Blumenverkäufer in Berlin : Im Namen der Rose

Wenn es ein guter Abend ist, dann verkauft er 40 Blumen in Berliner Kneipen. Davon kann Korim aus Bangladesch leben. Aber nicht jeder Abend ist gut. Macht nichts, sagt er, es geht ja nicht ums Geld allein. Es geht um die Liebe.

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Jede Nacht bis eins geht Korim von Lokal zu Lokal und hält seinen Rosenstrauß hin. Ein Mann zuckt mit der Schulter; eine Frau schaut in ihr Glas. Es dauert lang, bis der Strauß kleiner wird.
Jede Nacht bis eins geht Korim von Lokal zu Lokal und hält seinen Rosenstrauß hin. Ein Mann zuckt mit der Schulter; eine Frau...Foto: Thomas Weitzel/Fotolia

Weil er glaubte, dass es überall besser sein müsste als zu Hause, ging er fort. Nur das Ankommen hatte er sich leichter vorgestellt.

Schwungvoll zieht er die Tür der Kneipe auf, tritt hinein, schiebt sich die Wollmütze aus der Stirn. Er hält einen Strauß mit roten und gelben Rosen vor sich wie einen Schild. „Guten Abend.“ Ein kurzer Gruß an die beiden Männer hinter dem Tresen, dann drückt er sich an der Bar vorbei zwischen die Tische. Das ist jetzt sein Auftritt. Nur schaut fast niemand.

Korim* kommt aus Bangladesch. Nachts verkauft er in Berliner Kneipen Rosen, die kaum jemand haben will.

„Du kannst mitkommen“, hat er zuvor gesagt. „Aber bitte bleib draußen.“ Das Rosenverkaufen ist ein Ein-Mann-Business. Und es ist mühsam.

Durch die Fenster der Bar lässt sich sein Auftritt verfolgen wie ein Stummfilm. Lächeln, Kopfschütteln, hochgezogene Augenbrauen. Eine Blume für die Freundin ist eine nette Geste, sagt Korim. Aber wenn einer keine Blume kauft? „Dann ist es keine Liebe.“

Der Himmel über Berlin ist an diesem Februartag schon seit Stunden wieder dunkel, vereinzelt schweben Schneeflocken durch die Luft. Breitbeinig lachend marschieren junge Männer über den Gehweg. Zwei Mädchen ziehen frierend die Schultern hoch, die Hände in den Taschen ihrer Winterjacken vergraben, die Haare zum Dutt gebunden, die Lippen rot. Schweres Parfüm. Sie gehen ganz schief, als wären sie an den Schultern zusammengewachsen. Sie schweigen. Zum Reden ist es zu kalt. Aus dem Eingang zur U-Bahn weht warme Luft auf die Straße, ein Pärchen streitet sich auf der Treppe. Später Freitagabend.

Korim gehört zu dieser Nacht wie die roten Lippen und das Parfüm. Er ist der Nebendarsteller, mit dem das Klischee des Ausgeh-Wochenendes erst eines wird. Wenn er durch die Straßen geht, dann grüßen ihn viele. Pärchen, die aus Bars kommen, oder Jungs, die am Straßenrand ihre Räder abschließen.

„Hey Korim“, sagen sie, „alles gut?“ Alles gut, sagt er dann. Korim sagt das ziemlich oft.

Den Rosenverkäufer zu kennen, ist schick. Ihn besser zu kennen, nicht.

Korim ist 42 Jahre alt, und natürlich besitzt er einen Nachnamen. Nur behält er den lieber für sich. Korim ist nicht groß, und kräftig wirkt er nur, weil er so viel übereinander trägt bei diesem Winterwetter: eine warme Überhose, die Regen und Schnee abweisen kann. Eine dicke Jacke, die eng sitzt über Pullover und Schal. Seine Handschuhe sind zweigeteilt. Den oberen Teil klappt er zurück, wenn er einzelne Blumen aus dem Strauß zuppelt. Oder wenn er sich die Nase putzen muss, was ziemlich häufig vorkommt, denn Korim fährt trotz der Kälte mit dem Rad. Die Blumen transportiert er in einem großen grünen Korb auf dem Gepäckträger. Müde zittern ihre Köpfe, wenn er voranfährt, hustend, kreuz und quer. Er merkt sich keine Straßennamen, er merkt sich seine Käufer.

*Name geändert

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