Deutscher Entwicklungstag in Berlin : Schwarze Künstler, weiße Experten

Am Sonnabend wurde der erste Deutsche Entwicklungstag in Berlin gefeiert. Ein Ortstermin.

Manuela Tomic
Der Deutsche Entwicklungstag wurde am Sonnabend in Berlin begangen.
Der Deutsche Entwicklungstag wurde am Sonnabend in Berlin begangen.Foto: Manuela Tomic

Es regnet in Strömen. Eine große Bühne ist vor dem Berliner Hauptbahnhof aufgestellt. Darauf ein Pult, im Hintergrund die Aufschrift „1. Deutscher Entwicklungstag“. Vier junge Frauen und ein Mann diskutieren über Kinder in Afrika. Sie alle vertreten große Hilfsorganisationen. Die Entwicklungshelfer stellen ihre Projekte vor, ob Reintegrationsprogramme für ehemalige Kindersoldaten im Kongo oder Kinderschutz-Zentren im Sudan. Nach 15 Minuten Gespräch fordert der Moderator alle zu einem Abschlussstatement auf. „Ich wünsche mir, dass es allen Kindern in Afrika besser geht“, sagt eine Frau Mitte Zwanzig. Zum Abschluss des Panels lenkt Organisatorin Susanne Anger ein, sie ist Vorsitzende des Vereins „Gemeinsam für Afrika“: „Bei allen Projekten, die vorgestellt werden, ist es mir wichtig zu sagen, dass dort nicht nur Weißnasen arbeiten. Die Entwicklungsarbeit wird mit lokalen Helfern und NGOs vor Ort geleistet. Es ist keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für uns.“ Nach dem 15-Minuten-Panel gibt es Applaus vom Publikum. Nächster Programmpunkt ist die senegalesische Band Takeifa. Weltmusik füllt den kalten, grauen Washingtonplatz in Berlin. Zum ersten Mal wurde am Samstag der Deutsche Entwicklungstag veranstaltet, er steht im Zeichen des afrikanischen Kontinents. 

Während fröhliche Pop-Musik mit afrikanischen Elementen aus den Boxen dröhnt, unterhält sich ein junger Mann angeregt auf der Holzbank mit seinem Gegenüber. Neben ihm sitzen zwei Kinder mit buntem Regenschutz aus Plastik. Der Mann mit sportlicher Nylonjacke, schwarzer Umhängetasche und kurzen Dreadlocks heißt Ibou Diop. „Ich schäme mich, dass meine Kinder das mit ansehen müssen“, sagt er, „seit dem ich da bin, gab es nur deutsche Diskutanten am Pult und dann kommen die Schwarzen und machen Musik.“ Er lächelt, verdreht häufiger mal die Augen. „Alles Blabla, was die da auf der Bühne von Gleichberechtigung erzählen. Fraglich ist auch, warum Niebel dieses Programm so kurz vor der Wahl zusammengestellt hat“, sagt Djop. Er gestikuliert viel mit seinen Händen. Die westlichen Länder müssten endlich mit diesem überheblichen Bild aufhören, erklärt er. Djop ist aus dem Senegal und arbeitet an der Humboldt Universität in Berlin. Er ging als Kind in Senegal zur Schule. „Wir waren 200 Kinder in einer Klasse. Ich komme aus so einer Schule und es hat funktioniert. Die Europäer müssen begreifen, dass wir funktionieren, aber wir funktionieren eben anders.“ Man könne nicht die europäische Lebensweise anderen Ländern überstülpen. „Sie sollten anfangen mehr von uns zu lernen, als wir von ihnen“, sagt er. Und zum Schluss erzählt er in eigenen Worten den Spruch eines Philosophen: Wer seine Hand immer nur ausstreckt, kann nur „Danke“ sagen und das so lange, bis diese Hand nicht endlich dafür benutzt wird, um selbst etwas Produktives zu schaffen.

Neben der Hauptbühne sind rund 50 weiße kleine Zelte aufgestellt. In jedem stellen Hilfsorganisationen ihre Projekte vor. Bilder von afrikanischen Kindern, die in die Kamera lächeln und winken, zieren die weißen Zelte. Sie tragen entweder einheitliche T-Shirts der jeweiligen Organisation oder neue Schulkleidung. Die Kinder stehen im Mittelpunkt, so wirkt es zumindest, wenn man an den Zelten der Hilfsorganisationen vorbeigeht.

„Diese Kinder lächeln, aber sie haben keine Schokolade, kein Spielzeug. Etliche Hilfsorganisationen machen Millionen mit diesen Kinderbildern“, erzählt Worku Zewdie. Er hat feine Gesichtszüge und ist leger gekleidet. Zewdie kommt aus Äthiopien und arbeitet als Wissenschaftler in Berlin im Bereich der Wüstenbildung und Land-Degeneration. 

Auf der Hauptbühne steht eine schwarze Frau mit traditionellem afrikanischen Gewand und singt schnelle Lieder von lauten Trommeln begleitet. Währenddessen spricht Zewdie über die Kuriosität der Entwicklungszusammenarbeit. „Ich habe beobachtet, dass die Projektleiter bei Entwicklungshilfe-Projekten in Äthiopien nie Äthiopier sind. Es sind immer Deutsche oder Menschen aus anderen westlichen Ländern. Sie verdienen bis zu 6.000 Euro und müssen kein bisschen von ihrem Lebensstandard zu Hause abgeben, wenn sie in Addis Abeba sind“, erzählt er. Zewdie ist etwa um die 40 Jahre alt und seit ein paar Jahren in Deutschland. „Es gibt keine lebensverändernden Prozesse in der Entwicklungsarbeit sondern nur einzelne Projekte, danach ziehen die Projektleiter wieder ab. Aber es verändert sich nichts und das schon seit 50 Jahren Entwicklungshilfe in Afrika“, sagt er.

Manchmal geht Zewdie in Berlin zu den Fundraisern, die er auf der Straße trifft, und fragt sie, ob sie wissen, was mit dem Geld passiert. Sie könnten ihm nie eine klare Antwort geben. Er bekomme dann nur Bilder von fröhlichen Kindern zu sehen. „Egal, ob hier oder auf Plakaten in der Stadt, jedes Mal, wenn ich solche Bilder sehe, fühle ich mich unwohl. Ganz schlimm ist es zu Weihnachten. Da tauchen diese Bilder verstärkt auf.“ Nachdenklich steht Zewdie auf, er muss weiter zu einem Kongress. Er war nur zufällig am Hauptbahnhof, als er die vielen Zelte entdeckte und neugierig wurde. 

Die vielen kleinen Zelte repräsentieren afrikanische Staaten. Die überdachten Plastikzelte sind alle nicht größer als 10 Quadratmeter und wegen des stürmischen Regens ist bei den meisten der vordere Reisverschluss zugezippt. Viele kommen bei diesem Regen ohnehin nicht vorbei. 

Amadou Kaba, ein stattlicher, großer Mann, blickt von einem der kleinen Zelte auf die Hauptbühne. Vor ihm der Bahnhof und ein paar Touristen und Fußballfans, die sich nach ihrer Ankunft in Berlin mitten im Entwicklungstag wiederfinden. Kabas Zelt ist geschmückt mit vielen Kunstwerken aus Holz und Leder, am Boden steht ein größerer Holz-Elefant. Auf dem Verkaufstisch befinden sich Lederschuhe, Brieftaschen und sogar Instrumente. „Diese Holzskulpturen haben Handwerker in der Elfenbeinküste hergestellt. Alles ist Handarbeit“, erklärt er. Ihm sei es vor allem wichtig, dass Afrika nicht immer als armer, sondern als reicher Kontinent gezeigt wird. Das Projekt, das er im kleinen Zelt vertritt heißt „Association du Village des Artisans de Grand Bassam“. In der Hafenstadt Grand Bassam werden Menschen zu Handwerkern ausgebildet, die ihre Produkte weltweit verkaufen und dafür eine gute und direkte Entlohnung erhalten, erklärt Kaba. Er ist selbst in der Elfenbeinküste geboren und pendelt häufig hin und her. „Die großen Organisationen sollte man nicht mit Spenden unterstützen, sie ändern nichts. Eher kleine lokale Vereine müssten gefördert werden, damit das Geld auch wirklich bei den Menschen ankommt, die es brauchen“, sagt Kaba. Dann kommen junge afrikanische Frauen und sprechen ihn auf Französisch an. Sie betreiben Smalltalk und lachen viel. Die Frauen scheinen froh darüber zu sein, jemanden aus ihrem Land getroffen zu haben. 

„Es geht uns darum, Klischees zu überwinden“ erklärte Organisatorin Anger vor einer Woche bei einer Pressekonferenz zum Entwicklungstag in Berlin, „in vielen deutschen Köpfen herrscht noch immer das Vorurteil, weiße Frau füttert schwarzes Kind.“ Rund 3,04 Millionen Euro hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung für die Überwindung der Klischees vom deutschen Haushaltsbudget locker gemacht. Das hatte der zuständige Minister Dirk Niebel (FDP) bei der Konferenz verkündet. Etwa 10.000 Besucher wurden erwartet, gekommen sind aufgrund des schlechten Wetters viel weniger. 

Viele haben bei den musikalischen Einlagen getanzt, applaudiert und mitgesungen. Neben der Hauptbühne gab es eine fünf Meter hohe Leinwand auf der Afrika als Kontinent mit bunten Bildern von Menschen, vor allem Kindern, zu sehen war. Jeder konnte seine Zeichnungen oder Botschaften an die Plakatwand pinnen. Eine Entwicklungshelferin, die bei der Diskussion über Kinder in Afrika auf dem Pult stand, stellte sich auf die Hebebühne und brachte ein kleines Plakat an. Viel ist noch nicht auf der Wand zu sehen. Der Regen reißt nicht ab, auf der Hauptbühne steht der nächste Musikakt an. Diesmal ein Künstler aus Kamerun. 

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