• Buchauszug aus "Ich deutsch" von Raed Saleh: Plädoyer für eine neue deutsche Leitkultur

Buchauszug aus "Ich deutsch" von Raed Saleh : Plädoyer für eine neue deutsche Leitkultur

Der Berliner SPD-Politiker Raed Saleh schreibt, wie wichtig Grundrechte, religiöse Vielfalt und ein aufgeklärter Patriotismus für den Zusammenhalt der Gesellschaft sind - und welche Rolle der Islam spielt.

Raed Saleh
Raed Saleh, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus
Raed Saleh, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Berliner AbgeordnetenhausFoto: Tsp/Doris Spiekermann-Klaas

Wir suchen eine moralische Fundierung für unsere Leitkultur. Beginnen wir mit den moralischen Grundlagen. Es geht um die Frage: Welches Verhalten wird als gut und richtig empfunden und welches als böse und verwerflich?

Da alle Menschen eine Vorgeschichte haben, eine familiäre Prägung, müssen wir unseren Blick bei der Suche nach moralischen Orientierungen in die Vergangenheit richten. Das moralische Fundament lieferte in vergangenen Generationen vor allem die Religion. Für die überwiegende Mehrzahl der in Deutschland lebenden Menschen müssen wir daher das Christentum heranziehen. Es hat die Familien über Jahrhunderte entscheidend geprägt.

Ich habe mich in den vergangenen Jahren sehr viel mit dem Thema beschäftigt. In vielen Gesprächen mit Priestern, Rabbinern und Imamen bin ich auf die Suche nach der moralischen Basis der Religionen gegangen. Dabei hat mir vor allem der Jesuitenpater Klaus Mertes geholfen. Er sagte: „Die Frage, um die es hier geht, lautet im Grunde: Lässt sich der Glaubensakt von der Religion trennen?“ Er dachte nach und fuhr fort: „Ja, es geht. Und zwar über die Ethik.“ Während unseres weiteren Gesprächs zeigte mir Pater Mertes, wo sich dieser ethische Leitfaden finden lässt. „Als Basis können wir die sogenannte Goldene Regel ansehen“, sagte er. „Die Goldene Regel findet sich in allen Religionen. Sie ist, wenn Sie so wollen, die Essenz des Menschlichen.“

Gemeinsame Werte

Im Christentum finden wir die Goldene Regel im Alten und auch im Neuen Testament. Es sind im Prinzip immer neue Varianten des Gebots aus der Thora: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ So lesen wir bei Lukas 6,31: „Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.“ (...)

Im Koran finden wir denselben Gedanken: „Wer einen Menschen tötet, der tötet die Menschheit. Wer einen Menschen rettet, rettet die Menschheit.“ Daneben gibt es einen Hadith, der wie folgt lautet: „Wünsche den Menschen, was du dir selbst wünschst, so wirst du ein Muslim.“ In dieselbe Richtung zielt der Konfuzianismus: „Was du selbst nicht wünschst, das tue auch anderen nicht an.“ Und: „Dann wird es keinen Zorn gegen dich geben, weder im Staat noch in der Familie.“ Im Buddhismus findet sich eine ähnliche Stelle, und zwar in der Spruchsammlung Dhammapada: „Was für mich eine unliebe und unangenehme Sache ist, das ist auch für den anderen eine unliebe und unangenehme Sache.“ Sämtliche Religionen lassen sich auf diese moralische Essenz zurückführen. Damit ist sie wohl geeignet, als moralisches Fundament für unsere neue Leitkultur zu dienen.

Die Trennung von Staat und Kirche ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaftsordnung. Die Kirche oder andere Religionsgemeinschaften, so wichtig ihre seelsorgerische Tätigkeit ist, haben in der Politik nichts zu suchen. (...)

Kulturvermittler. Raed Saleh setzt sich für einen aufgeklärten Islam ein.
Kulturvermittler. Raed Saleh setzt sich für einen aufgeklärten Islam ein.Foto: imago/Jens Jeske

Deutschland wurde im Laufe seiner Geschichte fast ausschließlich durch das Christentum, das christliche Menschenbild geprägt, dessen Grundlage das Neue Testament ist, das bekanntlich seinerseits auf den Heiligen Schriften des Judentums aufbaut. Daher sprechen wir von der Kultur des christlich-jüdischen Abendlandes. Inzwischen führen diesen Begriff auch Leute im Mund, die vor noch gar nicht so langer Zeit alles Jüdische wohl als „undeutsch“ bezeichnet hätten.

Natürlich gehört das Jüdische zu Deutschland, und nicht nur wegen der religiösen Prägung durch das Alte Testament, sondern vor allem wegen der jahrhundertelangen jüdischen Tradition in diesem Land. In den vergangenen Jahren habe ich viel Zeit mit Rabbinern und in Synagogen verbracht. Was mich immer wieder zutiefst beeindruckt, ist dabei die Ernsthaftigkeit jüdischer Gelehrter, die bis spät in die Nacht diskutieren können, um Antworten auf philosophische Fragen zu erhalten. (...)

Das Judentum gehört für mich zur deutschen Leitkultur – keine Frage. Aber dasselbe gilt für den Islam. Auch viele meiner jüdischen Freunde sehen das so. Die millionenfache Zuwanderung von Muslimen während der vergangenen Jahrzehnte hat auch die religiöse Verortung unseres Landes verändert. Wenn ein muslimischer Deutscher heute das Grundgesetz liest, dann hat er mit der Präambel keinerlei Probleme. Das Wort „Gott“ übersetzt er sich ganz einfach mit „Allah“, was für ihn dasselbe ist.

Islamfeindliche Gruppen schüren Ängste

„Der Islam gehört zu Deutschland.“ So sprach 2010 der damalige Bundespräsident Christian Wulff. Und er war nicht der Erste, der diese Aussage getroffen hat. Mit praktisch den gleichen Worten eröffnete der CDU-Politiker und damalige Innenminister Wolfgang Schäuble vier Jahre zuvor die deutsche Islamkonferenz: „Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas. Er ist Teil unserer Gegenwart und Teil unserer Zukunft.“ Und andere Politiker vor ihm, wie zum Beispiel der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, betonten ebenfalls, dass der Islam dazugehöre zu Deutschland.

Und doch scheiden sich an diesem Thema die Geister wie wohl an keinem anderen. Islamfeindliche Gruppen schüren bewusst Ängste. Sie beschwören eine Islamisierung unseres Landes herauf. Sie behaupten, es gebe Kräfte, die in Deutschland womöglich die Scharia einführen wollen. Behaupten, dass in zwanzig Jahren Lehrerinnen nur noch mit Kopftuch an staatlichen Schulen unterrichten dürfen… Natürlich sind solche Szenarien völlig absurd. Dass sie von einigen Menschen ernsthaft diskutiert werden, verdankt sich einer großen Unkenntnis über den Islam. Hier hilft nur eine gezielte Aufklärung (auch mit wissenschaftlichen Mitteln), um mit den zahlreichen Vorurteilen aufzuräumen, die in den Köpfen der Menschen herumspuken.

Ein typisches Vorurteil ist, zu glauben, dass der Islam überall auf der Welt ein und dasselbe ist. (...) Nicht nur teilt sich unser Land in die zwei großen christlichen Konfessionen der Katholiken und Protestanten, sondern es gibt auch bei uns ähnlich radikale Christen wie etwa im amerikanischen Bible Belt, die die Evolutionstheorie leugnen, gegen Sex vor der Ehe wettern, Gleichberechtigung der Geschlechter und Homosexualität ablehnen und in öffentlichen Massenveranstaltungen „Dämonenaustreibungen“ vornehmen. Nicht anders sieht es beim Islam aus. Er wird in eher liberalen Ländern wie Malaysia oder Marokko völlig anders gelebt als in konservativen Ländern wie in Saudi-Arabien oder im Iran. (...)

Ganz automatisch praktizieren auch die Muslime in Deutschland ihre Religion daher anders als etwa im Nahen Osten, dem Ursprungsgebiet des Islam. Muslimische Gläubige hierzulande müssen gleichzeitig die Möglichkeit haben, sich frei entfalten zu können. Nur so ist gewährleistet, dass die hier lebenden Muslime eine eigene, deutsche Variante des Islam entwickeln. Diese Variante wird sich durch den gelebten Alltag von ganz allein ergeben. Wenn hierzulande Muslime in die Kita, in die Schule, an die Uni gehen, dann kennen sie die Vorzüge unserer Gesellschaft. Die Art und Weise unseres Zusammenlebens hat sie geprägt, sie sozialisiert. Die Werte der Aufklärung, Toleranz, Meinungsfreiheit, Menschenrechte sind ihnen so geläufig wie ihren nichtmuslimischen Mitbürgern. Für viele Menschen mit muslimischem Hintergrund ist es allerdings nicht nachvollziehbar, dass es Menschen gibt, die keinen Glauben haben. Dass diese Menschen sich allenfalls mit einer „Weltanschauung“ zufriedengeben.

Junge Muslime müssen Religionsfreiheit akzeptieren

70 Prozent der Einwohner Berlins gehören keiner Glaubensrichtung an. Hier brauchen wir auch ein Umdenken bei den Muslimen. Junge Muslime müssen den Wert von Religionsfreiheit akzeptieren und wertschätzen wie die Meinungsfreiheit, wie die Frauenrechte oder die Rechte von Minderheiten. Doch auch hier ist der gelebte Alltag der Menschen die beste Form der Erziehung. Ich möchte, dass meine Kinder gleichberechtigte Deutsche sind. Und dazu gehört für sie auch ihre Religion. Was soll ich ihnen sagen? Ihr seid Spandauer, Berliner, Deutsche – aber eure Religion gehört nicht dazu? Nein. Sie müssen ihre Religion frei leben können, und zwar völlig selbstverständlich in ihrem deutschen Umfeld.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder – sollten sie sich irgendwann einmal für ihre Religion interessieren – von „importierten“ Imamen unterrichtet werden. Ich möchte, dass deutsche Imame, also hier sozialisierte Geistliche, die unsere Werte und Traditionen kennen und teilen, den jungen muslimischen Deutschen die Regeln ihrer Religion nahebringen. Weltoffene Imame sind das beste Mittel gegen Fanatismus. Denn wer versteht, kann wertschätzen. Wer also unsere Überzeugungen und Ideale begreift und teilt, wird sie dann auch verteidigen. Hass muss man mit Liebe begegnen.

Genauso müssen wir den religiösen Scharfmachern entgegentreten. Wenn die vielen jungen Muslime in unserer Gesellschaft sich angenommen und akzeptiert fühlen, dann wird es den Hetzern sehr schwerfallen, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Es handelt sich hierbei um eine Normalisierung der Religion in ihrem deutschen Umfeld. Für mich gehört dies zu den dringlichsten Aufgaben in unserem Land, einen europäischen aufgeklärten Islam zu schaffen. In Europa haben wir die Möglichkeit, dass sich diese bedeutende Weltreligion neu ausrichtet.

Ein ebenfalls weitverbreitetes Vorurteil besagt, dass der Islam grundsätzlich rückwärtsgewandt und anti-modernistisch sei. Tatsächlich war der Islam im Mittelalter fortschrittlicher als jede andere Religion. (...) Erst mit dem 11. September 2001 kam es auf grausame dramatische Weise zum Bruch. Seither ist unser Bild vom Islam geprägt vom Terror. Dies darf uns aber nicht davon abhalten, mit kühlem Kopf zu analysieren, welche Werte dieser monotheistischen Religion wahrhaft zugrunde liegen, und wie sie unsere deutsche Leitkultur bereichern können. Das Bild des Islam zu korrigieren, wäre der effizienteste Schlag gegen die Terroristen. Denn ihr Ziel ist es, einen Keil in die Gesellschaft zu treiben, die Spaltung innerhalb unserer säkularen Länder zu provozieren. Die Antwort auf dieses verbrecherische Ziel kann nur die Annäherung sein.

Das Grundgesetzt: ein tolles Versprechen

Das Grundgesetz ist ohne Zweifel die rechtliche Grundlage unseres Zusammenlebens, es muss die zentrale Bezugsgröße für unsere neue deutsche Leitkultur sein. (...) Um nach dem Fundament unserer Gesellschaft zu suchen, müssen wir uns also dem Herzstück der Verfassung zuwenden. Sicherlich können wir uns schnell darauf einigen, dass die ersten neunzehn Artikel des Grundgesetzes (die sogenannten Grundrechte) den Wesenskern unserer Demokratie definieren. Genau deswegen gibt es ja auch die „Ewigkeitsklausel“, die besagt, dass diese Artikel niemals geändert werden dürfen. In der Einführung einer Ausgabe des Grundgesetzes, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, heißt es fast schon etwas wehleidig: „Populär ist der Text nicht, aber bedeutend.“ Mag sein, dass der Text nicht zur Freizeitlektüre der Deutschen gehört, aber es gibt doch zentrale Sätze, die jedem Deutschen sofort in den Sinn kommen, wenn er an die deutsche Verfassung denkt.

Es sind Sätze wie diese: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt…“ Für mich klingen diese wenigen Worte wie ein Versprechen. Ein tolles Versprechen.

Allein dieser erste Artikel lässt mich meine Entscheidung, Politiker geworden zu sein, niemals bereuen. Denn es ist eine große, eine heilige Aufgabe, zu versuchen, diesen Anspruch jeden Tag und immer wieder aufs neue Wirklichkeit werden zu lassen. Dieser eine Satz, der seinen Ursprung in den schlimmen, verbrecherischen Jahren der Nazi-Diktatur hat, ist ein Vermächtnis und gedacht als Schutz, damit so etwas niemals wieder in Deutschland möglich ist. Alle weiteren Teile des Grundgesetzes, die wir in unsere Leitkultur mit aufnehmen wollen, sind in gewisser Weise Varianten und Ableitungen dieser einen großen Idee. (...)

Der nächstwichtige Absatz ist für mich Artikel 3. Darin heißt es: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Es geht um Chancengleichheit, und dass der Staat dazu verpflichtet ist, diese auch zu gewähren. Und der Artikel geht noch weiter: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Hier haben wir leider noch Nachholbedarf, auch wenn schon viel erreicht ist. Aber wenn in Deutschland Frauen noch immer für die gleiche Arbeit weniger Lohn erhalten als ihre männlichen Kollegen, dann wird hier gegen das Grundgesetz verstoßen. Und dann muss das schnellstmöglich abgestellt werden. (...)

Kinder dürfen kein Armutsrisiko darstellen

Mir persönlich ist Gleichberechtigung sehr wichtig. Es kann nicht sein, dass in ländlichen Regionen Kitas immer noch Mittags schließen. Frauen müssen auch als Mütter die Möglichkeit haben, sich eine eigene berufliche Existenz aufbauen zu können. Tatsache ist allerdings auch, dass viele Familien heute auf das Gehalt beider Elternteile angewiesen sind. Wenn ein Kind nur bei der Mutter oder dem Vater aufwächst, sieht die ökonomische Situation bei vielen heute noch schwieriger aus. Das bedeutet, dass wir Alleinerziehende noch viel mehr unterstützen müssen. Es kann nicht sein, dass in Deutschland das Aufziehen von Kindern ein Armutsrisiko darstellt. Seit Jahren setze ich mich daher für die kostenfreie Bildung ein – von der Kita bis zur Uni. Dafür habe ich einen Grund: Nichts lässt uns leichter mit diesem Staat, mit unserer Gesellschaft identifizieren, als wenn wir von früh auf Teil dieser sind. Und nirgends ließe sich das einfacher begreifen, als wenn die Kinder von klein auf sich in Krabbelgruppen und Kindergärten bewegen. Damit werden zwei drängende Probleme gleichzeitig angegangen: die Gleichberechtigung der Frau und die demokratische Vorsorge für unsere Zukunft.

Es ist nicht nur das Grundgesetz, das unsere Gesellschaft maßgeblich bestimmt. Daneben gibt es auch internationale Gesetzestexte, die ähnlich bedeutsam sind und ebenfalls als Grundbestandteil einer deutschen Leitkultur angesehen werden müssen. Ich meine vor allem die UN-Menschenrechtscharta, die bereits 1948 veröffentlicht wurde und sicher eine gewisse Vorreiterrolle für unsere Verfassung gespielt hat. (...)Sie ist in jeder Hinsicht sehr fortschrittlich und geht in einigen Fragen viel weiter als das deutsche Grundgesetz.

So heißt es etwa in Artikel 23: „Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.“ Das ist für mich eine ganz wichtige Aussage. Denn Arbeit ist nicht nur Broterwerb, sondern zugleich von entscheidender Bedeutung für das Selbstwertgefühl der Menschen, für die Verortung in der Gesellschaft. Diese Aussage fehlt mir leider im Grundgesetz.

Auch die folgenden zwei Abschnitte sollten zu unserer neuen deutschen Leitkultur gehören: „Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.“ Und: „Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.“

Gleicher Lohn für alle

Ich selbst habe erleben müssen, wie ungerecht und demütigend es ist, wenn zwei Personen für die gleiche Arbeit unterschiedlichen Lohn bekommen. Es war einige Jahre vor dem Abitur, ich hatte einen Job angenommen, um mein eigenes Geld zu verdienen und meinen Eltern nicht länger auf der Tasche liegen zu müssen. Zeitgleich mit mir begann in dem Laden auch ein Freund von mir, Björn. Wir brachten beide die gleichen Voraussetzungen mit, begannen zum gleichen Zeitpunkt und sollten auch die gleichen Tätigkeiten verrichten. Nur dass Björn 7,68 DM die Stunde bekam und ich 7,17 DM.

Später habe ich erfahren, dass es ein ungeschriebenes Gesetz in dem Unternehmen gab – Personen mit Migrationshintergrund wurden grundsätzlich schlechter bezahlt. So etwas ist diskriminierend, und es widerspricht all unseren Werten. Wenn sich heute Frauen darüber beklagen, dass sie für die gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn bekommen, dann kann ich ihren Ärger nur zu gut nachvollziehen.

Zum Glück haben wir begonnen, diese Ungerechtigkeit in Deutschland zu bekämpfen. Der Mindestlohn ist dabei ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Aber ihm müssen weitere folgen. Unser Lohnscheck ist leider noch immer ein Gradmesser dafür, wie gerecht unsere Gesellschaft tatsächlich ist. Hier liegt viel Arbeit vor uns. Beginnen wir damit schon einmal in unserem Leitkulturkonzept. In unsere neue deutsche Leitkultur würde ich also die Absätze zur Arbeit und zu gerechtem Lohn aus der UN-Menschenrechtscharta aufnehmen.

Aber es braucht noch mehr. Eine Sache fand ich immer schon befremdlich in unserem Grundgesetz. Da werden in Artikel 20a die Tiere unter staatlichen Schutz gestellt, aber nirgends wird den Kindern Schutz garantiert. Auch das muss dringend geändert werden. Ein Kinderrecht auf Schutz vor Gewalt, Vernachlässigung und Ausbeutung gehört in unser Grundgesetz. Allerdings reicht es nicht, den Kindern nur mehr Rechte zu gewähren. Wir müssen generell die Rolle des Kindes definieren. Mir schwebt vor, dass wir Kinder noch viel mehr als bisher teilhaben lassen an unserem öffentlichen Leben. Ich denke etwa an Museen, Theater, Konzerthäuser. Wenn wir Hunderte von Millionen Euro Steuergelder in diese Einrichtungen stecken, dann sollten sie auch alle Menschen in Deutschland besuchen können. Der Besuch eines Museums darf keine Frage des Geldbeutels sein. Wie viele Euro jemand in der Tasche hat darf nicht über die Frage entscheiden, ob jemand am kulturellen Leben teilhaben kann. Denn wer nicht teilhaben kann, der wird ausgegrenzt, und das ist nicht zu tolerieren. Da braucht es in Deutschland ein Umdenken: Museen, staatliche Galerien oder Ausstellungen sollten für Kinder generell kostenlos sein. Hier findet Bildung statt, und zwar sehr konkret. (...)

Eine aufgeklärte Form des Patriotismus

Ich möchte mit einem letzten Punkt abschließen, der für mich zu unserem Gesellschaftsbild dazugehört. Mir scheint, als handelte es sich bei diesem Punkt um das Kondensat der vorangegangenen Abschnitte: Wir Deutschen haben es geschafft, eine aufgeklärte, friedliche Form von Patriotismus zu entwickeln. Dieser Patriotismus existiert bereits, er steht wie ein Teller Spaghetti auf dem Tisch.

Noch haben sich aber nicht alle getraut zuzugreifen. Die einen, weil sie noch keinen Hunger haben. Die anderen, weil sie Spaghetti nicht mögen. Andere weil sie Angst haben, als unhöflich und schlecht erzogen zu gelten. Ich würde aber sagen, lassen Sie uns ruhig beherzt zugreifen. Wer Appetit hat, soll sich bedenkenlos sattessen. Denn es ist nichts Verwerfliches. Patriotismus, so wie ich ihn verstehe, ist die konsequente Umsetzung dessen, was wir bislang beschrieben haben. Es ist die emotionale, sinnliche Seite der neuen deutschen Leitkultur.

Denn das Grundgesetz kann man nicht anfassen. Das ist nicht schlimm. Keine Verfassung lässt sich essen, riechen oder fühlen. Gesetzestexte sind nun einmal abstrakte Gebilde. Dies bedeutet für mich: Eine Verfassung kann immer nur die Basis sein. Die Emotionen müssen von etwas anderem kommen, nämlich von einem Gemeinschaftsgefühl, einem Gefühl, dass wir zusammengehören und für die gleichen Ziele und Werte eintreten. Und dieses Gefühl wird gemeinhin als Patriotismus bezeichnet. Im Kommunistischen Manifest schrieben Karl Marx und Friedrich Engels: „Die Arbeiter haben kein Vaterland.“ Dass dies so nicht stimmt, hat die Geschichte früh genug bewiesen. Denn es gehört zur bitteren Wahrheit dazu, dass gut sechzig Jahre nach Erscheinen des Manifests auch die Arbeiter begeistert und siegesgewiss in den Ersten Weltkrieg zogen. Auch meine Partei, die SPD, hat in diesem Kapitel der deutschen Geschichte eine unrühmliche Rolle gespielt. Auf jeden Fall zeigt mir das bekannte Zitat vor allem eines: Die Menschen wollen sich nichts vorschreiben lassen. Und wenn sie sich einem Vaterland zugehörig fühlen wollen, dann tun sie das.

Hin- und hergerissen zwischen den Identitäten

Ich habe nie verstanden, warum die Arbeiter kein Vaterland haben sollen. Es ist doch zunächst einmal etwas Schönes, ein Vaterland zu haben. Dort fühlt man sich verstanden, umsorgt und geborgen. Meinetwegen soll jeder Arbeiter ein Vaterland haben. Genau wie jeder Angestellte, jeder Freiberufler, jeder Manager, jeder Bäcker, Lehrer oder Praktikant. Ein großer Mann wie Willy Brandt hat das nicht anders gesehen. Er stellte seinen Wahlkampf 1972 unter das Motto: „Stolz sein auf unser Land“. Dabei war sein politisches Handeln natürlich immer auf den Ausgleich unter den Ländern ausgerichtet. Genauso sollten wir uns dem Thema Patriotismus in einer neuen deutschen Leitkultur nähern. Beginnend mit der Frage, wer heute überhaupt als Deutscher zählt. „Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt“, sagte vor einiger Zeit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Jeder Bürger, der hier lebt, gehört zu unserem Volk, gehört zu Deutschland.

Ein Imam in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin.
Ein Imam in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin.Foto: Rainer Jensen/dpa

Diese Erkenntnis ist von enormer Bedeutung. Momentan erleben wir, wie unsere türkischstämmigen Mitbürger zwischen ihren beiden Identitäten hin- und hergerissen sind. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat vor allem deswegen so leichtes Spiel, weil viele Deutsche mit türkischen Wurzeln sich hierzulande nicht angenommen fühlen und deswegen noch immer an der Herkunft ihrer Eltern, Großeltern oder teils sogar schon Urgroßeltern kleben. Dass sich die zweite oder dritte Generation von Einwandererfamilien, Menschen also, die in Deutschland geboren wurden, hier aufgewachsen und sozialisiert worden sind, sich noch immer in starkem Maße mit der Türkei identifizieren, hängt auch mit der bisherigen schwachen Bindung an unsere Leitkultur zusammen. Hier müssen wir ansetzen. Ein gesunder Patriotismus kann dazu beitragen, dass die Menschen sich angenommen, akzeptiert und heimisch fühlen. Wer sich als deutscher Patriot empfindet, seine Heimat liebt und gerne im gesellschaftlichen Leben mitmischt, braucht keine Nebenkriegsschauplätze wie sie momentan nach Deutschland getragen werden. Wenn sich die zweite, dritte und vierte Generation von türkischstämmigen Einwanderern bei uns aufgenommen und wirklich integriert fühlt, dann streiten diese Deutschen schon bald nicht mehr über die Vor- und Nachteile eines Präsidialsystems in der Türkei, sondern darüber, wer der nächste Bundeskanzler werden soll.

Manche Zuwanderer sind patriotischer als Pegida

Jeder Bürger in Deutschland – alteingesessener wie zugezogener – sollte diese gefühlsmäßige Bindung an sein Heimatland ausleben dürfen, wenn er es denn will. Ich empfinde mich jedenfalls als Patrioten. Mein Patriotismus ist bunt, nicht ethnisch homogen, einladend und nicht ausgrenzend, mutmachend und nicht angsteinflößend – er ist multireligiös und aufgeklärt. Mein Patriotismus hat nichts mit dem Nörgeln, Ausgrenzen und Angstmachen der Nationalisten zu tun, die wir seit einiger Zeit in Dresden erleben. Das sind für mich falsche Patrioten.

Echte Patrioten habe ich kürzlich kennengelernt. Sie leben teilweise erst seit kurzer Zeit in Deutschland. „Danke, dass wir hier sein dürfen“, hat mir etwa ein Flüchtling aus Syrien gesagt. „Dieses Land ist toll, ich liebe es. Ich würde alles für das Land und seine Menschen geben.“ Solche Personen sind für mich größere Patrioten als die Pegida-Marschierer. Denn diesen Neuankömmlingen ist unser Gesellschaftsmodell, sind unsere Werte offenbar mehr wert als den rechtspopulistischen Schreihälsen auf der Straße. Und das macht für mich einen echten Patrioten aus. Zu unseren Überzeugungen, unseren Zielen, unseren Hoffnungen zu stehen. Das zu wollen und zu verteidigen, was wir als unsere Leitkultur ansehen.

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