Bilder einer geteilten Stadt : Berlin, hinter dem S-Bahnring

Das Bild Berlins als szenige Kreativmetropole strahlt in alle Welt. Zu den Großsiedlungen am Rande der Stadt passt es nicht, findet der Fotograf Alexander Rentsch.

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Berlin, Gropiusstadt. Wohnriesen, soweit das Auge reicht. Der Fotograf Alexander Rentsch hat einen Bildband über Berliner Großsiedlungen jenseits des S-Bahnrings verfasst. - Foto:  Alexander Rentsch
Berlin, Gropiusstadt. Wohnriesen, soweit das Auge reicht. Der Fotograf Alexander Rentsch hat einen Bildband über Berliner...Alexander Rentsch

Karaoke im Mauerpark, durchtanzte Nächte und die Wände voller Street Art. Überall Plakate, die sich in dicken Schichten um Ampelmasten wickeln und irgendwann als schwerer Batzen voller Partytermine auf den Bürgersteig fallen. „Die Klassenfahrt war spektakulär, also zog ich her“, sagen Zwanzigjährige: „In die geilste Stadt der Welt“. Es sind Berlin-Klischees, die haften bleiben und weltweit funktionieren. Die Imagekampagne des Senats greift sie dankbar auf: „So günstige Hotelzimmer und trotzdem geht keiner schlafen“, textet "Be Berlin" über einen Thekenflirt.

Berlin, hinter dem S-Bahnring
Groß und klein: Auf freiem Feld zwischen den Wohnriesen in Neu-Hohenschönhausen entstehen Eigenheime. - Foto:  Alexander Rentsch
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1 von 26Alexander Rentsch
11.02.2016 08:34Groß und klein: Auf freiem Feld zwischen den Wohnriesen in Neu-Hohenschönhausen entstehen Eigenheime. - Foto:  Alexander Rentsch

Den sozialen Riss sichtbar machen

Grotesk nennt der Fotograf Alexander Rentsch die vielen Berlin-Hymnen. Sie erzählen nicht die Wahrheit über seine Stadt, zeugen eher von der übermächtigen Ausstrahlung einiger Innenstadtquartiere. Der 31-Jährige sieht die Lebenswirklichkeit von Berlin-Bewohnern ausgeklammert, die jenseits des S-Bahnrings leben. In der öffentlichen Wahrnehmung fehlen ihm Menschen, die wegen der gestiegenen Mieten aus der gentrifizierten Innenstadt in die Außenbezirke gezogen sind - oder schon immer dort wohnten. Den oft beklagten sozialen Riss durch die Stadt will er durch düstere Bilder vom Stadtrand räumlich greifbar machen.

Das Scheitern der guten Absicht

Rentsch hat dem Thema einen Bildband gewidmet - und seine Abschlussarbeit in Kommunikationsdesign. „Dystopia“ nennt er sie, oder: Das Scheitern der guten Absicht. Er zeigt darin menschenleere Ansichten Berliner Großsiedlungen, vom Märkischen Viertel über Kaulsdorf Nord bis zur Gropiusstadt. Düster sehen seine Aufnahmen aus, beklemmend. Es wirkt fast so, als seien viele der bekannten Probleme dieser Viertel schon in der Architektur angelegt. Doch mutwillig hat kein Planer, im Osten wie im Westen, soziale Brennpunkte geschaffen.

Umgeben von Maschendrahtzaun und Stahl: S-Bahnhof Marzahn.
Umgeben von Maschendrahtzaun und Stahl: S-Bahnhof Marzahn.Alexander Rentsch

Alexander Rentsch ist in der Wustrower Straße in Neu-Hohenschönhausen aufgewachsen - glücklich, wie er sagt. In den Jahren nach der Wende sei das soziale Gefüge jedoch nach und nach auseinandergebrochen. Wer es sich leisten konnte, bezog ein Eigenheim im Umland oder wanderte in die Innenstadt ab. Leerstand und Vandalismus breiteten sich aus, das Leben in den Wohnblöcken wurde anonymer.

Leerstand, Vandalismus, Neonazis

Mitte der Neunziger Jahre waren Neonazis an so vielen Orten präsent, dass sich Rentsch bald abends nicht mehr in Richtung Innenstadt wagte. Spätestens auf dem Heimweg standen die Rechten am Bahnhof Lichtenberg, in Friedrichsfelde Ost oder am Lindencenter in der Falkenberger Chaussee. Ihre Gewaltbereitschaft musste er am eigenen Leib erfahren. Richtig schlimm wurde es ab 2004, sagt er, vier Jahre später zog er nach Friedrichshain.

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