Buchhalterin in Berlin unterschlug 650.000 Euro : Untreue für ein neues Herz

Die Buchhalterin eines Essenslieferanten hat über 650.000 Euro veruntreut - angeblich, um die Herztransplantation ihres Mannes zu bezahlen. Nur: Die Transplantation fand nie statt. Und sie war schon vorbestraft - auch damals ging es um sehr viel Geld.

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Personifikation der Gerechtigkeit: Justitia
Personifikation der Gerechtigkeit: JustitiaFoto: picture alliance / dpa

Die Firma hatte sich in ihr getäuscht. „Wir haben ihr vertraut“, sagte einer der jungen Geschäftsführer mit einem kurzen Blick zur Angeklagten. Buchhalterin Andrea C. ließ die schulterlangen braunen Haare im Gerichtsaal schnell wie einen Vorhang ins Gesicht fallen. Die 50-Jährige hat sich jahrelang an den Konten des Unternehmens – einem Lieferservice für Essen – bedient. Bei 259 Abbuchungen kamen 665 449 Euro zusammen. „Ich wollte eine Herztransplantation für meinen Mann in Russland ermöglichen“, gab sie am Dienstag vor dem Landgericht als Motiv an.

Eine Geschichte, in der keine Namen fallen. Eine Freundin habe ihr Anfang 2011 einen angeblichen russischen Arzt vorgestellt. Dieser habe ein neues Herz in nur zwei bis drei Jahren Wartezeit in Aussicht gestellt. „Ich wusste, dass es illegal ist, aber es ging meinem Mann immer schlechter“, sagte die Frau. 650 000 Euro seien für eine Operation in Moskau vereinbart worden. „Ich zahlte in fünf Raten.“ Belege, Kontaktdaten? „Nein, alles lief anonym.“ Das Geld habe ein Mittelsmann abgeholt. „Nach der letzten Rate habe ich nie wieder von dem Arzt gehört.“

Die Frau hatte schon einmal 375 000 Euro veruntreut

Eine Verzweiflungstat? Wurde Andrea C. kriminell, weil sie von Kriminellen ausgenutzt wurde? Die Frau, die so vertrauensvoll wirkte, war der Justiz bereits bekannt, bevor sie vor vier Monaten festgenommen wurde: Als sie Mitte 2010 als Buchhalterin bei dem Online-Lieferservice anfing, war sie wegen Gaunereien zulasten ihres vorherigen Arbeitgebers bereits im Visier der Ermittler. In 139 Fällen hatte sie Geldbeträge auf Privatkonten umgeleitet und 375 000 Euro kassiert. Im Juli 2012 erhielt die Betrügerin nach tränenreicher Reue zwei Jahre Haft auf Bewährung.

Die neue Tatserie begann am 9. März 2011 mit 750 Euro. Die Beträge steigerten sich bis auf knapp 9000 Euro. Der Online-Lieferservice lief gut. „Wir waren ein stark wachsendes Unternehmen“, sagte einer der Geschäftsführer, der als Zeuge auftrat. Es habe eine familiäre Atmosphäre geherrscht. Bis Juni 2014 nutzte Andrea C. ihre Zugriffsmöglichkeiten auf die Firmenkonten. Sie überwies Geld auf eigene Konten sowie die ihres Mannes und ihres Sohnes. Zur Verschleierung habe sie Scheinrechnungen eingegeben oder Gutschriften manipuliert. Geschickt habe sie anfängliche Lücken im System genutzt, erklärte ihr Chef.

In der neuen Firma wusste man nicht, dass sie vorbestraft war

Was geschah mit der Beute im ersten Fall? „Wurde verbraucht“, nuschelte die Frau. Dass sie vorbestraft ist, wusste man in der neuen Firma nicht. Als im Jahr 2013 eine Pfändungsverfügung gegen Andrea C. ins Unternehmen flatterte, schluchzte sie und erklärte: „Unser Haus ist abgebrannt, aber die Versicherung zahlt nicht.“ Man glaubte ihr – bis im Sommer eine Bank den Hinweis gab, dass mit Überweisungen etwas nicht stimme. Da musste Andrea C. gehen.

Das Geld sei jedenfalls weg, so die Angeklagte. Rätsel bleiben: Ein unbekannter Arzt, ein dubioser Mittelsmann, dem sie ohne Rückversicherung große Summen übergab? Die Richter werden vermutlich am Freitag zum Urteil kommen. Fest steht allerdings die schwere Erkrankung des Ehemannes. Ein Kardiologe sagte, der 56-Jährige habe sich aber bislang nicht um eine Aufnahme in die Warteliste für eine Herztransplantation bemüht.



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