Cannabis bei Jugendlichen : Reden über Risiken

Kiffen kann die seelische Entwicklung von Heranwachsenden dauerhaft schädigen. Der Senat will an Schulen darüber aufklären. Sucht ist auch Thema im neuen Tagesspiegel-Rehaführer.

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Gefährlich. Regelmäßiges Kiffen verändert bei 16- und 17-Jährigen wahrscheinlich die Form des Hippocampus im Gehirn .
Gefährlich. Regelmäßiges Kiffen verändert bei 16- und 17-Jährigen wahrscheinlich die Form des Hippocampus im Gehirn .Foto: Imago

„Jugendliche haben in der Pubertät die Entwicklungsaufgabe, über Grenzen zu gehen“, stellt Kerstin Jüngling nüchtern fest. Die Geschäftsführerin der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin ist zwar eine äußerst engagierte, aber auch eine recht gelassene Frau. Wenn Heranwachsende Alkohol, Zigaretten, aber auch das Kiffen einmal ausprobieren, regt sie das nicht auf. Neben dem Austesten von Grenzen haben sie allerdings in dieser prägenden Phase ihres Lebens noch andere wichtige Entwicklungsaufgaben: Wissen zu erwerben, Ideen für eine Ausbildung und einen Beruf zu entwickeln, der zu den eigenen Neigungen passen könnte, soziale Kontakte mit Gleichaltrigen zu pflegen, ihren Körper und ihre Form von Liebe und Sexualität zu entdecken. Zu lernen, in all diesen Bereichen mit Enttäuschungen fertig zu werden und trotzdem weiterzumachen, mit mehr Erfahrung und gewachsenem Realismus. Alkohol und Cannabis werden auf die Dauer für viele von ihnen zu einer Möglichkeit, diesen Aufgaben auszuweichen. „Das ist Verschwendung von Potenzial“, sagt Christine Köhler-Azara, die Landesdrogenbeauftragte in Berlin.

Unter diesem Blickwinkel beunruhigt es, dass 11,7 Prozent der 15- bis 18 Jährigen in den letzten 30 Tagen, 16,7 Prozent in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal gekifft haben. Denn hinter dieser Prozentzahl versteckt sich auch eine Gruppe von Heranwachsenden, für die der Cannabis-Konsum zur Gewohnheit geworden ist, die ihren Alltag bestimmt und von der sie nicht mehr so leicht loskommen. Dabei kann ihnen der in Haschisch – dem Harz der Blütenstände der Pflanze – und Marihuana – ihren getrockneten Blüten und Blättern – enthaltene Stoff Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) besonders gefährlich werden. Auch der Körper selbst bildet Cannabinoide, sie steuern während der Pubertät Reifung und Umbauvorgänge des Gehirns. Durch den regelmäßigen Konsum von Cannabis wird aber dieses Fein-Tuning empfindlich gestört, wie Kinder- und Jugendpsychiater warnen. Das kann zu dauerhaften strukturellen Veränderungen im Gehirn führen.

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Verändert Cannabis den Hippocampus im Gehirn?

MRT-Untersuchungen von jungen Erwachsenen, von denen einige als Teenager Erfahrungen mit Cannabis gemacht hatten, andere aber nicht, legen nahe, dass der tägliche Konsum von Marihuana im Alter von 16 und 17 Jahren die Form des Hippocampus (des „Seepferdchens“) im Gehirn verändert, der für das Gedächtnis eine entscheidende Rolle spielt. Tatsächlich schnitten junge Erwachsene, die ein paar Jahre zuvor regelmäßig Cannabis konsumiert hatten, in Gedächtnistests schlechter ab als ihre in dieser Hinsicht abstinenten Altersgenossen. Und das, obwohl sie zum Untersuchungszeitpunkt mindestens zwei Jahre kein Marihuana konsumiert hatten.

Die Auswirkungen könnten möglicherweise bis zur Veränderung ganzer Biografien reichen: Eine australische Studie ergab 2014, dass das Risiko, die Schule abzubrechen, für Jugendliche um 64 Prozent erhöht ist, wenn sie schon mit unter 17 Jahren zu kiffen begonnen haben. Andere Studien zeigen auffällige Zusammenhänge zwischen Psychosen und Cannabis-Konsum. Auch wenn es keine strengen Beweise für einen Kausalzusammenhang gibt, sollten die Befunde beunruhigen.

„Jugendliche brauchen Erwachsene, die nicht wegschauen und nicht kneifen“, folgert Jüngling. Sie brauchen das Gespräch. Zu Hause, aber auch in der Schule, wo Gruppen von Gleichaltrigen erreicht werden können. „Mahnungen helfen nicht, es müssen Risikokompetenz und eine Haltung entwickelt werden“, so Jüngling. Als „Aufhänger“ für Gespräche haben sich in Studien Materialien bewährt, die praktisch demonstriert werden können. In Berlin kommen sie ab jetzt in einem kompakten schwarzen Rucksack in die Schulen. Er wird den Koordinatorinnen und Koordinatoren für schulische Prävention der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft in den Schulpsychologischen Beratungs- und Unterstützungszentren zur Verfügung gestellt. In den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Marzahn-Hellersdorf, Pankow und Spandau wurden bereits Kontaktlehrer geschult, die anderen sieben sollen folgen.

Der Rucksack beinhaltet fünf interaktive Stationen: Zunächst setzen sich die Jugendlichen mit Wissen, Meinungen und Gerüchten rund ums Kiffen auseinander, um dann – mit einer „Rauschbrille“ auf der Nase und dem Szenario eines Verkehrsunfalls vor den nur verschwommen sehenden Augen – die praktischen Gefahren hautnah zu erleben. In der dritten Station geht es dann nicht vordergründig um Drogen, sondern ganz offen um ein großes Lebensthema: um Pläne, Ziele, Wünsche für die eigene Zukunft. Anschließend sollen sich die Schüler im Perspektivwechsel üben: Was würden sie selbst tun, wenn sie entdecken, dass ihr Kind kifft? Sagen sie: „Solange du hier wohnst, will ich nicht hören, dass du dieses Scheißzeug nimmst, sonst fliegst du raus!“? Oder bieten sie, in der Hoffnung, dann alles besser steuern zu können, ganz entspannt an: „Wenn du magst, können wir mal gemeinsam einen Joint rauchen!“? „Quatsch mit Soße“, kommentiert Jüngling entschieden: „Dass man die Situation durch Probierkonsum zuhause unter Kontrolle bekommen könne, ist erwiesenermaßen ein Irrglaube.“

Freiheit ist gut, birgt aber auch Gefahren

Aber auch der moralische Zeigefinger helfe nicht, ergänzt Dirk Medrow, Referent für schulische Gesundheitsförderung beim Senat. Gerade wachse eine interessante Generation von Großstadt-Jugendlichen heran, die so früh wie noch nie Verhaltensweisen von Erwachsenen imitierten. „Diese Freiheit ist gut, birgt aber auch Gefahren.“ Das mobile Unterrichtsmaterial, das jetzt in den Rucksack gepackt wurde, solle flexibel und bedarfsgerecht eingesetzt werden und wirklich bei den Fragen der Jugendlichen ansetzen.

Die letzte Etappe des neuen Parcours ist den Hilfsangeboten für Menschen mit problematischem Konsum gewidmet. Nach Auskunft der Fachstelle für Suchtprävention ist jeder zehnte Cannabis- Konsument davon abhängig. Vermeintlich „sanfte“, alltagstaugliche Drogen wie Alkohol, Nikotin und Cannabis, für deren Konsum es gesellschaftlich keine großen Hemmschwellen gibt, sind die Hauptgründe für Suchtbehandlungen.

Nur wer viel über Sucht und ihre Wirkungen wisse, könne eigenverantwortlich entscheiden, sagt Christian Komp von der BKK Verkehrsbau Union (BKK.VBU), die sich für das Projekt engagiert. „Es geht uns auch darum, die Nicht-Konsumentinnen und -Konsumenten in ihrer Haltung zu bestärken.“ Das Engagement seiner Kasse erklärt Komp auch mit der Besorgnis darüber, dass die Cannabis-Konsumenten immer jünger werden, und dass die Hauptstadt die Statistik anführt. Die Krankenkassen merken das an der steigenden Zahl der Therapien, die sie bezahlen müssen. „801 waren es allein bei uns im letzten Jahr“, sagt der Regionalleiter Berlin-Brandenburg der Betriebskrankenkasse.

Die Entwöhnung von Suchtkranken ist auch eines der Themen im neuen Magazin „Tagesspiegel Reha 2017“, das am kommenden Freitag erscheint. Darin werden 54 Rehazentren in der Region Berlin- Brandenburg ausführlich vorgestellt und die Rehabehandlungen bei mehr als 40 Krankheiten laienverständlich erklärt. Das Magazin kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop unter Telefon 29021-520 oder unter www.tagesspiegel.de/shop sowie im Zeitschriftenhandel.

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