Besetzung der Volksbühne Berlin : Eine Einladung im Kampf um die Stadt

Sich einfach breit zu machen wie die Besetzer der Berliner Volksbühne, ist autoritär. Der Senat hat die Kunst zu schützen - vor Dilettanten, Populisten und Wohlmeinenden. Ein Kommentar.

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Das Blaulicht eines Polizeifahrzeugs vor der Volksbühne Berlin Foto: dpa/Paul Zinken
Das Blaulicht eines Polizeifahrzeugs vor der Volksbühne BerlinFoto: dpa/Paul Zinken

Selbst für Berlin war das eine sehr spezielle Art & Performance Week. Sie ging mit dem Auftritt der Polizei in der Volksbühne zu Ende. Vorläufig. „Immersion“ ist das Modewort. Der Mensch soll in die Kunst hineingehen können, von ihr umgeben sein. Berlin hat seit vergangenem Freitag ein neuartiges, immersives Besetzer-Festival erlebt, kuratiert von Kultursenator Klaus Lederer und Volksbühnenintendant Chris Dercon, in spontaner Zusammenarbeit mit DJs, Performergruppen, Stadtpiraten, Studenten und „Staub zu Glitzer“-Eventmachern.

Be Berlin, sei kreativ! Teilhabe und Grenzverwischung spielen in der zeitgenössischen Kunst eine große Rolle. Die neue Volksbühne plant selbst ein Sleep-in im großen Haus, organisiert von dem thailändischen Filmregisseur Apichatpong Weerasethakul. Und es wird eine „szenische Konferenz“ zum Thema „Was, wenn die Frauen regieren“ geben. Dercon wandelt auf schmalem Grat. Einige seiner Projekte ähneln seltsam den Vorstellungen der Kunst-Besetzer vom Rosa-Luxemburg-Platz. Der Unterschied liegt dann in der Professionalität.

Die Besetzer werden nach der Räumung nicht einfach verschwinden. Es ging alles zu leicht, das Echo war gewaltig. Etwas ist im Gange. AfD-Gauland will sich das Volk „zurückholen“, die Glitzer-Besetzer wollen die Stadt wiederhaben, Gentrifizierer vertreiben. Sie sind keine Rechtsradikalen, sondern links verortet. Sie sympathisieren mit Linken-Chef Lederer, der sich in der besetzten Volksbühne offenbar nicht unwohl gefühlt hat. Ganz links, ganz rechts – wie weit reicht das in die Mitte? – regiert ein Misstrauen gegen Institutionen. Insgesamt wächst die Lust auf Plebiszitäres. Nun machen mal die Zuschauer Programm.

Die letzten Besetzer verlassen am Donnerstag die Volksbühne. Foto: imago/Christian Mang
Die letzten Besetzer verlassen am Donnerstag die Volksbühne.Foto: imago/Christian Mang

Autonome Räume

Auch die Volksbühne ist eine staatliche Institution, entstanden aus der Berliner Arbeiter- und Bildungsbewegung. Diese Aktivisten schenkten vor hundert Jahren der Kunst, dem politischen Theater jenen sicheren Raum, in dem es erst entsteht. Hier ist der Bruch, hört der performative Glitzer auf. Kunst und Realität sind nicht miteinander zu verwechseln oder gleichzusetzen. Das führt leicht ins Totalitäre. Die Geschichte hat dafür Beispiele genug, was passiert, wenn politische Aktion sich wie Kunst inszeniert. Die italienischen Futuristen arbeiteten Mussolinis Faschisten in die Hände. In der jungen Sowjetunion, die starke neue Kunst hervorgebracht hat, verwandelte sich Avantgarde in Propaganda, mit tödlichen Folgen.

All das ist an der Volksbühne jetzt natürlich nicht geschehen. Aber es schadet auch Besetzern nicht, Geschichte zu betrachten. Frank Castorfs radikale Volksbühnenregie bestand darin, dem Chaos freien Lauf zu lassen, die Energie seiner Schauspieler zur Explosion zu bringen. Er tyrannisierte den Laden, aber es war Kunst. Er fand Voodoo oder Dostojewski oder andere Drogen, aber es war oft große Kunst. Es spielte im Biotop der Volksbühne und strahlte gewaltig aus. Strahlt noch immer.

Diese autonomen Räume anzutasten, ist antidemokratisch und kunstfeindlich. Sich da einfach mal nett breitzumachen, bedeutet autoritäres Verhalten. Berlin ist reich an Orten der Freiheit und der Kunst, der Senat hat sie zu schützen – vor Dilettanten, Populisten und auch den Wohlmeinenden. Der kokettierende Umgang mit den Volksbühnen-Besetzern war eine Einladung zu ähnlichen Aktionen. Wohin werden sie sich als Nächstes wenden?

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