Ruth Landshoff-Yorck : Das Leben als Kunstwerk

Ruth Landshoff-Yorck war eine Berliner Ikone der Zwanzigerjahre. Über die Wiederentdeckung der leidenschaftlich extravaganten Feuilletonistin.

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It-Girl der zwanziger Jahre. Ruth Landshoff-Yorck (1904- 1966), Porträt mit Cabriolet und Hund, veröffentlicht in dem Magazin „Dame“. Foto: ullstein bild
It-Girl der zwanziger Jahre. Ruth Landshoff-Yorck (1904- 1966), Porträt mit Cabriolet und Hund, veröffentlicht in dem Magazin...Foto: ullstein bild

Mit dem Schreiben angefangen hat sie, um der Langeweile zu entkommen. Weil sie sich nicht wiederholen will. Und natürlich aus Eitelkeit. „Sie ist zu stolz, bereits verwendete Worte und Sinnbilder in erneuter Konversation mit einem anderen zu verwenden – sie wünscht, dass viele von ihr erfahren, also schreibt sie.“

So lautet das Credo, das Ruth Landshoff-Yorck Ende 1927 in einem Feuilleton in der Zeitschrift „Die Dame“ veröffentlicht hat, damals das Zentralorgan großstädtischer Eleganz in Deutschland. Der Text heißt programmatisch „Ich über uns“, es geht um einen „modernen Geheimbund“ von jungen Leuten, die sich weigern zu „fertigen Personen, also ,Erwachsenen’“ zu werden.

Eine davon ist eine kapriziöse Schriftstellerin mit dem Namen Ursula. Sie trägt ganz unverkennbar die Züge ihrer Schöpferin. „Ihr Gesicht ist viel zu hübsch“, heißt es, „als dass sich ein Zuhörer dem Sinn ihrer Reden mehr zuwenden könnte, als dem ihres künstlich erröteten Mundes“. Als sie das schrieb, war Ruth Landshoff-Yorck 23 Jahre alt und bereits eine Berliner Lokalberühmtheit. Berühmt war sie für ihre Schönheit und ihren Stil. Bevor Zeitungen und Zeitschriften Texte von der Tochter aus bestem jüdischen Hause veröffentlichten, hatten sie bereits Fotos gedruckt, die sie als deutsches It-Girl präsentierten.

Ein Bild des Avantgardefotografen Otto Umbehr, genannt Umbo, zeigt sie hinter einer venezianischen Maske, den spöttisch lächelnden Mund „künstlich errötet“, also geschminkt. Bei einem anderen Foto sitzt sie auf dem Trittbrett ihres weißen „Adler Standard 6“-Cabriolets und krault ihren Hund. Im Mund steckt eine Zigarette. Der Zeitgeist begeistert sich für Tempo, Modernismus und für selbstbewusste, „neue“ Frauen mit kurzen Haaren, die als „Selbstfahrerinnen“ am Lenkrad sitzen. Landshoff-Yorck verkörpert diese Ideale. Und ihr Gesicht ist, um noch einmal die Glosse zu zitieren, tatsächlich „viel zu hübsch“.

Ihre Texte sind euphorisch - und größenwahnsinnig

Mit ihrer Mondänität fasziniert Ruth Landshoff-Yorck bis heute. Gerade wird sie wiederentdeckt. Der Band „Das Mädchen mit wenig PS“ versammelt Feuilletons von ihr aus den zwanziger Jahren. Und der Theaterwissenschaftler Thomas Blubacher hat die erste Biografie über sie geschrieben, die den „vielen Leben“ der Schriftstellerin nachspürt, dem Aufstieg im Berlin der Weimarer Republik, der Flucht über Frankreich nach Amerika und dem späten Erfolg als Theaterautorin in New York. Euphorisch, spöttisch und ein bisschen größenwahnsinnig ist der Tonfall ihrer frühen Texte.

Das schwule und lesbische Berlin der Zwanziger Jahre
Der berühmteste Club des schwul-lesbischen Berlins der Zwanziger war das Eldorado, dank seiner Travestie-Shows weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Hier trafen sich Homos und Heteros, Berliner und Touristen. "Zwischen den Tänzen, bei denen auch der Normale sich den pikanten Genuss leisten kann, mit einem effeminierten Manne in Frauenkleidern zu tanzen, gibt es Brettldarbietungen. Eine männliche Chanteuse singt mit ihrem schrillen Sopran  zweideutige Pariser Chansons", schrieb ein Reiseführer durch das "lasterhafte Berlin". Neben dem Stammsitz in der Lutherstraße eröffnete wegen des rauschenden Erfolges im Jahr 1928 eine Zweitniederlassung an der Ecke Kalkreuthstraße/Motzstraße, die dieses Bild im Jahr 1932 zeigt. In der Szene war das Eldorado durchaus umstritten: Homosexuelle würden hier vor einem heterosexuellen Publikum zur Schau gestellt, hieß es. Foto: Wikipedia/BY-SA 3.0 de Weitere Bilder anzeigen
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30.04.2015 15:06Der berühmteste Club des schwul-lesbischen Berlins der Zwanziger war das Eldorado, dank seiner Travestie-Shows weit über die...

„Ich finde, ein weibliches Auto muss so appetitlich aussehen wie ein Baby“, beginnt ein Feuilleton, das von den Erfahrungen als „girldriver“ in Berlin handelt. In den Reportagen und Skizzen, die in Blättern wie „Tempo“, „Das Magazin“ oder „Sport im Bild“ erschienen, geht es um die Neuordnung der Geschlechterrollen, die Kunst des Flirtens, Mode, das Nachtleben, „Grammophonsnobs“ oder einen Auftritt der Tänzerin Josephine Baker. Das Hier und Jetzt wird hemmungslos gefeiert, Tieferschürfendes kommt nur am Rande vor. „Wozu lebt man – und wozu, da man doch weiß, dass diese Frage nicht zu beantworten ist, stellt man sie?“, heißt es in einer unbeschwerten „Sommernovelle“. Eine Literaturgeschichte urteilt Anfang 1933, Landshoff beschreibe „snobistisch launenhaft die Extravaganz eines Berliner Mädchens“.

„Berühmt sein war einfach eine Eigenschaft"

Ruth Landshoff-Yorck wird 1904 im Bayerischen Viertel des damals noch unabhängigen Schöneberg geboren. Wegen der vielen Bewohner „mosaischen Glaubens“ wird das Quartier auch „Jüdische Schweiz“ genannt. Ihre Karriere beginnt Landshoff als Schauspielerin. Mit 16 Jahren bekommt sie einen Platz an der Schauspielschule des Deutschen Theaters. Den Vorspieltermin beim mächtigen Theaterdirektor Max Reinhardt hat sie allerdings weniger ihrem Talent als der Tatsache zu verdanken, dass sie die Nichte von Samuel Fischer ist, dem Verleger von Arthur Schnitzler, Gerhart Hauptmann und Thomas Mann.

„Ich dachte nie, ich könnte einer Aufgabe nicht genügen“, wird sie später sagen und dennoch seufzen: „Es hat sich herausgestellt, dass ich zur Schauspielerei auch nicht das geringste Talent hatte.“ Trotzdem tritt sie als Patriziertochter in Friedrich Wilhelm Murnaus Vampirfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ auf und steht noch bis Ende der zwanziger Jahre in Berlin, München und Wien auf der Bühne.

Von Prominenz ist Landshoff zeitlebens geradezu umstellt. Über ihre Kindheit sagt sie: „Berühmt sein war einfach eine Eigenschaft, wie nett sein oder klug, und eine Tatsache, die nichts an unserem Benehmen änderte.“ Bei Besuchen mit ihrer Schwester in der Villa von „Onkel Sami“ lernt sie Hugo von Hofmannsthal und Alfred Kerr kennen, im Garten spielt sie mit Thomas Mann Krocket. Später wird sie von Oskar Kokoschka porträtiert, der gedroht hatte, sich zu erschießen, wenn sie sich nicht von ihm zeichnen lässt. Den Regisseur Josef von Sternberg überzeugt Landshoff, die Hauptrolle seines Films „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich zu besetzen, mit der sie seit einem gemeinsamen Theaterengagement befreundet ist.

Der Bubikopf als Zeichen der Modernität

Zum Aufstieg von Ruth Landshoff-Yorck trägt ihre androgyne Ausstrahlung bei. „Im Smoking sehr hübsch, wie ein Junge aussehend, was sie noch durch eine Hornbrille unterstrich und aufgeschminkte Andeutung schwarzen Bartflaums“, notiert der Publizist und Diplomat Harry Graf Kessler in seinem Tagebuch. Zum Beginn der Schauspielausbildung hat Landshoff sich nach dem Vorbild von Asta Nielsen ihre Zöpfe abschneiden lassen.

Der Bubikopf signalisiert Modernität und Unabhängigkeit. Sie liebt hauptsächlich Männer, manchmal aber auch Frauen. Sie ist mit dem 26 Jahre älteren Dichter Karl Gustav Vollmoeller liiert, der am Pariser Platz einen Salon führt, hat eine Affäre mit dem schwulen Dandy Francesco von Mendelssohn und heiratet den Kaufmann David Yorck von Wartenburg, der im Zweiten Weltkrieg für die Westalliierten spionieren wird. Mit Mopsa, der Tochter des Dramatikers Carl Sternheim, lebt sie eine Zeit lang in einer Art Ehe zusammen

Der letzte Text, den Landshoff 1933 noch veröffentlichen kann, ein Feuilleton über eine Italien-Reise mit dem Titel „Entscheidender Augenblick“, endet mit einem Bekenntnis zu Deutschland. Die Heldin kauft ein Billett für eine Zugreise, „das zurückführte nördlich der Alpen – dahin, wo sie zu Hause war“. 1930 ist bei Rowohlt ihr Debütroman „Die Vielen und der Eine“ erschienen, eine temporeiche Geschichte um eine deutsche Reporterin in New York.

Von ihrem nächsten Buch, „Roman einer Tänzerin“, bekommt sie im März 1933 noch die Fahnen, aber gedruckt wird es nicht mehr. Auch der als Fortsetzungsgeschichte in der „Berliner Illustrierten“ geplante Roman „Die Schatzsucher von Venedig“ bleibt unpubliziert. Beide Bücher kommen erst 70 Jahren später im kleinen Berliner Aviva-Verlag heraus.

Neue Karriere nach dem Krieg in New York

In Berlin, wo sie noch bis 1937 bleibt, fühlt Landshoff sich „mit verschlossenem Augen und verschlossenem Mund wie einer dieser chinesischen Affen“. Sie emigriert über Frankreich in die USA und wandelt sich zu einer kämpferischen politischen Autorin. Sie veröffentlich, gemeinsam mit zwei amerikanischen Co-Autoren, den Kolportagekrimi „The Man Who Killed Hitler“, arbeitet als Sprecherin für die „Voice of America“ und schreibt den Roman „Sixty to Go“ über eine Widerstandsgruppe an der Riviera.

Nach dem Krieg beginnt Landshoff-Yorck in New York, wo sie bis zu ihrem Tod 1966 lebt, noch mal eine neue Karriere: als Theaterautorin am Off-Off-Broadway. Ihre Stücke werden am berühmt-berüchtigten La MaMa Experimental Theatre Club gespielt. Viele Theaterleute, mit denen die Emigrantin arbeitet, sind schwul. „Sie sind fasziniert“, schreibt Biograf Blubacher, von „ihrer Vergangenheit im Berlin der zwanziger Jahre, wo Freiheiten existierten, für die hier erst noch gekämpft werden muss“. Das Leben der Ruth Landshoff-Yorck war, keine Frage, ein Abenteuer. Und ein Kunstwerk.

Thomas Blubacher: Die vielen Leben der Ruth Landshoff-Yorck. Insel Verlag, Berlin 2015. 300 Seiten, 24, 95 €.

Ruth Landshoff-Yorck: Das Mädchen mit wenig PS Hg. und mit einem Nachwort v. Walter Fähnders. Aviva Verlag, Berlin 2015. 224 ., 18, 95 €.

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