Berlin : Der Tod und die Mädchen

Sie lebten als junge Türkinnen in Deutschland: Jetzt ist Hatun tot, Melek muss sich verstecken, und Arzu kämpft für ihre Brüder

Katja Füchsel

Arzu Sürücü blickt ins Leere, vorbei an den niedrigen Tischen, den Gästen, ihren Teegläsern und Wasserpfeifen. Am anderen Ende des Lokals fällt Sonnenlicht durch die Fenster. Am liebsten würde Arzu Sürücü wohl aufstehen und schnurstracks aus der Tür des „1001 Nacht“, eines arabisches Cafés in Berlin-Schöneberg, marschieren, den Fragen über ihre Familie, ihre Kindheit, ihre Religion entfliehen. Doch sie bleibt sitzen, ernst, vornübergebeugt, die schlanken Hände vor den Knien verschränkt. Arzu Sürücü ist 22 Jahre alt, und sie hat eine Mission. „Ich bin absolut sicher, dass Mutlu und Alpaslan unschuldig sind“, sagt sie in perfektem Deutsch – und schlägt dann ihre Hand auf die Brust. „Sie sind doch meine Brüder, mein Fleisch und Blut!“

Deshalb wird Arzu Sürücü wieder da sein, wenn am Montag der Prozess im Moabiter Kriminalgericht weitergeht. Pünktlich und still wird sie nach den Herbstferien im Saal rechts neben den Richtern Platz nehmen, auf den Stühlen der Nebenklage. Gegenüber von Ayhan, Mutlu und Alpaslan, ihren drei Brüdern, die hinter Panzerglas auf der Anklagebank sitzen. Keinen einzigen Prozesstag hat Arzu Sürücü bislang verpasst. Obwohl sie sagt: „Es ist anstrengend, es tut weh.“

Arzu hat viel verloren. Einst hatte sie eine Schwester, sie hieß Hatun. Arzu hatte auch eine beste Freundin, die 18-jährige Melek. Alle drei sind Töchter von türkischen Einwanderern, aufgewachsen in Berlin-Kreuzberg in der Nähe vom Kottbusser Tor. Die Arbeitslosigkeit ist hier groß, die Armut und die Kriminalität auch. In vielen türkischen Familien geht es so archaisch zu wie in Ostanatolien Anfang des letzten Jahrhunderts, Ehre („Namus“), Achtung („Saygi“) und Würde („Seref“) gelten hier alles.

Als am 7. Februar drei Schüsse durch die Tempelhofer Oberlandstraße hallten, hat sich für drei Mädchen, die kurz vorher noch Liebesbotschaften per SMS verschickt und an ihrem Computer „Spy Kids II“ gespielt haben, alles geändert: Hatun ist tot, Melek lebt im Zeugenschutzprogramm und Arzu kämpft für ihre Brüder. Es ist die Geschichte von drei jungen türkischen Frauen, die zwischen den Kulturen zerrieben worden sind, zwischen falschen und echten Loyalitäten ihren Weg suchten. Eine ist dabei auf der Strecke geblieben, und die beiden anderen kämpfen jetzt auf verschiedenen Seiten.

Mitten in Deutschland musste eine Frau sterben, weil sie in den Augen ihres jüngsten Bruders gelebt hatte „wie eine Deutsche“ – und damit das Ansehen ihrer Familie beschmutzt habe. Arzu Sürücü will im Café „1001 Nacht“ nicht über das zweite, das deutsche Leben ihrer älteren Schwester sprechen. „Hinter Verstorbenen redet man bei uns nicht“, sagt sie.

Aynur nannten alle die getötete Hatun Sürücü, und das heißt – so hell leuchtend wie der Mond. Aynur, die Schwester von Arzu, hat gegen die Welt ihres Vaters rebelliert. Als Aynur 15 war, haben ihre Eltern sie aus dem Kreuzberger Gymnasium abgemeldet und mit einem Cousin in der Türkei verheiratet. Ihr Vater war vor rund 30 Jahren aus der kurdischen Provinz Erzurum nach Kreuzberg gezogen, acht seiner neun Kinder kamen hier zur Welt. Doch Deutschland ist dem Gärtnereigehilfen fremd geblieben. Wenn der 64-Jährige den Deutschen etwas zu sagen hat, dolmetschen seine Kinder.

Aynur, die Kämpferin. Nachdem sie 1999 in Berlin ihren Sohn auf die Welt gebracht hatte, weigerte sie sich, zu ihrem Mann in die Türkei zurückzukehren. Sie verließ ihr Elternhaus, wo fünf Mal am Tag nach sunnitischem Ritus gebetet wurde, wo die Frauen Kopftuch tragen und sich in der Wohnung stets getrennt von den Männern aufhalten. Wo selbst die deutsche Polizei davon absah, mit Spürhunden nach Waffen und Munition zu suchen, weil die Tiere als unrein gelten. Eine fremde Welt, auch für viele Berliner Türken. „Ich kannte so etwas vorher nicht“, sagt Melek, die Kronzeugin.

Melek, das Mädchen. Die 18-jährige Türkin wirkt zart, sie muss die Beine ihrer Jeans zweimal umschlagen, damit sie nicht auf dem Boden schleifen. Melek war verliebt in Ayhan, den Bruder von Arzu und Aynur, drei Wochen lang. Wenn Melek heute im Prozesssaal ihrem damaligen Freund gegenübertritt, begleiten sie drei Bodyguards und unter ihrem weißen Kapuzenpullover zeichnet sich eine schusssichere Weste ab. „Meine tapfere Melek“, so nennt ihre Anwältin sie. Das Mädchen mit dem schulterlangen braunen Haar hat den 19-jährigen Ayhan und seine Brüder Alpaslan und Mutlu Sürücü, beide Mitte 20, auf die Anklagebank gebracht; sie war es, die das Schweigen brach und der deutschen Polizei von einem Mordkomplott der Brüder berichtete. Melek hat einen hohen Preis gezahlt: Sie lebt heute an einem geheimen Ort, unter fremdem Namen, getrennt von ihrer Familie. „Ich konnte damit nicht leben“, sagt sie weinend vor Gericht. „Sie hätten mich nicht losgelassen.“

Melek war einen ganz anderen Weg gegangen als die ermordete Aynur. Auch Melek hat rebelliert, aber in die umgekehrte Richtung, sie hat den Gegenpol zu ihrem Elternhaus gesucht. Und weil ihre Familie zu den modernen zählt, ihre Mutter das Kopftuch für sich und ihre Tochter ablehnte, führte Meleks Aufstand direkt in die Familie Sürücü. In der „Fachoberschule für Sozialwesen“ hatte sie mit Arzu eine Bank geteilt, bald ging sie bei den Sürücüs ein und aus. Melek A. verliebte sich in Ayhan, den jüngsten Sohn, legte ein Kopftuch an und beschloss, fortan für den Islam zu leben. Sie hing Ayhan an den Lippen, wenn er dozierte, dass Frauen in der Schule nichts zu suchen hätten, weil sie da „nur Schlechtes“ lernen. Sie akzeptierte es, wenn er Mädchen anpöbelte, die zu ihrem Kopftuch enge T-Shirts trugen. Im Zeugenstand bringt sie ihre Liebe auf eine kurze Formel: „Was er sagte, galt.“

Arzu, die Angepasste. Sie empfindet für Melek, ihre einst beste Freundin, heute nur noch Hass. Im Gerichtssaal ruft sie dem Mädchen zu, dass sie die Schuld am Tod von Hatun Sürücü trage, weil sie über Ayhans Mordpläne geschwiegen habe. „Melek ist diejenige, die auf die Anklagebank gehört“, sagt Arzu Sürücü auch im „1001 Nacht“. Sie zündet sich eine Zigarette an, was sie in Gegenwart ihres Vaters „aus Respekt“ niemals tun würde. Nie wird man Arzu Sürücü in engen T-Shirts oder Hosen sehen, doch es sieht schick aus, wie sie ihre Kopftücher farblich mit den langen Röcken und Pullovern abstimmt. Ins Plaudern kommt sie auch nach einer halben Stunde nicht, ihre Sätze sind immer die gleichen:

„Ayhan hat seine Schuld eingestanden. Er ist nicht mehr mein Bruder.“

„Meine Schwester hat es jetzt gut. Weil sie ermordet wurde, ist Aynur im Paradies.“

„Wenn Mutlu und Alpaslan es getan hätten, wären sie stolz auf ihre Tat, würden aufstehen und sagen: Euer Ehren, wir sind schuldig!“

Was kalt klingt, ist vielleicht nur verzweifelt pragmatisch: Der toten Schwester kann Arzu Sürücü nicht mehr helfen. Das Schicksal ihres jüngsten Bruders Ayhan liegt nach seinem Geständnis am ersten Prozesstag in den Händen der Justiz. Also konzentriert sich die 22-Jährige darauf, die beiden älteren Brüder zu retten.

Arzu, Aynur und Melek – über das Leben der drei jungen türkischen Frauen verhandeln im Prozess jetzt deutsche Richter, Staatsanwälte, Verteidiger und Sachverständige, um einen Einblick zu bekommen in die Welt der Migranten, in der der Kriminalfall Sürücü spielt. Eine Geschichte, die nur allzu geeignet scheint, in den strenggläubigen Familien als Das-Märchen-von-den-bösen-Mädchen erzählt zu werden: Aynur und Melek lehnten sich auf – und landeten im Verderben, gerettet wurde nur Arzu, die Gehorsame.

Zuweilen wirkt es skurril, wenn sich das Gericht versucht, diese fremde Welt zu verstehen. Da wird Melek A. gefragt, was „ein Kopftuch in ihrer Welt“ bedeute oder was Börek ist. Auf der anderen Seite geht immer wieder das Temperament mit den Angeklagten durch, mal springen sie auf, um einen Zeugen der Lüge zu bezichtigen und die Presse „als die größten Arschlöcher“ zu beschimpfen. Oder die Freundinnen des Opfers brechen im Zeugenstand unter Tränen zusammen. „Ich hab’ Angst! Ich hab’ ein achtjähriges Kind!“, ruft Gülsah, die beste Freundin des Opfers. „Ich will nur hier weg!“ Das Gericht wird sich schwer tun, die 26-Jährige als glaubhafte Zeugin zu akzeptieren.

Hatun Sürücü hat ihren Mut mit dem Leben bezahlt. Sie legte den Schleier ab, tönte ihr Haar, zog mit ihrem kleinen Sohn in eine eigene Wohnung und begann eine Lehre als Elektromechanikerin. Sie nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an – und wusste offenbar doch, dass die andere Welt sie nicht einfach ziehen lassen würde. „Ich habe Angst“, hat sie ihrer Freundin Gülsah anvertraut. „Ich weiß, ich werde sterben.“

In solchen Momenten wird es unruhig auf den Zuschauerbänken im Gerichtssaal. Vertreter der islamischen Gemeinde verfolgen den Prozess argwöhnisch. Sie befürchten, dass neben den Brüdern auch ihre Religion auf der Anklagebank sitzt. Vielleicht versammeln sich deshalb so viele Berater um die Familie Sürücü, wie etwa Abdurrahim Vural, der als Sprecher der Islamischen Föderation auftritt und auch schon den türkischen Iman beraten hat, der im vergangenen Jahr mit seinen Hasspredigten in einer Kreuzberger Moschee einen Skandal heraufbeschwor. Ins „1001 Nacht“ wird Arzu Sürücü von Zakareia Wahbi begleitet, einem Libanesen, der sich Schlichter nennt. Als sich Arzu darüber beklagen will, dass das Gericht „immer auf den islamischen Details“ herumreitet, fällt ihr Wahbi ins Wort. „Moment, Moment“, sagt er, „die Familie Sürücü glaubt an die deutsche Justiz!“

Die ganze Wahrheit über den Mord an Hatun Sürücü wird das Gericht vielleicht nie herausfinden. Immer wieder steht Aussage gegen Aussage. Anfangs hegte die Polizei den Verdacht, dass bei einem Familienrat die Ermordung der abtrünnigen Tochter beschlossen wurde – beweisen konnte sie es nicht. Vielleicht kam der Anstoß für den Ehrenmord auch von außen, von den Nachbarn, die für Aynurs Weg nur Verachtung übrig hatten. Mutlu und Ayhan Sürücü haben zum Freitagsgebet regelmäßig die Eshab-i Khef-Moschee in Wedding besucht. Die Gemeinde gilt als engstirnige Sekte, wo der 1997 ermordete Halil Sofu, ein Anhänger des Kalifstaats, seine Mitstreiter versammelt hat. Doch in der Moschee wird man nicht müde zu betonen: „Wir sind gegen Mord.“

Das sagt auch die Familie Sürücü. Der 19-jährige Ayhan hatte am ersten Prozesstag alle Schuld auf sich genommen. „Ich habe die Tat allein begangen, niemand hat mir geholfen“, hieß es in seinem Geständnis. Er ist ein schmaler Junge, der zu seinem akkurat gestutzten Bärtchen meist schwarze Hemden trägt und sein Geld in einem Internet-Café verdient. Über Melek sagt er: „Wir liebten uns, wollten heiraten.“ Deshalb habe er sich ihr anvertraut. Nur, dass seine Brüder mit von der Partie waren, dass Mutlu die Waffe besorgt und Alpaslan Schmiere gestanden habe – das sei gelogen gewesen. Melek offenbarte sich zu spät. Sie sagt, dass sie Ayhan nicht geglaubt habe. „Man will das nicht wahrhaben, wenn man liebt.“

Das Gericht wird in den nächsten Wochen jeden aufmarschieren lassen, der etwas aus dem Leben der Hatun Sürücü berichten kann. Freunde, Nachbarn und ein Liebhaber waren schon da, für Montag hat das Gericht die Eltern geladen. Im „1001 Nacht“ wischt Arzu Sürücü vom Tisch, wovon die ersten Zeugen berichtet haben: Zwangsheirat, Schläge, sexueller Missbrauch in der Familie – nichts davon sei wahr, sagt die Schwester. „Vermutlich hat Aynur das erzählt, um bei ihren Freunden Mitleid zu erregen.“ Wenn es um ihre Mission geht, redet Arzu Sürücü auch mal über Tote schlecht.

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