Einkaufen in Berlin-Pankow : Neue Chance für das Großprojekt Pankower Tor

Bei einem Bürgerforum konnten Pankower mit Baustadtrat Kirchner über den Ausbau des Einzelhandels diskutieren. Ein Gutachten sieht großes Potenzial - das könnte auch dem umstrittenen Großprojekt Pankower Tor helfen.

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Das Rathauscenter gilt in Pankow als bieder. Foto: Ulrike Scheffer
Das Rathauscenter gilt in Pankow als bieder.Foto: Ulrike Scheffer

Shoppen in Pankow? Wohl kaum jemand wird sagen, dass das ein Vergnügen ist. Diskounter gibt es genug, keine Frage, aber zum Flanieren und Ausgehen fehlt Pankow bisher das Flair. Und das Rathauscenter wirkt im Vergleich zu anderen Einkaufszentren in der Stadt, den Schönhauser Allee Arcaden etwa, eher bieder. Am Dienstagabend konnten Bürger und Einzelhändler bei einem "Forum Einzelhandel" mit Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) und einem von ihm Beauftragten Gutachter über die Situation in Pankow, Wilhelmsruh und Heinersdorf diskutieren. Die Ergebnisse sollen in ein neues Einzelhandelskonzept des Bezirks einfließen. In anderen Ortsteilen gab es ähnliche Veranstaltungen. So viele wie in Alt-Pankow kamen nirgends: mehr als 100.

Neuigkeiten zum Pankower Tor

Die größte Baustelle im Altbezirk ist natürlich das Projekt "Pankower Tor", über das seit Jahren gestritten wird. Möglicherweise, so die Haupterkenntnis des Abends, zeichnet sich nun eine Lösung ab. Das rund 40 Hektar große Gelände zwischen Berliner Straße und Prenzlauer Promenade, das im Osten bis an den Autobahnzubringer heranreicht, gehört dem Möbelhändler Kurt Krieger. Er will auf dem ehemaligen Güterbahnhof nicht nur ein Möbelhaus errichten, sondern auch ein Einkaufzentrum. Inzwischen geht es sogar um ein ganzes Stadtquartier mit Wohnungen, Schulen und Gastronomie. Stadtrat Kirchner galt bisher allerdings als Gegner der Pläne. „Das ist das falsche Format am falschen Standort", hatte er vor wenigen Monaten im Interview mit dem Pankow-Blog gesagt und kritisiert, dass Krieger vor allem auf Brandenburger Kunden setze. Eine Shopping-Mall mit Autobahnanschluss sei aber nicht zeitgemäß. "Das ist ein Konzept der 1970er Jahre.“

Karten werden neu gemischt

Auch die Bürger, so schien es, waren von dem Konzept nicht gerade begeistert: zu groß, zu wenig Grünflächen, schlicht überflüssig, lauteten meist die Kommentare, wenn Bürger auf der Straße spontan ihre Meinung äußern sollten. Als dann bekannt wurde, dass das Rathauscenter aufgestockt werden soll, sah Kirchner kaum noch eine Chance für das Pankower Tor. „Das ist die Antwort auf Krieger“, sagte er dem Pankow-Blog. Dem Unternehmer werde es nun schwer fallen, Händler für sein Projekt zu begeistern. In der vergangenen Woche hatte Krieger im Ausschuss für Stadtentwicklung der Bezirksverordnetenversammlung dann offenbar selbst gedroht, das Projekt aufzugeben, wie der lokale Florakiez-Blog berichtet. Doch nun werden die Karten wohl noch einmal ganz neu gemischt.

Eine elegante Lösung

Zwar sieht auch das - von Kirchner beauftragte - Gutachterbüro "Stadt und Handel" für das Pankower Tor "mehr Risiken als Chancen". Doch diese Aussage bezog Gutachter Steffen Böttger vor allem auf die Bauvariante, bei der Einkaufzentrum und Möbelhaus im Osten des alten Güterbahnhofes angesiedelt würden, in Reichweite der Autobahn also. Eine andere Variante, die bisher kaum diskutiert wurde, sieht dagegen vor, dort nur das Möbelhaus zu bauen, das Einkaufszentrum aber an die Berliner Straße zu setzen und es damit ans Pankower Stadtzentrum anzubinden. Kirchner nannte diese sogenannte Westvariante eine "elegante Möglichkeit" zur Weiterentwicklung des Pankower Zentrums. Allerdings soll nun zunächst eine Verträglichkeitsanalyse erstellt werden, um die Auswirkungen auf den vorhandenen Handel, sprich das Rathauscenter, zu untersuchen. Das ist wohl eine längst überfällige Maßnahme.

Pankows Potenzial ist groß

Die Rahmendaten für Pankow, die der Gutachter noch einmal zusammenfasste, sprechen jedenfalls für einen Ausbau der Einkaufsmöglichkeiten. Kein anderer Bezirk entwickelt sich so dynamisch wie Pankow, wobei sich der Bevölkerungszuwachs inzwischen vor allem auf den Altbezirk (plus 15 Prozent) bezieht. Rein statistisch ist das Gebiet damit schon jetzt massiv unterversorgt, was den Einzelhandel angeht. Und auch bei der Gastronomie machte er erhebliche Defizite aus. Wortmeldungen aus dem Publikum bestätigten das. Anders gesagt: Pankow hat Potenzial. So viel Potenzial, dass ein weiteres Zentrum dem vorhandenen Handel vielleicht sogar nutzen könnte, weil Pankow dann insgesamt attraktiver würde und die Pankower zum Bummeln nicht mehr in andere Bezirke ausweichen würden. Bisher tun sie das, wie Gutachter Böttger darlegte.

Bürger befürworten neues Einkaufszentrum

Im Publikum gab es überraschenderweise ohnehin nur Befürworter eines neuen Einkaufszentrums. "Das Rathauscenter genießt keinen Artenschutz", sagte ein Bürger. Es müsse besser werden, sonst könne es so oder so nicht überleben. Nach Angaben Kirchners will sich nun auch der Senat stärker um die Entwicklung Pankows kümmern. Am Montag sprach er zum ersten Mal direkt mit Bausenator Andreas Geisel (SPD) über das Pankower Tor. "Ohne Begleitung der Senatsverwaltung sind wir zum Scheitern verurteilt, deshalb bin ich froh über das Gespräch", so Kirchner am Dienstag. Details nannte er aber nicht. Klar ist aber auch: In jedem Fall werden weitere Jahre ins Land gehen, bis am Pankower Tor neue Geschäfte öffnen werden.

Wenig Hoffnung für Heinersdorf

Über Wilhelmsruh und Heinersdorf wurde bei dem Bürgerforum ebenfalls ausgiebig diskutiert. Das Ergebnis: Heinersdorf hat wenig Entwicklungsmöglichkeiten und wird wohl weiter vom überdimensionierten Einkaufszentrum an der Romain-Rolland-Straße dominiert werden, das eher von durchfahrenden Pendlern als von den Heinersdorfern selbst genutzt wird. Kirchner: "Eine Sünde der 1990er Jahre, die heute niemand mehr so genehmigen würde."

Viele Vorschläge für Wilhelmsruh

Eher gewachsene Strukturen gibt es dagegen in Wilhelmsruh. Der Ortsteil verzeichnet viele Zuzüge, und die Neubürger sind durchaus kaufkräftig. Das macht den Ortsteil für den Handel interessant. Die Bürger, das wurde am Dienstagabend deutlich, würden sich einen weiteren Supermarkt und auch einen Bioladen wünschen. Sie plädierten außerdem dafür, den Ortskern auszubauen und neue Gewerbeflächen nicht zu weit im Süden anzusiedeln. Genau das könnte allerdings mit dem geplanten "Wilhelmsruher Tor" passieren, das eher zum S-Bahnhof ausgerichtet ist. Hier verspricht sich der Handel laut Kirchner eine bessere Ausgangsposition. Zusätzliche Standorte wurden genannt, etwa das Vattenfallgelände und eine Brache gegenüber der Kirche. Stadtrat Kirchner versprach, diese Möglichkeiten zu prüfen, er wies aber auch darauf hin, dass Supermärkte heute beispielsweise mindestens 1200 Quadratmeter Verkaufsfläche benötigten. "Das ist im Zentrum praktisch nicht möglich, und ob es schön ist, sollte man auch überlegen." Keinesfalls wolle er das "Paket Wilhelmsruher Tor noch einmal aufschüren", sagte er noch.

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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