Bildungspolitik : Senat lässt Junglehrer nicht freiwillig weg

Der Personalmangel an Schulen zeigt Folgen: 50 Anträge auf Wechsel in andere Bundesländer wurden von der Bildungsverwaltung abgelehnt. Und die angestellten Pädagogen machen Druck auf den Senat.

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Schmuck. Mit diesem Sticker signalisieren Berliner Lehrerinnen ihre Abwanderungsbereitschaft. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Schmuck. Mit diesem Sticker signalisieren Berliner Lehrerinnen ihre Abwanderungsbereitschaft.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Angesichts des drohenden Lehrermangels zieht die Bildungsverwaltung die Notbremse: Nach Informationen des Tagesspiegels wurde jetzt erstmals im größeren Stil Junglehrern die Einverständniserklärung für ihren Weggang in andere Bundesländer verweigert. Zur Begründung verweist die Behörde auf den „dringenden Fachbedarf“ an den Schulen. Die Angestellten erhöhen unterdessen den Druck auf den Senat und wollen am 2. März zum Sitz der Bildungssenatorin ziehen, um ein „Manifest“ für bessere Arbeitsbedingungen zu überreichen.

Unterzeichnet wurde der Forderungskatalog von knapp 3000 Lehrern aus mehr als 100 Schulen. Im Kern geht es darum, dass die Lehrer als Ausgleich für die Nichtverbeamtung eine Fülle von Vergünstigungen verlangen, deren Umsetzung einen mehrstelligen Millionenbetrag pro Jahr kosten würde.

Die Bildungssenatorin Scheeres spricht mit der Lehrergewerkschaft

Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, drohen die Angestellten verstärkt mit dem Wechsel in andere Bundesländer. Zur Bekräftigung haben rund 240 Pädagogen eine „Freigabe“ beantragt, um sich leichter in anderen Ländern bewerben zu können. In der Vergangenheit gab es damit selten Probleme. Meist wurde der Antrag bewilligt, weil Schulen auf Ersatz hofften. Das ist dieses Jahr anders. Allein in Neukölln erhielten dem Vernehmen nach alle Antragsteller vom Albert- Einstein- und Ernst-Abbe-Gymnasium eine Ablehnung. Argumentiert wird mit „dienstlichem Interesse“. Insgesamt gab es laut Senat rund 50 Verweigerungen.

Für die betreffenden Lehrer ist es somit schwieriger geworden, sich in anderen Bundesländern zu bewerben: Die Kultusminister hatten sich nämlich darauf geeinigt, sich nicht in „Wildwestmanier“ gegenseitig die Lehrer wegzunehmen, sondern möglichst eine einvernehmliche Lösung zu finden. Wenn sich Lehrer in Hamburg oder Brandenburg bewerben, haben somit jene Lehrer bessere Chancen, die eine so genannte Freigabe ihrer Schulbehörde vorweisen können. Andernfalls müssten sie nun von sich aus kündigen – wären somit aber finanziell auch nicht mehr abgesichert, falls es mit der Bewerbung nicht klappt.

Damit tun sich die Lehrer schwer. „Viele von ihnen wollen ja eigentlich gar nicht weg, sondern nur ein bisschen drohen, um bessere Arbeitsbedingungen zu bekommen“, berichtet ein Schulleiter. Ob die Drohgebärden reichen, um den Senat zu beeindrucken, wird sich bald zeigen: Am 27. Februar gibt es ein erstes Gespräch zwischen Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und der Lehrergewerkschaft GEW. Scheeres hat kaum Handlungsspielraum, weil im Haushalt 2012/13 kein Geld für bessere Arbeitsbedingungen vorgesehen ist. Die GEW hingegen braucht dringend ein Signal, weil die Junglehrer Erfolge sehen wollen.

„Gift für die Lehrerzimmer“

Die Stimmung in den Schulen wird immer gereizter. Die jetzige Ungleichbehandlung zwischen Beamten und Angestellten sei „Gift für die Lehrerzimmer“, wettert Florian Bublys. Er ist Sprecher der Initiative „Bildet Berlin!“, die das Manifest für eine Besserstellung der angestellten Lehrer verfasst hat.

Besonders verärgert reagieren die Angestellten darauf, dass die verbeamteten Lehrer aus anderen Ländern, die nach Berlin wechseln, hier als Beamte übernommen werden. „Das ist eine Ohrfeige für die Berliner Lehrer“, findet Bublys. Die Konsequenzen hätten die Schüler zu tragen. Infolge des Lehrermangels sinke zudem die Qualität des Unterrichts, denn immer mehr ungeeignete Lehrer würden bereits an den Kindern „herumdoktern“.

Inzwischen engagieren sich deshalb auch immer mehr Schüler und Eltern für eine Besserstellung der Angestellten. Den Anfang machten die Eltern des Lankwitzer Beethoven-Gymnasiums. Auch Schüler des Charlottenburger Heinz- Berggruen-Gymnasiums sammeln Unterschriften für die Lehrer, deren Weggang sie fürchten. Denn die Pädagogen tragen jetzt sogar im Unterricht Buttons mit Slogans wie „Hamburg – bald meine Perle?“.

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