Berlin : Der Wellenreiter

Trotz der Insolvenz von Hundert,6 wollte Thomas Thimme die Sendelizenz behalten. Der Plan des umstrittenen Radiomanagers schlug fehl In den 80ern war Thimme beim linksalternativen Radio 100

Ulrike Simon

Thomas Thimme amüsiert sich. Schlitzohr, Gauner oder Gangster nennen ihn Leute, die mit dem Radiomanager zu tun hatten. „Warten Sie mal ab. Wenn sich das alles ein bisschen beruhigt hat, werden die sagen: ,konsequent saniert!’.“

Thomas Thimme hat als Geschäftsführer am 18. April Insolvenzantrag für Hundert,6 mit Sitz am Katharina-Heinroth- Ufer gestellt und sendet seitdem auf derselben Frequenz aus anderen Studios in der Potsdamer Straße. Zuvor ließ er die Sendelizenz auf die Firma Medialog übertragen. Sie ist nicht insolvent. Insofern dachte er, die wirtschaftlichen Probleme los zu sein, aber die Sendelizenz zu behalten. Nachdem ihm der Medienrat am Mittwoch deutlich machte, dass das so nicht funktionieren wird (s. Kasten), gab Thimme die Sendelizenz zurück an Hundert,6.

Wenige Tage vor dem Insolvenzantrag hatte Thimme einigen wenigen Mitarbeitern neue Verträge gegeben, Anfragen aller anderen Angestellten wie auch von Journalisten wehrte er ab. Stattdessen ließ er Unterlagen und Gerätschaften aus den alten Räumlichkeiten von Hundert,6 wegschaffen. Am 27. April gab es in Thimmes Privat- und Geschäftsräumen Durchsuchungen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Die „entsorgte Belegschaft“, wie sich die zurückgelassenen Mitarbeiter nennen, sprach von einem „Griff in die Trickkiste des Wirtschaftsrechts“ und klagte über Thimmes „unseriöses Geschäftsgebaren“. Thimme sagte: „Ich arbeite nur als Unternehmer und versuche der Stadt einen unabhängigen Sender zu erhalten“. Was aus dem Sender wird, liegt seit gestern aber ganz in der Hand des Insolvenzverwalters.

Wie konnte es dazu kommen, dass Thimme Hundert,6 überhaupt gekauft hat? Jener Thimme, der in den 80ern das linksalternative Projekt Radio 100 mit aufgebaut und schon damals Insolvenz angemeldet hat? Die Geschichte beginnt im alten West-Berlin der 80er Jahre.

Werner Voigt arbeitet heute beim RBB. Der Mann mit dem Fahrrad erinnert, so wie er hier in Kreuzberg sitzt, mit Ohrring, Sonnenbrille und dem breiten Mund ein wenig an Bono, den Sänger der irischen Band U2. Voigt war einer der Initiatoren von Radio 100. Das war 1987 der erste private Hörfunksender, der in Berlin auf Sendung ging. Er war so etwas wie die „taz“, nur eben als Radio. Die Gründer von Radio 100 waren gegen die Einführung des Privatfunks, merkten aber, dass sie mit ihrer Idee eines offenen Radios beim SFB auch nicht vorankommen. „Als klar war, dass das duale System kommen wird, dachten wir, wenn schon, dann machen wir selber was.“

Thimme wurde Geschäftsführer. Voigt sagt: „Thimme teilte unsere Leidenschaft nicht. Wir haben uns immer gefragt, was ihn treibt, bei uns mitzumachen.“ Fragt man Thimme heute, sagt er: „Ich war das Gegenteil von den anderen. Ich bin ein absolut bürgerlicher Kerl. Ich machte bei Radio 100 damals mit, weil ich hoffte, irgendwann würde der Sender nicht mehr als Mission und tönende Bürgerinitiative betrieben, sondern professionell.“

Zurück in die 80er: Neben der Gruppe um Radio 100 gab es den Filmemacher Ulrich Schamoni. Noch bevor Radio 100 geplant war, kündigte er die Gründung eines Radios an, Hundert,6. Um ihn herum scharte er als Gesellschafter einige „mittelständische Unternehmer“, die damals in West-Berlin das große Geld repräsentierten und ein Gegengewicht zum aus ihrer Sicht linkslastigen SFB wollten. „Hundert,6 erfreut sich seit seiner Gründung der besonderen Protektion aus Bau- und Senatskreisen“, schrieb die „taz“ einmal. Beide Sender erhielten eine Lizenz und mussten sich zunächst eine Frequenz teilen. Noch immer wird gern erzählt, dass Schamonis Radiomacher Georg Gafron das Programm von Hundert,6 mit der Nationalhymne beendete, woraufhin Radio 100 den Beginn seines Programms mit dem Ziehen einer Klospülung einläutete.

Radio 100 sendete ein paar Jahre lang, dann kam es wie so oft: Man stritt sich, kam nicht weiter, Geld fehlte sowieso, also wollten die Mitarbeiter ihre Anteile verkaufen. Der französische Radiokonzern NRJ, Nouvelle Radio Jeunesse, wollte nach Deutschland expandieren. Die Verhandlungen standen kurz vor Abschluss, als es sich die Mitarbeiter anders überlegten. Kurz darauf meldete Thimme Insolvenz an. Das war das Ende von Radio 100. Und der Anfang des NRJ-Senders Energy, des ersten kommerziellen Berliner Formatradios. Thimme, der sich mit der Radio 2000 GmbH erfolgreich für NRJ um die Frequenz 103,6 beworben hat, wurde Geschäftsführer von Energy.

Später wurde Thimme von Schamoni engagiert, der mittlerweile den privaten Fernsehsender 1A Berlin-Brandenburg, einen der Vorgänger des heutigen TV-Berlin, veranstaltete. Nach einem Gesellschafterstreit machte sich Thimme 1995 mit der Firma Media Sales Management als Medienberater selbstständig.

Zu Hundert,6 kam Thimme im Zuge des Zusammenbruchs des Medienimperiums von Leo Kirch. Das ehemals erfolgreiche Hundert,6 hatte seine besten Zeiten lange hinter sich. Als stünde die Mauer noch immer, nutzte Gafron den Sender als Instrument für seine politische Gesinnung, die überall Kommunismus witterte. Die Hörerzahlen brachen ein. Über seine Beratungsfirma hatte Thimme Verbindungen zur Kirch-Gruppe und hatte sie 2001 schon einmal auf die desolate Situation von Hundert,6 angesprochen. Hundert,6 gehörte zwar Leo Kirchs Sohn Thomas, doch Leo Kirch höchstpersönlich habe Thimme damals abgesagt. „Mir wurde ausgerichtet, er sehe Hundert,6 nicht als medienwirtschaftliches, sondern als publizistisches Engagement“. Im Frühjahr 2002 „riefen sie mich dann aus heiterem Himmel an und fragten, ob ich noch zur Verfügung stehe“, erinnert sich Thimme. Über die Details des Kaufvertrags zu reden, sagt er, habe ihm Kirch untersagt. „Nur so viel: Die Konditionen füllen zwei dicke Aktenordner.“ Die Verträge, sagt Thimme, habe er allesamt übernehmen müssen. Dazu gehörten „Millionenverträge aus der Zeit vor Kirch, absolut aberwitzige Vertragskonstruktionen, mit denen sich irgendwelche Leute in die Tasche gewirtschaftet haben“. Dazu gab es einen Fuhrpark, Hubschrauber, das Grundstück am Alexanderplatz, das mittlerweile an Firmen wie „Fitness Company“ weitervermietet worden ist – und schließlich den Mietvertrag für die Räume am Katharina- Heinroth-Ufer, die den Auslöser für die Insolvenz gegeben hätten. „Ich habe Berlin die Kirch-Misere vom Hals geschafft, sonst stünden die heute auch auf der Rolle“, sagt Thimme. Die Medienanstalt schrieb die Lizenz neu aus, Thimme erhielt den Zuschlag. „Wir wollten die Marke Hundert,6 erhalten“, sagt Direktor Hans Hege. In den drei Jahren bei Hundert,6, sagt Thimme, habe er „alte Verträge aufgelöst oder umgestaltet, das Personal um die Hälfte reduziert, Millionen eingespart“. Nur das mit der einen Immobilie habe nicht geklappt.

Nachdem die Sendelizenz seit Mittwochabend wieder Hundert,6 gehört, muss Thimme, der seit 18. April auf 100,6 praktisch ohne Redaktion sendet, wieder mit den Mitarbeitern der insolventen Firma kooperieren. Gesendet wird weiter von der Potsdamer Straße. Dort ist allerdings kein Platz für alle Mitarbeiter, die Ende Juni die Räume am Katharina-Heinroth- Ufer geräumt haben müssen. Eine Lösung muss Insolvenzverwalter Udo Feser finden. Es ist übrigens derselbe wie damals bei Radio 100. Vom Tisch ist auch Thimmes bisherige Argumentation. Er hatte behauptet, den Großteil der Mitarbeiter nicht zur Medialog übernommen zu haben, da die Firma sonst in Nachfolgehaftung geraten wäre und er somit auch „den ganzen Kirch-Kram“ wieder am Hals gehabt hätte. Auch darum wird sich nun Feser kümmern, der zusehen muss, ob der Sender überhaupt zu sanieren ist.

Thimme gehören so viele Firmen und Beteiligungen, dass er auf die Frage der Anzahl antwortet: „Es sind diverse, fragen Sie meinen Steuerberater.“ Zu seinen Aktivitäten gehören auch Prozesse. Wegen vier Mittelwelle-Frequenzen läuft ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Schwerin. Die Landesmedienanstalt fordert die Frequenzen seit Anfang 2001 zurück, Thimme legte Widerspruch ein. Er lächelt und sagt, das Verfahren kann Jahre dauern. Es scheint ihn nicht zu stören.

Derzeit gehören ihm in Brandenburg neun weitere UKW-Frequenzen. Nur eine davon wird genutzt: für „Best of Deutsch“. Das landesweite Hörfunknetzwerk Radio Plus in Polen gehört ebenfalls zu seiner Power Radio GmbH. Warum er Frequenzen sammelt wie andere Briefmarken? Thimme erzählt von einer neuen, auf MP3 basierten Technik für stereotauglichen Mittelwellenhörfunk. „Wenn man diese vier Mittelwelle-Frequenzen digital betreibt, hat man eine Reichweite, dass man ganz Nordeuropa beschallen kann.“ Es kann aber auch passieren, dass Thimme alles verliert, und von nirgendwo mehr jemanden beschallt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben