Berlin : Biologie auf der Bühne

Wild lebende Kreaturen faszinieren sie. Deshalb verbindet die Künstlerin Barbara Geiger Wissenschaft und Theater „Fräulein Brehms Tierleben“ hat die Berlinerin ihr Projekt genannt. Es soll dem Publikum Wolf, Bär und Luchs näherbringen.

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Die mit dem Wolf heult. Schauspielerin Barbara Geiger hat eine Wolfsattrappe auf die Galerie des historischen Stadtbades an der Oderberger Straße mitgebracht. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Die mit dem Wolf heult. Schauspielerin Barbara Geiger hat eine Wolfsattrappe auf die Galerie des historischen Stadtbades an der...

Das hat es im alten Stadtbad Oderberger Straße in Prenzlauer Berg noch nie gegeben: Canis lupus, der Wolf, lässt erst ein leises Knurren hören, dann heult er so durchdringend, wie man es allenfalls aus Transsilvanien gewohnt ist. Doch die Frau, die am Sonnabend das Heulen eines Lausitzer Wolfsrudels in der trockengelegten Schwimmhalle des morbiden Neorenaissance-Baus vom Band abspielt, denkt gar nicht ans Gruseln. „Wenn Sie einen Wolf draußen in der Natur hören“, sagt Barbara Geiger, „dann genießen Sie diesen außergewöhnlichen Moment.“ Von wegen Gefahr. Über das Gesicht der Schauspielerin und Regisseurin huscht ein Lächeln. Sie hat es oft genug erlebt: „Wölfe heulen, um über weite Distanzen zu kommunizieren. Das hat eine ähnliche Funktion wie unser Jodeln in den Bergen.“

Die 46-Jährige tourt seit 2008 durch Schulen, naturwissenschaftliche Museen und Theater; sie führt dort ihre selbst geschriebenen und inszenierten Stücke auf, in denen sie sich dem Wolf, dem Bären oder dem Luchs zusammen mit ihrem Publikum nähert – durch spannende Erzählungen, Fotos, Videos und Requisiten, etwa Wolfslosungen im Einmachglas, die sie überraschend präsentiert. Ein Bühnenabenteuer, wissenschaftlich fundiert dank der Zusammenarbeit beispielsweise mit Wolfsforschern. Und „ganz in der Tradition von Alfred Brehm“, sagt Barbara Geiger. Der habe in seinem Werk „Brehms Tierleben“ gleichfalls Poesie und Beschreibungslust mit der Genauigkeit des Naturforschers verbunden und seinen Lesern so die Tiere nahegebracht. Der Titel des Theaterprojektes war also flott gefunden: „Fräulein Brehms Tierleben.“

Vor allem in Süddeutschland führte Fräulein Brehm bislang ihr „science theatre“ auf, wie sie es nennt. Aber nun will sie die drei „Beutegreifer“, den Wolf, den Bären und Luchs „endlich“ auch den Berlinern vorstellen. Zumal sie selbst an der Ackerstraße in Mitte zu Hause ist und Canis lupus längst vor den Toren Berlins durch das südliche Brandenburg streift. Und der Bär? Der ist ja immerhin Berlins Wappentier. Vermutlich wird das Museum für Naturkunde eine ihrer Bühnen sein, auch mit Schulen hat sie gesprochen – doch am Sonnabend begann Fräulein Brehms Berlin-Offensive erst einmal mit einer Werbeaktion im Stadtbad an der Oderberger Straße, das nach 25 Jahren Leerstand bis 2015 saniert werden soll.

Lebensgroße auf Pappe aufgezogene Fotografien ihrer Protagonisten hat sie mitgebracht. Da guckt die Wolfsschnauze hinter den Säulen der Schwimmbad-Galerie hervor, und Bär und Luchs marschieren durchs Becken, als habe das tierische Trio die Halle kurzerhand besetzt. Warum dieser Aufmarsch für die Presse an einem solchen schrägen Ort? Weil alle drei, aber vor allem der Wolf, sich der Hauptstadt immer mehr nähern und bald wieder zum Alltag in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gehören werden.“ Also holte Geiger die Tiere schon mal für eine Stippvisite nach Berlin, bevor ihr Theaterprojekt nach den Sommerferien hier startet.

Wie weit wandern manche Wölfe, die im Rudel in der Lausitz leben, wenn sie mal Fernweh bekommen? „Einer marschierte 1500 Kilometer kreuz und quer bis zur litauischen Hauptstadt Vilnius, weiß Geiger. Sie projiziert Fotos von Wolfsspuren auf Leinwände, holt einen Wolfsschädel aus der Tasche, um dessen Milchgebiss zu erklären und erzählt die Lovestory des Wolfspärchens Karl und Lotte, das in Brandenburg schon viele Welpen großgezogen hat. Das hat sie bei ihren Besuchen bei den Forschern erfahren. Weshalb sie sich so sehr für die Tierwelt begeistert? Das sei so, seit sie 2007 Brehms zehnbändiges Werk entdeckt habe, sagt Geiger. Damals las sie zuallererst einen Absatz über das „nickende Glockentierchen“, eine Amöbe, und dachte: „Wer so leidenschaftlich einen derartigen Winzling beschreiben kann, muss ein besonderer Mensch sein.“ Danach hat sie für ihr Projekt eine Stiftung gegründet und sich schon jede Menge tierischer Pläne ausgedacht. Nach dem vierbeinigen Trio soll es erstmal unter die Erde gehen, zu Ameise und Regenwurm. „Genau wie Alfred schaut sich das Fräulein natürlich überall um.“

Infos: www.brehms-tierleben.com

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