Zwangsarbeiterlager in Blankenfelde : Ein Ort des Schreckens

Im Norden Pankows waren im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter untergebracht, die nicht mehr arbeitsfähig waren. Eine Initiative setzt sich dafür ein, auf dem ehemaligen Lagergelände einen Gedenkort einzurichten.

Ulrike Scheffer
Eine Menschenkette für die Toten des Krankensammellagers in Blankenfelde.
Eine Menschenkette für die Toten des Krankensammellagers in Blankenfelde.Foto: promo

Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes finden auch in Pankow Gedenkveranstaltungen statt. Am Sowjetischen Ehrenmal in der Schönholzer Heide zum Beispiel, wo 13.000 Rotarmisten, die in der Schlacht um Berlin fielen, begraben sind. Doch es gibt in Pankow noch weitere Zeugnisse des Zweiten Weltkriegs. In der Schönholzer Heide war auch ein Zwangsarbeiterlager untergebracht. Übrig geblieben davon sind Bunker, die zum Lager gehörten, und ein kleiner eingezäunter Friedhof für Lagerinsassen. In den Wirren des Kriegsendes wurden auch Mitglieder des Volkssturms und Pankower Bürger hier begraben.

Geschichte aufarbeiten

Ein wahrer Ort des Schreckens befand sich in Blankenfelde, ein sogenanntes Krankensammellager für "arbeitsunfähige Ostarbeiter". Seit gut zehn Jahren arbeitet eine Bürgerinitiative gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Bernhard Bremberger an der Aufarbeitung der Geschichte dieses Lagers. 2009 gründeten sie einen Runden Tisch und setzten sich unter anderem dafür ein, dass eine Informationstafel auf dem Gelände zwischen der Bahnhofstraße in Blankenfelde nach Lübars und dem Bernauer Heerweg aufgestellt wird. Nun bereiten sie eine umfangreiche Broschüre zur Geschichte des Lagers vor und suchen dringend weitere Unterstützer.

Zum Sterben abgeschoben

"In dem Krankensammellager wurde niemand gesundgepflegt, hierher wurden die Menschen zum Sterben gebracht", erzählt Christine Raiser-Süchting vom Runden Tisch. Die Verhältnisse im Lager waren entsprechend schlecht: Es gab keine Medikamente, kaum Nahrung, nicht einmal Matratzen oder Decken. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. 700 Todesfälle konnte die Bürgerinitiative bisher nachweisen, viele der Zwangsarbeiter starben an Typhus, der im Lager ausbrach..

Menschenkette für die Toten

Zum Jahrestag der Befreiung des Lagers am 21. April haben die meist älteren Mitglieder des Runden Tisches gemeinsam mit Schülern der Blankenfelder Platanengrundschule eine Erinnerungsaktion organisiert. Die Kinder hatten die Namen der Toten auf Stoffbänder gemalt, die dann von einer Menschenkette auf dem ehemaligen Lagergelände zusammengeführt wurden. Fast 70 Leute waren gekommen. "Wir haben es fast geschafft, das gesamte Areal mit seinem Umfang von rund 1,2 Kilometern zu umspannen", sagt Raiser-Süchting. Es ist heute eine harmlose grüne Wiese.

Kaum etwas ist geblieben

Von den Holzbaracken, die hier einst standen, ist nichts mehr zu sehen. Lediglich einige Fundamentreste konnten freigelegt werden. Außer einer Luftaufnahme sind bisher auch keine Bilder aus dem Lager aufgetaucht. Doch es gibt Zeitzeugenberichte, die Bernhard Bremberger ausgewertet hat. Der Kunsthistoriker forscht seit 15 Jahren zu Zwangsarbeitern in Berlin. Das Lager in Blankenfelde, berichtet er, sei zuvor bereits als Durchgangslager für Zwangsarbeiter genutzt worden, die von hier aus über das Deutsche Reich verteilt worden seien. Mindestens 80.000 Menschen seien durch das Lager geschleust worden. Noch früher habe die Reichsbahn auf dem Gelände direkt neben einer Bahnlinie eigene Zwangsarbeiter untergebracht. Auch Kriegsgefangene und Häftlinge der Gestapo waren zeitweise hier eingesperrt, bevor 1941 das Krankensammellager eröffnet wurde.

Schüler sollen Ideen einbringen

Die Schüler der Platanengrundschule haben auch ein Modell des Lagers gebaut. Auch das Max-Delbrück-Gymnasium in Niederschönhausen ist mit im Boot. Eine Lehrerin der Schule, Ilona Nack, gehört zum Runden Tisch, Schüler haben in einer Projektwoche Entwürfe für einen Gedenkort an der Stelle des früheren Lagers erarbeitet. "Der Ort soll ja vor allem künftige Generationen ansprechen, deshalb war es uns wichtig, dass junge Menschen ihre Ideen einbringen", sagt Ilona Nack. Die Pankower Bezirksverordnetenversammlung unterstützt das Vorhaben und hat Ende März einen Prüfauftrag an die Kommission für Kunst im öffentlichen Raum vergeben. Parallel arbeiten die Mitglieder des Rundes Tisches an einer Publikation. Bei ihrem letzten Treffen vor wenigen Tagen haben sie einen Antrag vorbereitet, um Fördergelder für den Druck zu erhalten. "Zusätzlich möchten wir unsere Arbeit im Internet aufbereiten, doch dazu fehlt den meisten von uns leider das Know-How", erklärt Christine Raiser-Süchting. Unterstützer mit Online-Kompetenz seien daher sehr willkommen, fügt sie hinzu.

Kontakt zum Runder Tisch: blankenfelde-berlin-nord@web.de, Spendenkonto: GLS Gemeinschaftsbank, StadtGut Blankenfelde e.V., Iban DE81 4306 0967 4006 2759 00, Stichwort "Runder Tisch"

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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