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Offener Brief an ADAC : Warnwesten für Kinder verteilen reicht nicht

Der ADAC gibt Eltern Ratschläge und Kindern Sicherheitswesten. Am wichtigsten wäre es, von Autofahrern Rücksicht zu fordern. Eine Replik als offener Brief. Mit vielen Reaktionen inzwischen.

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Erstklässler mit Warnwesten des ADAC.
Ehrenwert, aber nicht ausreichend: Der ADAC sollte sich vor allem an die eigene Klientel, die Autofahrer, wenden, wenn es um...Foto: dpa

An Manfred Voit, Vorsitzender des ADAC Berlin-Brandenburg e.V, Bundesallee 29/30, 10717 Berlin.

Lieber Herr Voit,

vielen Dank für Ihr freundliches Schreiben. Sie haben uns Eltern schriftlich über Sicherheit im Straßenverkehr beraten und unsere Erstklässler mit Warnwesten ausgestattet. Das ist ehrenwert und dafür danke ich Ihnen. Ich möchte mir darüber hinaus erlauben, Sie an meinen Schulweg-Erfahrungen teilhaben zu lassen. Es scheint mir nämlich, dass es über Eltern und Kinder hinaus eine Klientel gibt, bei der sich Aufklärungsarbeit im Sinne der Verkehrssicherheit mit besonderem Blick auf die Sicherheit unserer Kinder sehr lohnen würde: und zwar die Autofahrer, deren Interessen Sie als Verband vertreten. Ich selbst bin übrigens auch seit vielen Jahren Mitglied bei Ihnen und gehöre, damit nicht gleich zu Beginn unseres Dialogs Missverständnisse auftreten, keineswegs zur Fraktion der radikalen Radfahrer oder sonstigen Verächter des motorisierten Individualverkehrs.

Aber es ist schon erstaunlich, was man da jeden Morgen miterlebt - in unserem Fall übrigens ganz in der Nähe Ihres Amtssitzes, zwischen Bayerischem Viertel und Güntzelkiez. Da hält sich buchstäblich niemand an das Tempolimit 30 vor der Schule. Einige fahren sogar deutlich schneller. Da wird bei Rot noch durchgefahren, sowohl an der Fußgängerampel als auch an der Ampelkreuzung. Und da gilt Tempo 50 innerorts bestenfalls als Angebot, nicht als Verkehrsregel. Es scheint mir sogar, dass jemand, der 50 fährt, dafür noch regelmäßig bedrängt wird. Die Bundesallee wirkt eher wie eine Rennstrecke als eine Verkehrsachse. Und die Regelung, dass man nicht mehr in die Ampel-Kreuzung fährt, wenn es einen Rückstau gibt, interessiert auch so gut wie niemanden. Was dazu führt, dass sich die Kinder in der Fußgängerfurt durch die Autos schlängeln müssen, immer in der Gefahr, dass ein Autofahrer ein Kind beim Wiederanfahren übersieht.

Wäre es nicht Zeit für ein starkes Statement des ADAC? Wäre es nicht sinnvoll, konkret auf die von Ihnen vertretenen Autofahrer einzuwirken und sie zur Rücksicht vor allem gegenüber schwächeren Verkehrsteilnehmern aufzufordern? Wäre das nicht eine nützliche Aktion? Ich weiß, dass Sie wie andere Organisationen bei der "Berlin nimmt Rücksicht"-Kampagne des Senats mitmachen. Aber die läuft seit Jahren eher unbemerkt und wirkt auch ehrlich gesagt zu schwammig. Da wird an alle und jeden für alles und jedes appelliert und dabei zum Beispiel vergessen, dass es im Straßenverkehr nun einmal Stärkere und Schwächere gibt, mit dem Auto ganz oben in der Skala der Stärke - und der Schwere der Unfallfolgen. Auch in der - lesenwerten - ADAC-Broschüre "Fair im Straßenverkehr" geht es zunächst einmal um das Fehlverhalten von Radfahrern und Fußgängern. Ich habe darüber hinaus nicht den Eindruck, dass diese Broschüre weithin bekannt und verbreitet ist.

Der ADAC als Vertretung der Autofahrer fordert Rücksicht von den Autofahrern, das wäre mal ein klares, wirkungsvolles Statement, das die Debatte voranbringen könnte. Die derzeitige Polarisierung, der "ewige Konflikt", wie Sie ja selbst in der Broschüre mit Blick auf Radfahrer und Autofahrer schreiben, ermüdet nämlich nicht nur, sie führt auch nicht weiter. Wer wäre besser geeignet, als ein diskursmächtiger Akteur wie der ADAC, die Fronten aufzubrechen? Was meinen Sie? Über eine Antwort würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen,

Markus Hesselmann

Updates: ADAC-Chef Manfred Voit hat prompt geantwortet. Seine Replik zur Replik finden Sie hier. Und inzwischen gibt es weitere Wortmeldungen in der Debatte, zum Beispiel von Lisa Paus, Bundestagsabgeordnete der Grünen. Ihre Replik auf Voit und Hesselmann lesen Sie hier. Ebenfalls zum Thema äußerte sich Franziska Becker (SPD), Mitglied des Abgeordnetenhauses für Wilmersdorf. Ihren Diskussionsbeitrag finden Sie hier. Ein Beitrag der Berliner CDU ist angefragt und folgt in Kürze.

Auch die Leserdebatte etwas weiter unten auf dieser Seite ist spannend und größtenteils wohltuend sachlich. Was meinen Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser? Wie kann die Sicherheit von Kindern und anderen schwächeren Verkehrsteilnehmern verbessert werden? Kommentieren und diskutieren Sie mit! Nutzen Sie dazu bitte die Kommentarfunktion etwas weiter unten auf dieser Seite!

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Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

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