Bußgelder gegen dunkle Flecken : Wie Berlin vor den Kaugummis kapituliert

Die S-Bahn will für das Ausspucken von Kaugummis 15 Euro kassieren. Andere haben im Kampf gegen die unansehnliche Masse längst aufgegeben.

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Das babbt. Touristen kleben gerne ihre Kaugummis an die Berliner Mauer. Was diese Unsitte soll, ist bislang unerforscht. Vorbild ist eine zugeklebte Mauer im US-amerikanischen Seattle. Foto: K.-U. Heinrich
Das babbt. Touristen kleben gerne ihre Kaugummis an die Berliner Mauer. Was diese Unsitte soll, ist bislang unerforscht. Vorbild...Foto: K.-U. Heinrich

Das Kaugummi-Knöllchen soll 15 Euro kosten. Die S-Bahn will sich nicht länger als Müllhalde missbrauchen lassen. Wird jemand beim Ausspucken eines Kaugummis von einem Bahnmitarbeiter ertappt, so die Überlegung von S-Bahnchef Peter Buchner, soll er sofort das Bußgeld berappen und reumütig das eigene Verhalten überdenken. Das Bußgeld ist noch nicht beschlossen, erstmal müssen die Juristen prüfen, heißt es, aber immerhin ist die Kaugummiplage wieder im Gespräch.

Bleibt die entscheidende Frage: Was bringt’s?

Im Bußgeldkatalog des Landes ist die „vermeidbare Verschmutzung von Straßen“ mit einem Ordnungsgeld von 20 bis 35 Euro bewährt. Doch dafür müssten Mitarbeiter des Ordnungsamtes den Täter inflagranti erwischen oder nach der Tat aufspüren. Ob solche Gelder schon mal erhoben und eingetrieben wurden, war am Mittwoch in den Bezirksämtern von Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf nicht zu erfahren.

Die chronisch überlasteten Ordnungsämter haben in der Regel andere Prioritäten. Die BVG kann ein „Reinigungsgeld“ von 20 Euro erheben, leider gebe es dazu keine Zahlen, sagt Sprecher Markus Falkner. „Wenn jemand mutwillig verunreinigt, dann wird das auch angewendet.“ Die S-Bahn verfolgt derzeit vor allem Raucher. 2800 von ihnen wurden bislang zur Zahlung von je 15 Euro aufgefordert.

Reinigung der Mauersegmente funktioniert nicht

In der Rangfolge der ekelerregenden Substanzen rangiert die zerkaute, mit Speichel vermengte Gummimasse ganz weit oben, aber die Berliner haben es aufgegeben sich darüber aufzuregen. In den sozialen Medien spielt die Kaugummiplage kaum eine Rolle, schließlich ist das Phänomen nicht neu. Viele Akteure haben längst kapituliert, etwa die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Die müsste die mit Altgummiklumpen völlig übersäten Mauersegmente am Potsdamer Platz dringend reinigen lassen. Vor zwei Jahren stellte sich CDU-Politiker Frank Steffel vor die Segmente und sprach von einer „Schande“, dass Berlin das Mauergedenken unter zehntausenden Bubblegums begraben lässt. Getan hat sich seitdem nichts.

Die Senatsverwaltung erklärt warum: „Wir haben uns das mit einer Spezial-Reinigungsfirma angeschaut. Diese kam zu dem Schluss, dass zum Reinigen der Mauerteile die Kaugummis zuerst chemisch behandelt und eingesprüht und anschließend vereist werden müssten. Danach könnten die Kaugummis abgelöst werden.

Dieses Verfahren würde allerdings die äußerste Schicht des Betons und die Farbgraffiti so sehr angreifen, dass nachher nichts mehr von den (historisch wichtigen, weil zur Mauergeschichte dazugehörenden) Graffitis übrig bliebe. Nach der chemischen Behandlung hätten wir also nichts anderes mehr als nackten, grauen Beton.“

Hochdruckreiniger verursachen Kollateralschäden

Die Reinigungstechnik ist dem Kaugummi noch nicht gewachsen. Auch die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat keine effektive Waffe gegen die schwarzen Flecken auf Plätzen und Wegen parat. „Da könnten nur spezielle Hochdruckreiniger helfen, die würden aber die Sandfugen beschädigen“, sagt BSR-Sprecher Sebastian Harnisch.

Was bleibt, sei der Appell, doch bitte die vielen Papierkörbe zu nutzen. Über die dunklen Gummireste auf dem Pflaster des Alexanderplatzes regten sich ältere Anwohner zwar immer noch auf, sagt Platzmanager Tino Kretschmann, aber er sei vor allem für die jungen Leute zuständig und findet andere Probleme wie Obdachlosigkeit wichtiger. „Die Kaugummiplage ist mir relativ schnurz.“

Der Stadtstaat Singapur, bekannt für drakonische Strafen, hat über viele Jahre den Verkauf von Kaugummi verboten, inzwischen wurde das Verbot allerdings wieder etwas gelockert. Auf Rezept eines Arztes kann man spezielle Gummisorten in Apotheken bekommen. Für Zahngesundheit und Nikotinentwöhnung hat Kaugummi schließlich auch sein Gutes.

Der Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie empfiehlt Arbeitsblätter für den Schulunterricht, auf denen Schülern „unterhaltsam, kreativ und witzig“ die richtige Entsorgung von verbrauchtem Gummi erklärt wird. Zudem würden Käufer „auf vielen Kaugummiverpackungen“ über umweltgerechtes Verhalten informiert.

„Kaugummis an Wänden, dem Boden und Stadtmobiliar sind kein spezielles Berliner Phänomen, sondern vielmehr ein Problem der Verschmutzung des öffentlichen Raumes aller Großstädte, dagegen kann man nur bedingt etwas tun“, sagt Martin Pallgen, Sprecher der Stadtentwicklungsverwaltung. Köln hat sich schon ein Stück weit auf Singapur zubewegt.

Das Bußgeld für Kaugummisünder liegt dort nach mehreren Erhöhungen bei 40 bis 75 Euro. Das Spucken ohne Kaugummi kostet 30 bis 60 Euro. Ob die abschreckende Wirkung ebenfalls erhöht wurde, ist schwer nachweisbar.

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