Bio-Kita und Brennpunkt-Kita in Berlin : Ene, mene, muh, und raus bist du

Zwei Kitas, zwei Welten, ganz nah beieinander in Schöneberg: In der einen gibt’s Bio-Gouda und Sprachförderung, in der anderen Raufereien und Kummer. Unser Autor hat in beiden als Praktikant gearbeitet – und miterlebt, wie früh Chancen verteilt werden.

Karl Grünberg
Gekommen um zu bleiben. Viele Eltern gingen selbst in die Kita im Bülowkiez, jetzt bringen sie ihre Kinder hierher.
Gekommen um zu bleiben. Viele Eltern gingen selbst in die Kita im Bülowkiez, jetzt bringen sie ihre Kinder hierher.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Fangen wir mit den Unterschieden an. In der einen Welt gibt es Leon, dessen Vater Kinderarzt ist. Leon wird in ein paar Wochen mit den anderen 17 Kindern aus seinem Kinderladen zur Klinik fahren. Sie werden den Krankenwagen bestaunen und den Rettungshubschrauber, der Vater wird erzählen, wie er mit dem Hubschrauber losfliegt, um kranke Kinder zu retten. Die Kinder werden alles untersuchen und eine Frage nach der anderen stellen, danach werden sie vielleicht sagen: Wenn ich groß bin, werde ich Arzt, wie der Papa von Leon. Wie Kinder eben so sind. Leon wird wahnsinnig stolz sein auf seinen Vater. Auch die anderen Väter und Mütter haben tolle Berufe. Sie sind Ingenieure, Eventköche, Journalisten, Designer, Wissenschaftler, Filmproduzenten und Informatiker. Sie kommen aus West- und Ostdeutschland, aus der Türkei, Russland, Korea oder Kanada, eine bunte Truppe. Manche sind sogar Berliner.

In der anderen Welt, gleich nebenan, nur ein paar Straßen weiter, nimmt Heval meine Hand und zieht mich von den anderen Kindern weg. Heval ist sechs und kommt bald in die erste Klasse. Sie spricht Türkisch, Kurdisch und Deutsch, und nun will sie, dass ich ihr Englisch beibringe. Dabei legt sie ihre Stirn in Falten und schaut so streng, wie sie nur kann. „Los, wir setzen uns da auf die Bank“, befiehlt sie. Ich muss machen, was sie sagt. Ich, der ich hier für fünf Tage zu Besuch bin, auf Schnupperkurs in einer Brennpunkt-Kita.

Berufswunsch: Verkäuferin bei Primark

Heval inhaliert die englischen Vokabeln. Girl. Boy. Mother. Father. Children. Als mir die Wörter ausgehen, fragt sie einfach weiter. „Warum hast du weiße Barthaare? Warum ist dein einer Zahn schief? Kommst du morgen wieder?“ Ich: „Heval, was möchtest du mal werden?“ Sie überlegt, rückt ihren glitzernden Haarreif zurecht. Schaut in den Himmel. Dann weiß sie es: „Verkäuferin bei Primark.“ Das sitzt. Wie ein Schlag in den Magen. Ich möchte Heval nehmen, mit ihr die Straße runterfahren in die andere Welt, die andere Kita, sie mit zu dem Vater schicken, der Kinderarzt ist. Zum Krankenwagen, zum Rettungshubschrauber, ins Reich der Möglichkeiten.

Heval kann alles werden, was sie will, wenn sie es will. Könnte alles werden. Vielleicht. Wenn sie Glück hat. Wenn sie die Grenzen, die Perspektiven dieses Viertels hinter sich lässt. Ein Viertel, in dem ein bestandenes Abitur etwas Besonderes ist, wie mir später ein Sozialarbeiter berichten wird.

Die Brennpunkt-Kita liegt im Bülowkiez. Der Kinderladen im Akazienkiez. Zwei Schöneberger Straßenzüge, kaum 800 Meter voneinander entfernt. Das sind drei Ampeln oder zwei Busstationen oder fünf Autominuten oder acht Minuten mit dem Fahrrad. Doch es könnten auch drei Lichtjahre und zwei unterschiedliche Planeten sein.

Die Fördermöglichkeit im Kinderladen im Akazienkiez sind schier unendlich.
Die Fördermöglichkeit im Kinderladen im Akazienkiez sind schier unendlich.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

In beide Welten bin ich eingetaucht. Habe zwei Praktika gemacht. Eine Woche im „Ina Kindergarten“ im Bülowkiez, 160 Kinder, 25 Erzieherinnen, zwei Köche, eine Sozialarbeiterin für das angeschlossene Familienzentrum und ein alter Hausmeister mit weißem Kittel. Danach eine Woche im „Kinderladen Trolle“ im Akazienkiez, 18 Kinder, drei Erzieherinnen, ein Freiwilliger, eine Auszubildende, eine Köchin.

Ich wollte wissen, wie es ist, Erzieher zu sein. Wie es ist, hier nicht nur schnell das eigene Kind abzugeben, sondern dazubleiben, mitzuarbeiten. Ob es wirklich so lärmig ist, wie es eine Statistik über die Arbeitsbelastung von Erziehern nahelegt. Ob ich genervt aufgebe, abschalte und die Kinder Kinder sein lasse. Ob es einen Unterschied macht, in einem kleinen Kinderladen oder in einer großen Brennpunkt-Kita zu arbeiten. Was es heißt, Vollzeit, also acht Stunden am Stück, mit allen Sinnen aufmerksam zu sein. Im Akkord Entscheidungen zu fällen, sekundenschnell abzuwägen, was gut oder schlecht, was pädagogisch wertvoll ist und was nicht. Auf neun Kinder zu achten, gleichzeitig. Wie ein Schreibtisch, auf dem neun Telefone stehen, alle klingeln, alle wollen, dass man rangeht. Neun Kinder, ein Erzieher, das ist der aktuelle Durchschnitt für Berlin.

Am liebsten wäre sie rückwärts wieder raus gegangen

Der bundesweite Erzieherstreik der letzten Wochen, der Streit um höhere Löhne, der Schiedsspruch, all das zeigt, dass dringend diskutiert und ausgelotet werden muss, was die Gesellschaft von den Erziehern will, und was sie dafür zu geben bereit ist. Hier in Berlin, zwischen Akazien- und Bülowkiez, zwischen der einen Welt und der anderen, geht es aber um viel mehr als um Anerkennung, Arbeitsbedingungen und Geld. Es geht um die Chancengleichheit von Kindern. Um die Frage, wie und ob sich diese beiden Welten, die Akademikerwelt und die Brennpunktwelt, Oben und Unten also, mit und ohne Aussicht, zusammenbringen lassen.

Frau Schmelter seufzt. Tief, aus der Brust heraus. Bülowkiez, Büro, Schreibtisch, draußen kreischen die Kinder. Frau Schmelter steht auf, schließt das Fenster, Ruhe. Nicht, dass sie Kindergekreische nicht kennt, schließlich war sie selber Erzieherin, jahrelang. Doch als Leiterin der Bülow-Kita, als Verantwortliche und Respektsperson, als Frau Schmelter eben, da steht sie noch am Anfang, vor einem halben Jahr gestartet, voller Überzeugung. „Ich wollte genau hier eingesetzt werden“, sagt sie. Obwohl ihre innere Stimme sie bei ihrem ersten Besuch warnte, obwohl sie am liebsten rückwärts wieder rausgegangen wäre. Heute möchte sie nicht mehr woanders arbeiten.

Soziale Durchmischung ist fast unmöglich

Eine neue Leitung, das war auch dringend nötig. Es krachte im Team, Stichwort Arbeitsbedingungen, Stichwort Krankenstand, es gab sogar einen Ministreik, es ging um höhere Löhne. Manche der Erzieherinnen waren so angestunken, dass sie kündigen wollten. Nun soll es Frau Schmelter besser machen. Mit Tatendrang und Enthusiasmus. Sie hat die Teamsitzungen durchstrukturiert, jemanden für den Frühdienst eingestellt, es gibt jetzt eine Noterzieherin, die einspringt, wenn jemand krank wird.

Und trotzdem seufzt Frau Schmelter. Es klingt resigniert, auch wenn sie das nie zugeben würde. „Ich hatte den Traum, ja, die Illusion, dass ich eine Durchmischung hinbekommen könnte“, sagt sie. Mit Durchmischung meint sie, dass auch Eltern aus dem Akazienkiez, aus der Welt der Akademiker, ihre Kinder in der Bülow-Kita anmelden könnten. Manchmal kommen tatsächlich welche. Zur Besichtigung, und dann nie wieder. Frau Schmelter führt sie herum, stellt die Erzieherinnen vor, zeigt die Kinder. Wie sie spielen, im Kräutergarten, auf dem Spielplatz, im Atelier, im Sportraum, im Fahrradgarten. Doch während die Eltern noch nach Spanisch- oder Englisch-Angeboten fragen, hören sie die vielen anderen Sprachen: Türkisch, Kurdisch, Arabisch. Und sehen, dass es hier keine Leons, Lillis und Leandras gibt, sondern Hevals, Huseins und Habibs.