Gastbeitrag des Spandauer SPD-Bundestagsabgeordneten : Alphabetisierung: Wichtig für die Lebenschancen

Viel mehr Menschen als man so denkt, haben Schwierigkeiten mit dem Lesen und dem Schreiben. In Spandau koordiniert das Alpha-Bündnis die Angebote für Betroffene.

Swen Schulz
Swen Schulz ist Mitglied des Bundestages.
Swen Schulz ist Mitglied des Bundestages.Foto: Promo

Einer von der Bundesregierung beauftragten wissenschaftlichen Untersuchung zufolge leben in Deutschland 7,5 Millionen sogenannte "funktionale Analphabeten", also Bürgerinnen und Bürger, die nicht gut lesen und schreiben können. 300 000 Menschen in Deutschland sind noch nicht einmal in der Lage ihren Namen zu schreiben. Dabei wissen wir, wie wichtig Lesen und Schreiben für das tägliche Leben, etwa beim Einkaufen, bei Behörden, auf der Arbeit oder im Umgang mit den eigenen Kindern ist.

Man könnte meinen, diese hohen Zahlen hätten die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Doch dem ist nicht so. Warum? Selbstverständlich ist das Thema funktionale Analphabeten schwierig. Unternehmen, die aktiv Alphabetisierungsmaßnahmen betreiben, und die Betroffenen selbst äußern sich selten hörbar und öffentlich. Die Gründe sind verständlich. Es braucht gerade deswegen eine Politik, die sich unbequemen Themen widmet, sie auf die öffentliche Agenda setzt und konkrete Maßnahmen in Angriff nimmt.

Den Analphabetismus bekämpfen

Ich habe die Aufklärung über und die Bekämpfung von Analphabetismus zu einem Schwerpunkt meiner Arbeit im Haushaltsausschuss gemacht. Für das Jahr 2015 haben wir jetzt etwa 20 Millionen Euro zur Förderung von Initiativen zur Verfügung - das Doppelte gegenüber dem Jahr 2013, dem letzten Jahr der abgewählten schwarz-gelben Koalition. Wie das Geld konkret eingesetzt werden sollte, haben wir bei einer großen Veranstaltung auf der Spandauer Zitadelle diskutiert: Ende 2014 lud die Bundesregierung auf meine Initiative hin verschiedene Projekte und auch Betroffene ein. Unmittelbar daraus erfolgte im Januar 2015 die Gründung des Alpha-Bündnis Spandau.

In Spandau gibt es eine Reihe von Einrichtungen, die Angebote für Betroffene machen. Das Alpha-Bündnis hat sich zum Ziel gesetzt, diese Angebote zu bündeln und zu koordinieren. Mitinitiator des Alpha-Bündnisses ist ABCami, ein Projekt der Gesellschaft für Interkulturelle Zusammenarbeit in Spandau (GIZ e.V.), das auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Es richtet sich mit einem speziellen pädagogischen Konzept an Moscheen. Gerade angesichts der vielen Flüchtlinge, die jetzt zu uns kommen, wird dieses Projekt noch einen neuen Stellenwert erlangen.

Lesefähigkeit oft Bedingung

Wenn man bedenkt, dass wichtige Informationen und Dienstleistungen heute mitunter nur noch anonym über das Internet angeboten werden,

also die Lesefähigkeit derzeit Bedingung ist, kommt man zu dem Ergebnis, dass Menschen, die nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben können, von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen sind. Jeder Euro, den wir also in Alphabetisierungsmaßnahmen stecken, ist daher eine wichtige Investition in die Lebenschancen der Menschen.

Ich freue mich darum sehr, dass vor kurzem auch Bundesministerin Johanna Wanka mit der Gründung der "Alphabetisierungsdekade" an die Öffentlichkeit gegangen ist. Bundesbildungspolitik darf sich nicht in der glamourösen Welt der Nobelpreise und Exzellenzuniversitäten abspielen. Es gibt ganz andere, mitunter mindestens ebenso wichtige Bedarfe.

Swen Schulz (Jahrgang 1968) ist seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist Mitglied des Haushaltsausschusses und des Unterausschusses für Fragen der Europäischen Union sowie stellvertretendes Mitglied des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Der gebürtige Hamburger lebt in Spandau, wo er von 1998 bis 2008 Vorsitzender des Kreisverbandes der SPD war. Schulz ist auch stellvertretender Vorsitzender des Berliner Landesverbandes der Arbeiterwohlfahrt.

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