und Highlights kompatibel abzustimmen. Fühlt,

wie ihm das Herz aufgeht, sobald er wieder vom

ICE aus die Lichter der Häuserzeilen am Bahn-

damm sieht. Würde das niemals zugeben.

Idealisiert und bespielt sein Metropolendorf mit Spielplatz, Schule, Kneipe, Fahrradladen und Tante Emma nebenan. Das heimliche Landei unter den Stadtneurotikern, gesteuert durch Kontrollobsession und irrlichternd kommunikative Energie.

Kb
unterstützt Bürgeraktionen gegen

Wirtshauslärm und Autoverkehr, behält Falschparker im Auge, organisiert Nachbarschaftsfeste, schützt Baumscheiben und verfolgt Hundehalter ohne Fäkalgewissen.

Gegenüber quirligen Kindern, Touristen

und ungenierten Zuzüglern diverser Hautfarben zeigt er Toleranz, soweit der Status quo behaglicher Kontinuität nicht gefährdet wird. Kann sich den Umzug in einen Alternativ-Kiez schwer vorstellen, durchquert aber unverzagt Fremd-Kieze, um zum Hauptbahnhof, zum Flughafen oder zentralen Events zu gelangen. Findet den Gentrifizierungs-Hype anderer Quartiere hysterisch, so lange Geschäfte und Nachbarn

vor Ort dieselben bleiben.

Kgb (ethno) reduziert persönliche Wahrnehmung und Sozialkontakte auf die eigene Community. Sein Wortschatz zur Kommunikation mit der Mehrheitsgesellschaft bleibt unter 200 Radebrech-Vokabeln; Muttersprache des Herkunftslandes, dessen Medien, religiöse Traditionen und politische Nachrichten bestimmen das Wertesystem.

Kgb (ethno)
sieht sich aufgrund dieser Bildungsbeschränkung stark benachteiligt

und schnell zur Defensivattacke herausgefordert, deren Zuspitzung in seiner Selbstdefinition als Opfer staatlicher Naziwillkür besteht. Kgb (ethno) bevorzugt zunächst Quartiere, in denen die eigene Ethnie präsent ist. Vom Umzug in ein besseres Viertel mit weniger Ausländern erhofft er für sich oder seine Kinder eine Steigerung des gesellschaftlichen Status, leidet dort aber unter Einsamkeit, Desinteresse der „deutschen“ Nachbarn und der Andauer des Käseglocken-Reflexes. Entscheidet

sich schließlich zur Rückkehr ins Herkunftsland – oder mutiert in der Folgegeneration zum nachgezüchteten --> Urberliner.

Wirkt in der (Musik-)Theater, Museums- oder Medienbranche. Realisiert Vorgänge

der Stadt nur im Kontext der eigenen Produktionen, der eigenen Institution oder der Konkurrenzprodukte, kombiniert mit Kantinenkolportage. Hält diese Wahrnehmung für objektiv, die eigene Weltverarbeitungsfabrik für den Metropolen-Nabel. Betrachtet B. als Superkulisse und Materialdepot für die Aufbereitung hochspannender Ideen. Konzentriert seine Bewegungsschneisen auf In-Quartiere der Multiplikatoren und

Entscheider (Mitte, Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Charlottenburg), von wo er nach

ausufernden Arbeitstagen schnell den eigenen Wohnsitz aufsucht. Bekommt dabei vom Leben „der Menschen“ irritierende Details mit, die sofort wieder überlagert

werden durch das ausschlaggebende Speicher-Ranking der Presseagenturen, Talk-Show-Auftritte, Kulturpreise. Kgb (professionell) internalisiert den informellen

Darwinismus, nach dem ein Ereignis nur stattgefunden hat, wenn der „Spiegel“ oder „aspekte“ darüber berichten und Promis/Vorgesetzte die Bedeutung bestätigen.

Reagiert verstört, wenn ihn Berichte von Sternstunden im Zentrum oder jwd, die im Wahrnehmungsfilter der Käseglocke hängen geblieben waren, auf Umwegen erreichen.

Idealisiert B. als die einzige deutsche Stadt, in der man leben kann.

Lädt bei regelmäßigen Visiten die Imagination mit Lieblings-Locations

auf. Träumt lebenslang davon, an die Spree zu ziehen, wo alles cooler

und doller ist, was bei regelmäßiger Rückkehr durch Wiedersehens-

Inszenierung und Entdeckungsflanerien bestätigt wird. Verklärt in banalen anderen Aufenthaltskäffern die Aufregung, Schönheit, Abwechslung,

die Erregung, die Geschichten und die Vielfalt, die manche Berliner Ecken zu bieten haben. Wird durch die gesteigerte Frequenz seiner Aufenthalte von seiner B.-Leidenschaft nicht geheilt, sondern bestärkt. Entdeckt

nach der leibhaftigen Ansiedlung, soweit sie schließlich erfolgt, dass die

gesamtberliner Realität noch unschlagbarer ist als der Bilderbuchtraum. Wandelt sich auf Dauer vor Ort, in seltenen Fällen, zum --> Urberliner light, häufiger zum gemäßigten --> Retroberliner.

Unverstellt pampig, muffig. In der Substanz

nicht plattzumachen, kritisch gegen aufgeblasene Floskeln und Autoritäten, deftig im

Genuss, empfindlich gegen Angeberei, großmäulig gegen Rührseligkeit und Pathos.

Skeptischer Stehaufmensch, heimatfixierter Nestbeschmutzer, schaulustig neugierig,

krakehlvergnügt und gutmütig, so rotzig wie krypto-sentimental. Schätzt noch mehr als

den Kalauer seinen eigenen sprachlichen

Überschwang, samt trockenster Pointe.

Gilt trotzdem als aussterbende Spezies.

Bezeichnet sich selbst, ohne nachweisliche Niederlassung,

zur Erlangung narzisstischen Zugewinns oder politischer Vorteile

als Berliner. Oder möchte gern als solcher wirken. Begreift B. als

Label, mit dem die Wirkung der eigenen Persönlichkeit verstärkt,

ausgeschmückt oder pointiert werden kann. Tritt außerhalb der

Stadt mit der Aura des weltmännischen Hauptstädters auf,

berlinert bei Bedarf, gibt seine als Besucher erworbene Insider-

Kenntnis souverän zum Besten. Legendäres Exemplar der

politischen Abteilung: John F. Kennedy.

Hat B. für sich entdeckt, seit es wegen Regierung oder Love Parade dauernd

im Fernsehen stattfand, seitdem also hier ziemlich was los ist. Setzt persönliche

topografische Schwerpunkte anhand der angesagten Clubs, der gehypten

Ausstellungen und der Mega-Events (Straße des 17. Juni!). Sucht seine Wohnung in neuesten Szene-Kiezen und jenen, die es jetzt werden sollen. Misst

das Selbstwertgefühl nach dem eigenen VIP-oder Vernetzungs-Faktor, der durch Türsteher und (nicht erhaltene) Einladungen zu geschlossenen Gesellschaften fortwährend hinterfragt oder bestätigt wird. Belegt hinsichtlich der Dreistigkeit, trotz Anmeldung nicht zu erscheinen, einen Spitzenplatz auf der No-Show-Skala. Entwickelt beim Abend-Timing olympische Fähigkeit im Partyhopping. Heimliche Angst: den wahren Top-Termin verkannt zu haben. Sucht auch zum Chillen das

prickelnde Ambiente. Entfernte Verwandtschaft mit dem gewöhnlichen adabei

monaciensis scheint einigen Genetikern nachweisbar.

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