Besetzte Schule in Berlin : Kreuzberger nehmen Flüchtlinge im Gästezimmer auf

Als die Polizei die Gerhart-Hauptmann-Schule abriegelte, gab es auch Flüchtlinge, die dabei obdachlos wurden. Jetzt leben sie in einer WG in der Nachbarschaft. Ein Besuch bei Kreuzbergern, die nicht nur ihre Herzen öffneten.

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Besetzt. Die letzten Flüchtlinge in der Gerhart-Hauptmann-Schule dürfen bleiben. Dennoch verloren einige Bewohner ihr Obdach. 
Besetzt. Die letzten Flüchtlinge in der Gerhart-Hauptmann-Schule dürfen bleiben. Dennoch verloren einige Bewohner ihr Obdach. Foto: dpa

Ein Morgen in einer Wohngemeinschaft in der Nähe der Kreuzberger Flüchtlingsschule, Frühstückszeit am vergangenen Wochenende. Bisher wohnten hier sechs Menschen, Angestellte und Selbstständige. Aber seitdem die Polizei vor zwölf Tagen die Schule abriegelte, vergrößerte sich die Bewohnerzahl: Um drei Flüchtlinge, spontan aufgenommen, von Menschen aus der Nachbarschaft.

Sonja (Name geändert) war am Tag der Räumung zur Arbeit, kam erst spät nach Hause. „Zusammen mit einem Freund bin ich dann gegen Mitternacht noch einmal vor die Tür gegangen“, sagt sie. Unterstützer und Aktivisten hatten an einem ihrer Treffpunkte eine Notunterkunft eingerichtet, nun wurden noch Decken für die Flüchtlinge benötigt. „Als wir dort ankamen, war der Raum schon völlig überfüllt, ein paar Betten, zusammen geschobene Sessel, Matratzen auf dem Boden“, sagt sie. Da sei ihnen die Idee gekommen, ein paar der Menschen bei sich zu Hause im Gästezimmer aufzunehmen. Und sie von dort weiter zu vermitteln, beispielsweise in Wohnungen, in denen Zimmer frei stehen. Oder in Jobs, bei denen sie zwar schwarzarbeiten, aber fair bezahlt werden.

Was aus ihnen werden sollte? Unklar

Es ist eine dieser Kreuzberger Geschichten, wie hinübergeschwappt aus Zeiten, in denen ein Hans Panhoff Häuser noch selber besetzte. Und nicht als heutiger Baustadtrat den Polizeipräsidenten um die Räumung bittet. Eine Geschichte vom Widerstand gegen Gesetze, die einige Menschen rund um die Schule ablehnen. Ganz praktisch. Asylgesetze zum Beispiel. Natürlich: Es ist eine Minderheit. Aber eine, die in den vergangenen zwölf Tagen größer geworden zu sein scheint.

Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule
Konfrontation. Um die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße in Kreuzberg herrschte im Sommer eine Art Ausnahmezustand. Wir zeigen Ihnen hier die Bilder.Weitere Bilder anzeigen
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02.07.2014 17:38Konfrontation. Um die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße in Kreuzberg herrschte im Sommer eine Art...

Als rund 200 Flüchtlinge aus der Schule in andere Unterkünfte gebracht wurden und mindestens 40 Menschen sich auf dem Schuldach verschanzten, gab es eine dritte Gruppe: Flüchtlinge, die bis dato auch in der Schule lebten, die aber durch die Räumung obdachlos wurden. In die bereitgestellten Unterkünfte wollten sie nicht, in die Schule durften sie nicht: Die Polizei ließ niemanden durch ihre Absperrung. Bis zu hundert Personen standen am vorvergangenen Dienstag buchstäblich auf der Straße. Was aus ihnen werden sollte? Unklar.

„Mich interessiert nicht, warum diese Menschen angeblich nicht in Deutschland sein dürfen“, sagt nun Sonja. Deshalb habe sie auch nicht gefragt, aus welchen Ländern ihre neuen Mitbewohner stammen oder seit wann sie in Berlin sind. Sie und ihre Mitbewohner verstehen sich als politisch interessierte Menschen, die erschrocken sind über die „kultivierte Unmenschlichkeit“, mit der mit den Flüchtlingen umgegangen werde. „Das sind Menschen, die alles dafür geben würden, für sich selbst sorgen zu dürfen, arbeiten, eine Wohnung mieten“.

Unterstützung vom ersten Tag an

Dass der Bezirk die Schule tatsächlich räumen lässt, hat Burama (Name geändert) aus einem afrikanischen Land lange nicht glauben wollen. Zu oft machten Gerüchte über eine unmittelbar bevorstehende Räumung in den vergangenen Wochen die Runde unter den Bewohnern, „irgendwann stumpft man ab“.

Natürlich sei das Leben in der Schule sehr schwierig gewesen. Zu wenig Duschen, außerdem Gewalt und Diebstähle. „All die Dinge, die passieren, wenn man mit zu viel Menschen auf zu wenig Platz leben muss und es niemandem erlaubt ist, zu arbeiten und für sich selbst zu sorgen“, sagt er. Und dennoch sei selbst dieses Leben der Unterbringung in Lagern vorzuziehen. „Dort sind wir nicht frei, es gibt keinen Zusammenhalt unter uns.“

Die Erfahrungen der ehemaligen Bewohner des Camps am Oranienplatz bestärken ihn in seiner Einschätzung. „Ich glaube, dass sie uns aus den neuen Heimen abschieben werden, einen nach dem anderen“, sagt er. So seien die ersten 30 Anträge auf einen Aufenthalt von ehemaligen Bewohnern des Oranienplatzes ausnahmslos abgelehnt worden, sagt die Rechtsanwältin Berenice Böhlo, die viele der Flüchtlinge juristisch vertritt und in den Verhandlungen zwischen Flüchtlingen und Bezirk vermittelte. „Das spricht sich natürlich rum unter den Menschen“, sagt sie.

Wirkliche Alternativen schienen viele Flüchtlinge für sich nicht mehr zu sehen. „Wenn uns an diesem Abend niemand geholfen hätte, dann hätten wir im Freien übernachten müssen“, sagt Burama. Unterstützung vom Bezirk hätten sie – von der Schlaferlaubnis in der Schule abgesehen – nie bekommen. „Seit dem ersten Tag“ war man deshalb auf die Hilfe der Unterstützer angewiesen, sagt er, der vor vier Jahren nach Europa kam, mit einem Boot an der griechischen Küste landete, nach Italien reiste, in Ruinen wohnte, schließlich in Berlin ankam.

Helm ab! Solidarität mit den Flüchtlingen der Gerhart-Hauptmann-Schule
Im Kreuzberger Kiez rund um die Gerhart-Hauptmann-Schule hängen mittlerweile an vielen Fenstern Solidaritätsbekundungen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: Carmen Schucker
03.07.2014 08:58Im Kreuzberger Kiez rund um die Gerhart-Hauptmann-Schule hängen mittlerweile an vielen Fenstern Solidaritätsbekundungen.

Und hier, wie er sagt, zum ersten Mal seit vier Jahren persönliche Hilfe erfuhr, einen Schlüssel für eine Wohnung hat, in die er kommen und gehen kann, wie er will. Eine Kreuzberger Geschichte eben, mit all der Verworrenheit, die auch dazugehört, wenn ein kleiner Bezirk ein großes Problem lösen soll: Das gibt Ärger.

„Ich finde, die Flüchtlinge in der Schule sollten Ehrenbürger werden“, sagt einer aus Sonjas Wohngemeinschaft, irgendwo zwischen Witz, Provokation und Ernsthaftigkeit. Das dürfte der Sprecher des Bezirksamts, Sascha Langenbach, wohl etwas anders sehen. Aber dass einige Flüchtlinge mittlerweile bei Aktivisten und Nachbarn wohnen, gefällt ihm. „Ein tolles Zeichen der Solidarität“, sagt er.

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