Berlin : Britz demonstriert guten Willen

Ein Informationsabend zum neuen Flüchtlingsheim sollte es sein. Eine echte Diskussion blieb aber aus, Kritik war nicht gewünscht.

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Volles Haus. Gut 300 Neuköllner kamen zu der Veranstaltung. Foto: Christian Mang
Volles Haus. Gut 300 Neuköllner kamen zu der Veranstaltung. Foto: Christian MangFoto: Christian Mang

Der stärkste Satz des Abends fällt um kurz vor neun. Bernd Szczepanski spricht ihn, der grüne Sozialstadtrat von Neukölln. Es geht um Kriminalität rund um die Flüchtlingsheime, es wird ja auch gerade eins in Neukölln geplant, darum gibt es diesen Informationsabend in der Aula der Fritz-Karsen-Schule zu Britz. Also: Kriminalität im Umkreis der Flüchtlingsheime? Natürlich gibt es die, sagt der Stadtrat Szczepanski, „aber diese Kriminalität ging bisher von der NPD und ihren Sympathisanten aus!“

Da johlt der Saal, gut 300 Neuköllner applaudieren. Es ist ja mehr als nur eine Informationsveranstaltung. Es ist eine Gegendemonstration zu dem, was in Hellersdorf passiert ist, wo die NPD öffentlichkeitswirksam einen vermeintlichen Volkszorn inszeniert hatte. An diesem Donnerstag soll alles anders sein. Im Saal, aber auch vor der Schule, wo gleich drei Kundgebungen stattfinden, um den Nazis die Lust am Aufmarsch zu nehmen. An diesem Donnerstag will Britz zeigen, dass es bunt ist.

Um kurz vor halb acht spaziert Heinz Buschkowsky in die Aula. Die Organisatoren haben ihn demonstrativ nicht eingeladen, also kommter nicht als Bezirksbürgermeister, sondern als interessierter Neuköllner nach Britz. Es findet sich ein Plätzchen ganz hinten, in der drittletzten Reihe. Buschkowsky macht, was er selten macht, er schweigt. Kein einziges Mal wird er sich zu Wort melden.

Der Abend kommt schwer in Gang. Oben auf dem Podium sitzen fünf Experten für Flüchtlingsbetreuung. Eine Diskussion im eigentlichen Sinne findet nicht statt, denn zu einer Diskussion gehören inhaltliche Gegensätze, und in der Britzer Aula sind sich alle einig. Natürlich sind die Flüchtlinge willkommen, natürlich muss man ihnen helfen, natürlich müssen sie alle genug Platz haben in ihrer neuen Heimat. Am Podium klebt ein Banner mit der Losung: „Nicht Flüchtlinge, sondern Fluchtursachen bekämpfen.“ Konkrete Fragen zur geplanten Unterkunft an der Neuen Späthstraße gibt es kaum. Dafür hält das Publikum allerlei Grundsatzreferate, vom Blatt abgelesen im rührenden Bemühen, eine Gegenposition zu Hellersdorf aufzubauen.

Als Franz Allert, der Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales, sagt, es gebe da in Einzelfällen auch mal Probleme mit Flüchtlingen, wird er beinahe niedergebrüllt vom Parteitag der politisch Korrekten.

Die Rechten haben sich übrigens auch nach Britz getraut. Am Ende einer Neuköllner Rundtour rollen sie mit ihrem Bus vor dem denkmalgeschützten Hufeisen an, ganz in der Nähe der Fritz-Karsen-Schule. Es folgt ein bizarres Schauspiel mit dem NPD-Landeschef Sebastian Schmidtke und seinem Neuköllner Statthalter Jan Sturm, dazu reichlich Polizei und Gegendemonstranten. Britzer Familien, viele Kinder, sie haben bunte Luftballons mitgebracht und Trillerpfeifen. Schmidtke versucht sich in der Kunst der freien Rede, aber es ist schwer anzukommen gegen die Britzer Familien und ihre Trillerpfeifen. Irgendwann hat er genug und hört auf.

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