Widerstand gegen Pläne der Ahmadiyya-Gemeinde für Erfurt : Pankower Moschee-Streit 2.0

Im Erfurter Ortsteil Marbach spielen sich derzeit ähnliche Szenen ab wie vor rund zehn Jahren im Pankower Ortsteil Heinersdorf. Die Ahmadiyya-Gemeinde will dort ihre zweite Moschee im Osten errichten.

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Die Khadija-Moschee in Heinersdorf. In Erfurt-Marbach soll ein ähnliches Gebäude gebaut werden.
Die Khadija-Moschee in Heinersdorf. In Erfurt-Marbach soll ein ähnliches Gebäude gebaut werden.Foto: Ulrike Scheffer

Katrin Böhlke hatte sich ihren Job sicher deutlich einfacher vorgestellt, als sie vor zwei Jahren mit mehr als 70 Prozent der Stimmen zur Ortsteilbürgermeisterin von Erfurt-Marbach gewählt wurde. Knapp 4000 Einwohner hat der Ortsteil – und seit einigen Monaten ein auch in Pankow bekanntes Problem. Seit die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde sich für ein Baugrundstück in Marbach interessiert, um dort eine Moschee zu bauen, steht der kleine Ortsteil Kopf. Eine „gefühlte Mehrheit“ in Marbach, so sagt die parteilose Böhlke, sei gegen den Moschee-Bau. Sie selbst versucht, strikte Neutralität zu wahren. „Ich vertrete schließlich alle Bürger, ob sie nun für oder gegen das Projekt sind.“ Die Bürgermeisterin weiß aber auch, dass die Moschee baurechtlich kaum zu verhindern ist. Die Bauvoranfrage läuft, bis Mitte August rechnet Böhlke mit einer Entscheidung.

Im Juni besuchte die Marbacher Bürgermeisterin mit einer Delegation die Pankower Khadija-Moschee. Organisiert hatte dies der thüringische Staatskanzleiminister Benjamin Hoff (Linke), der früher auch mal im Berliner Abgeordnetenhaus saß. „Man hat mir dort sehr viel Respekt entgegengebracht“, sagt Böhlke. Sie habe im Vorfeld erklärt, dass sie nicht bereit sei, bei dem Moschee-Besuch ein Kopftuch zu tragen, das habe man akzeptiert. Dass die Gemeinde dies bei offiziellen Anlässen mit externen Gästen ohnehin nicht von weiblichen Besuchern verlangt, konnte Böhlke nicht wissen.  

Die Berlin-Reise war für die Thüringer sehr aufschlussreich. Der junge Imam Said Ahmed Arif informierte sie über seine Gemeinde und das inzwischen friedliche Miteinander in Pankow. Die Parallelen zwischen den beiden Standorten sind unübersehbar. Wie in Pankow soll die Moschee in Marbach in einem Gewerbegebiet entstehen, Kuppel und Minarett sollen mit sechs beziehungsweise elf Metern Höhe ebenfalls etwa die Dimensionen der Heinersdorfer Khadija-Moschee bekommen. Wobei das Minarett hier wie dort reinen Ziercharakter hat, auf Gebetsrufe verzichtet die Gemeinde. Damit ist gegen den Bau kaum etwas einzuwenden.

Die Moschee-Gegner in Thüringen, allen voran die AfD, interessiert das nicht. „Ich bin mir sicher, dass die Multikulturalisierung und Islamisierung Thüringens nicht Mehrheitswille ist. Ich lehne eine Entwicklung wie in den westdeutschen Großstädten für unseren Freistaat ab“, sagte beispielsweise Thüringens AfD-Chef Björn Höcke. Zwei AfD-Landtagsabgeordnete haben inzwischen ein Bürgerbegehren gegen das Projekt beantragt. Doch auch Vertreter anderer Parteien lehnen die Moschee und offenbar auch Muslime ganz allgemein ab. So verstieg sich ein Marbacher CDU-Stadtrat bei einer Informationsveranstaltung der Ahmadiyya-Gemeinde dazu, Mohammed als Massenmörder und Kinderschänder zu bezeichnen.

Friedliche Nachbarschaft in Pankow

Im Pankower Ortsteil Heinersdorf ging es vor zehn Jahren ähnlich hoch her. Inzwischen sind die wütenden Bürgerproteste, die auch die NPD auf den Plan riefen, aber fast vergessen. 2008 eröffnete die Moschee, seither hat sich die Lage beruhigt. Kürzlich erst hatte die Ahmadiyya-Gemeinde zum Ende des Ramadan zu einem Fest eingeladen. Pankows Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) war gekommen, aber auch viele Nachbarn.

Die Vorurteile von damals scheinen verflogen. Die Ängste, die Moschee könnte viele Muslime zum Umzug nach Heinersdorf bewegen und die soziale Struktur des kleinen Ortsteils verändern, oder von ihr könnte eine erhebliche Lärmbelästigung ausgehen, haben sich als unbegründet herausgestellt. Heinersdorf ist auch nicht zu einem Hort radikaler Islamisten oder gar Terroristen geworden. Die Ahmadiyya-Gemeinde gilt als gemäßigt und wird wegen der reformorientierten Lehre ihres geistigen Oberhaupts von den meisten anderen islamischen Schulen sogar abgelehnt. In ihrem Stammgebiet – Indien und Pakistan – werden Ahmadiyya-Muslime verfolgt. Viele leben daher heute im Exil. „Wir setzen uns ausdrücklich für den Frieden ein und fordern unsere Glaubensbrüder auf, sich in ihren Gastländern zu integrieren”, sagte der Pankower Imam Said Ahmed Arif neulich beim Nachbarschaftsfest. Dennoch stoße die Gemeinde immer wieder auf Ablehnung. Er machte keinen Hehl daraus, dass ihn das frustriert.  „Aber wir lassen uns nicht entmutigen“, fügte er hinzu.

Ahmadiyya-Gemeinde hält an Bauplänen fest

Die Khadija-Moschee in Heinersdorf ist die erste Moschee überhaupt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. In Erfurt-Marbach, Leipzig und Chemnitz will die Ahmadiyya-Gemeinde weitere bauen. Damit hat sie sich einiges vorgenommen. Denn durch Pegida und den Aufschwung der AfD und auch durch sexuelle Übergriffe muslimischer Zuwanderer wie in der Silvesternacht in Köln hat sich die Stimmung Muslimen gegenüber noch einmal deutlich verschlechtert. Der Anschlag eines jungen Flüchtlings aus Afghanistan in einem Zug bei Würzburg wird ebenfalls nicht ohne Wirkung bleiben. „Das politische Klima ist heute wesentlich aufgeheizter als noch vor einigen Jahren“, sagt Marbachs Bürgermeisterin Böhlke. Sie rechnet daher nicht damit, dass der Protest gegen die Moschee in ihrer Heimatstadt ähnlich wie in Pankow abflauen wird. „Wir fürchten vielmehr Aufmärsche von Rechtsradikalen“, erläutert sie. Es könnte sogar noch schlimmer kommen: Ein 15-jähriger Erfurter rief in einem Internetvideo bereits zu einem Brandanschlag auf die Moschee auf. Er stellte sich allerdings später der Polizei.

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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