Berlin : Das Leben geht nicht weiter

Heute vor 40 Jahren wurden an der Mauer in Treptow zwei Kinder erschossen Es gibt nur wenige Spuren ihres Lebens. Eine Lehrerin erinnert sich noch

Stefan Jacobs

Die beiden Kinder wurden ausgerechnet bei der Kleingartenkolonie „Sorgenfrei“ erschossen. Genau heute vor 40 Jahren, um 19.15 Uhr. Dort, wo jetzt die Kiefholzstraße verläuft und der kaum knietiefe Heidekampgraben sich von Treptow nach Neukölln zieht. Der 13-jährige Lothar Schleusener war nach einem Kopfschuss sofort tot. Sein Freund Jörg Hartmann starb während der Nacht im Krankenhaus, auf einer Bahre im Flur, ohne ärztliche Versorgung. Er wurde zehn Jahre, vier Monate und 18 Tage alt.

„Wie er da liegt und röchelt, und die Ärzte helfen ihm nicht – ich sehe es richtig vor mir…“ Schaudernd schlägt Ursula Mörs ihre Hände vors Gesicht. Sie war seine Lehrerin. In der Hand hält sie einen vergilbten Zettel. Er ist kaum größer als ein Kassenbon und bricht fast durch an dem Kniff in der Mitte. Viel mehr als dieses eng beschriebene Papier ist nicht geblieben von Jörg Hartmanns Leben.

Mit den Notizen wollte Ursula Mörs die Wahrheit retten, die damals systematisch beseitigt wurde. Während Jörg den zweiten Tag fehlte, hatten Kollegen sie auf eine Meldung im Rias aufmerksam gemacht, an der Mauer in Treptow seien ein Junge und ein Mädchen erschossen worden. „Ich wusste sofort, das ist mein Jörg. Er war sehr zierlich und trug seine Haare etwas länger, so dass man ihn für ein Mädchen halten konnte“, sagt sie.

Er war kein Schulschwänzer – im Gegenteil: unendlich dankbar für Lob. Frau Mörs befragte seine Mitschüler. Die Drittklässler erzählten ihr, Jörg habe vom Abhauen in den Westen gesprochen. Dorthin, wo sein Vater wohnte, zu dem die Familie keinen Kontakt hatte.

17. März 1966. Frau Mörs besucht die Oma, bei der Jörg und seine beiden jüngeren Geschwister aufwachsen. Friedrichshain, Schreinerstraße, Hinterhof, Parterre, schlecht gelüftet. Die Oma weiß nichts von Jörgs Schicksal. Am 13. März hat sie ihm die Adresse des Vaters gegeben, weil er sie angeblich für die Schule brauchte. Am 14. hat sie ihn wie üblich Brötchen holen geschickt. Als er bei Einbruch der Dunkelheit nicht zurück ist, meldet sie ihn bei der Polizei als vermisst. Eine Stunde später wird er erschossen.

Jörg ist keiner, der den Ton angibt. Wohl auch nicht am 14. März, als er sich mit seinem drei Jahre älteren Freund Lothar trifft. Jörg wohnt drei S-Bahn-Stationen vom Ort des Verbrechens entfernt. Weit weg für einen Zehnjährigen. Wie die beiden ihren letzten Tag verbringen, bleibt ungewiss. Vielleicht halten sie den Versuch, über die Grenze zu kommen, für eine Mutprobe. Vielleicht ist es so, wie Barbara Zibler vermutet, die als Leiterin des Treptower Heimatmuseums den Fall erforscht hat: Die Kinder wollen durch das Rohr des Heidekampgrabens unter den Stacheldrahtzäunen – eine Mauer steht damals an dieser Stelle noch nicht – durchschlüpfen. Zwischen den Sperranlagen werden sie bemerkt. Vom Wachturm „Grenzknick“ aus feuern Postenführer Siegfried B. und Posten Paul P. über 40 Schüsse auf sie ab. Wahrscheinlich haben die Grenzer nur einen Schatten bemerkt und mit ihren Maschinenpistolen ins Dunkel gefeuert. Es ist ihnen verboten, auf Kinder zu schießen. Aber ihr von allen gefürchteter Kompanieführer schärft ihnen täglich neu ein, dass „Grenzverletzer zu vernichten“ seien. Den Grenzern blieb nur die Hoffnung, dass nichts passiert.

Nachdem es passiert ist, wird das Verbrechen unter Regie der Stasi vertuscht. Die Schützen werden mit einem Empfang beim Stadtkommandanten aufgerichtet. Die anderen in der Kompanie erfahren kein Wort mehr über den Zwischenfall. Ursula Mörs wird vom Schuldirektor verwarnt, nachdem sie bei Polizei und Staatsanwaltschaft Auskunft verlangt hat.

Die Oma von Jörg und sein achtjähriger Bruder werden zwei Wochen später zur Polizei bestellt. Jörg sei in eine Schiffsschraube geraten, erfahren sie. Beim Baden. Im März! Den Schleuseners erzählt die Polizei, Lothar sei an einem Stromschlag gestorben. Als die Familien „informiert“ werden, sind die Kinder längst eingeäschert und anonym bestattet. Die Kripo-Beamtin, die nach der Wende vier Jahre lang in dem nur spärlich dokumentierten Fall ermittelt, findet in den Akten des Krematoriums Baumschulenweg einen „unbekannten Mann“ und „wissenschaftliches Material“. Jörg und Lothar.

Die Familie Hartmann wird von der Stasi systematisch zerstört. Jörgs psychisch kranke Mutter kommt in eine geschlossene Anstalt, der Oma wird das Sorgerecht für die Enkel entzogen. Michael und die zweijährige Anette Hartmann kommen in Heime. Sie lernen sich erst 1997 beim Prozess gegen Siegfried B. kennen. Der Postenführer, der als Unterstufenlehrer gearbeitet hat, wird zu 20 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Der zweite Schütze ist bereits gestorben. Die Vorgesetzten werden nicht belangt.

Familie Schleusener will nicht über das Verbrechen sprechen; Lothars Mutter braucht noch heute Beruhigungsmittel. Ursula Mörs hat ihren Notizzettel in der Kleidung mitgenommen, als sie im Sommer 1966 über Bulgarien und Jugoslawien in die Bundesrepublik flüchtete. Nach der Wende hat sie die Spur ihres Schülers aufgenommen. Doch Jörg fehlt nicht nur auf dem Einschulungsfoto. Er ist auch aus dem Gedächtnis seiner Mitschüler verschwunden. Das einzige Bild von ihm existiert im Kopf seiner Lehrerin. Zur Erinnerung an die Kinder steht seit 1999 ein Denkmal an der Kiefholzstraße. Ein stählernes Mauersegment mit Einschusslöchern und dem herausgebogenen Umriss eines Kindes. Der Stahl trägt Reste von Graffiti-Schmierereien, zwei Meter weiter hat jemand seinen Hund hinkacken lassen. Als wäre nichts weiter gewesen am 14. März 1966.

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