• Denkzeichen: Stolpersteine der Vergangenheit - Metallplatten im Straßenpflaster erinnern an Nazi-Opfer

Berlin : Denkzeichen: Stolpersteine der Vergangenheit - Metallplatten im Straßenpflaster erinnern an Nazi-Opfer

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Man weiß nicht viel über Edith und Siegfried Robinski. Wahrscheinlich haben sie in ihrem relativ kurzen Leben - beide wurden nicht einmal 40 Jahre alt - nichts besonders Bemerkenswertes vollbracht, und ihr Alltag in dem Haus Naunynstraße 46, fast unmittelbar am Oranienplatz, war wahrscheinlich der ganz normaler Kreuzberger Bürger. Doch als die Nazis an die Macht kamen, begann für das jüdische Paar eine Zeit des Schreckens. Beide wurden nach Auschwitz gebracht und ermordet.

Seit kurzem erinnern zwei handtellergroße eckige Metallstücke, die in das Kopfsteinpflaster der Einfahrt des Hauses eingelassen sind, mit Namen und Todestag an diese beiden Opfer nationalsozialistischen Terrors. Mit der Aktion des Künstlers Gunter Demnig, der diese "Stolpersteine" selbst angefertigt hat, soll die erschreckend alltägliche Dimension der Nazi-Verbechen gezeigt werden.

Sichtlich bewegt sprach Hermann Minz, Mitglied des Ausschusses für Kultur und Bildung, von den Ermordeten. "Von dem ehemals lebendigen jüdischen Leben in Kreuzberg ist nicht viel übrig geblieben", meinte er, "und wir können es nicht wieder herstellen - aber wir wollen zeigen und wissen, wie es war." Rund 1300 Juden lebten vor 1933 im Bezirk. Im Kreuzberg-Museum wird seit Jahren zu dem Thema geforscht, und die Listen mit Namen und ehemaligen Adressen der Deportierten sind lang geworden. "Wir können fast von jedem Haus sagen: Hier haben Menschen gewohnt, die von einem Tag auf den anderen deportiert wurden", sagte der Museumsleiter Martin Düspohl.

Auch der Neffe des Ehepaars Robinski, der 40-jährige Steven Robins, reiste zur Übergabe des Denkzeichens aus Kapstadt an. Sein Vater war 1936 auf einem der letzten Schiffe ausreist, die Deutschland in Richtung Südafrika verließen - kurz darauf verhängte das Land ein Einreiseverbot für Juden. Was mit seinen in Deutschland zurückgebliebenen Verwandten geschehen war, konnte er seinem Sohn nicht sagen. Robins stieß bei einem Besuch im New Yorker Holocaust-Museum 1997 auf den Namen der Robinskis. Wenige Tage später, "in einer kalten Winternacht", fand er in Berlin das Haus in der Naunynstraße, das ihre letzte Wohnadresse war. Es war für ihn der Anfang eines "sehr persönlichen Projektes der Erinnerung."

Der Künstler Gunter Demnig hatte bereits im Jahr 1996 in der Oranienstraße die ersten Stolpersteine in Berlin verlegt. Mittlerweile sind es in der ganzen Stadt 60 Stück, auf den Bürgersteigen von Köln sollen es sogar bald 500 sein. Museumsleiter Düspohl will jetzt möglichst viele Hausbesitzer, Bewohner und Firmen als Sponsoren für das Denkzeichen-Projekt gewinnen - ein Stein kostet rund 150 Mark. Schüler und Lehrer der Carl-von-Ossietzky-Schule wollen außerdem die Archive durchstöbern, um nähere Angaben über das Leben jener Kreuzberger Opfer zu erfahren, die einst Anwohner in dieser Gegend waren.

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