Bürgerinitiative sammelt Spenden : Hellersdorf hilft Asylbewerbern

Hellersdorf kann einpacken und zwar richtig gut: Helfer schenken den Flüchtlingen Spielzeug, Bettwäsche, Töpfe. Einer brachte sogar 40 Schulranzen vorbei. Außerdem verschickt die Bürgerinitiative Begrüßungsschreiben in der Sprache der Asylwerber. Damit wollen die Initiatoren der Aktion zeigen, dass in Hellersdorf nicht nur sozial Schwache und Braune leben.

Stefan Kuhfs
Die Helfer schrieben den Flüchtlingen Briefe in ihren Landessprachen.
Die Helfer schrieben den Flüchtlingen Briefe in ihren Landessprachen.Foto: Björn Kietzmann

Stephan und Franziska fallen eigentlich nicht groß auf. Sie sind beide Mitte zwanzig, Studenten, selbstständig, wie die meisten in ihrer Initiative. Von einer sozialen Einrichtung haben sie ein paar Räume in einem mit Graffiti überzogenen Plattenbau zur Verfügung gestellt bekommen. Mit Michael, auch etwa Mitte zwanzig, sitzen sie auf einem Sofa und kleben Briefumschläge zu. Wenn man sie reden hört, denkt man, sie wären alte Freunde, als würden sie sich schon ewig kennen. Doch sie kennen sich erst seit ein paar Wochen, seit Anfang Juli. Seitdem sind sie fast täglich zusammen. 20 Personen sind der feste Kern ihrer Bürgerinitiative.

Nach der Infoveranstaltung, bei der der Bezirk die Anwohner über die bevorstehende Umwandlung einer leer stehenden Schule in eine Notunterkunft in Kenntnis setzen wollte und die von rechtsextremen Wahlkämpfern instrumentalisiert wurde, konnten sie nicht mehr stillhalten. „Unser Bauchgefühl sagte uns einfach, wir müssen was tun“, sagt Franziska, die wie alle anderen in dieser Geschichte ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Noch am Abend hatte einer von ihnen eine Seite auf Facebook gegründet: „Hellersdorf hilft Asylbewerbern.“ Schon am ersten Tag nachdem sie online war, hatte sie tausend Unterstützer. Inzwischen sind es fast 12 000.

Das ist jetzt mehr als zwei Monate her. Sie überlegten sich, was sie tun könnten – Spenden sammeln, mit den Flüchtlingen ins Gespräch kommen, sie beruhigen und ihnen zeigen, dass es eine Minderheit ist, von der diese Hetze ausgeht. Mit der Heimleitung stehen sie inzwischen in engem Kontakt. Sie bekamen Bedarfslisten und veröffentlichten sie. Hunderte antworteten auf ihre Gesuche. Manche kamen direkt vom Einkaufen zu ihnen. Eine Frau brachte neue Bettwäsche, ein Vater teure, original verpackte Spiele. Fast 40 Schulranzen. Dolmetscher meldeten sich und boten ihre Hilfe an. Senioren, um Kinder zu betreuen. Ein Mann, um ein Fußballturnier zu organisieren.

Franziska hat einen kleinen Rucksack neben sich liegen. Auf dem klebt ein Zettel mit krakeliger Kinderschrift: „Für einen 8-Jährigen – von Lenny“, steht darauf. Lenny hat eine Sonnenbrille eingepackt, Dominosteine und ein Fernglas. Franziska ist in Hellersdorf groß geworden. Es mache sie wütend zu sehen, wie der Ort von außen dargestellt werde. „Als ob hier nur sozial Schwache und Braune leben!“ Die Kartons, die sich im Keller unter ihren Füßen bis an die Decke stapeln, sprechen eine andere Sprache: Hellersdorf hilft, packt an und ist solidarisch.

Für die Kinder gibt es Spielzeug.
Für die Kinder gibt es Spielzeug.Foto: Björn Kietzmann

Neulich haben sie sich mit der bezirklichen Koordinierungsstelle getroffen. Auch dort sind mittlerweile mehr als hundert Hilfsangebote eingegangen. Sie wollen ihre Listen zusammenführen. Die Briefe, die sie jetzt schreiben, sind an die Flüchtlinge gerichtet, an jede Familie. Als sie am Heim ankamen, hätten sie nur Blaulicht gesehen und dass Polizeischutz für sie nötig war. Sie hätten zwei Gruppen erlebt, die sich gegenüberstanden, wild schrien und gestikulierten. „Aber sie kennen die Hintergründe nicht“, sagt Stephan. „In den Briefen wollen wir ihnen die Angst nehmen, sie willkommen heißen und ihnen das erklären.“ Dass es noch immer rechtes Gedankengut gebe und die Ängste einiger Menschen instrumentalisiert wurden. Dass die Unruhen auch mit Unzufriedenheit mit der Politik zu tun hätten. Die Briefe sind auf Syrenisch, Englisch, Russisch, Arabisch, Persisch und in Paschtu verfasst. Paschtu ist eine afghanische Sprache. Weil keiner ihrer deutschen Rechner sie kannte, mussten sie sich an einen Verein in Kabul wenden. Der übersetzte den Text.

Jetzt packen sie die Briefe ein, Stephan sucht einen Klebstift. Franziska faltet sie und steckt sie in Umschläge. Michael schreibt in der Landessprache „Willkommen“ auf jeden drauf. 200 Umzugskartons haben sie zusammen. Manche mit Schuhen, mit Töpfen, Geschirr und Elektronik, mit Bettwäsche und Spielzeug.

Wie lange sie denken, dass sie das jetzt noch tun müssten? Sie lachen und schauen sich an. „Müssen ist das falsche Wort, wir müssen gar nichts.“ Aber ein paar Wochen werde es schon noch so gehen. Längerfristig wollen sie einen Verein gründen.

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