Deutschtest für Erstklässler : Die Suche nach dem Wortschatz

Wieder fiel der Deutschtest künftiger Erstklässler schlecht aus: Fast ein Viertel der Vorschulkinder spricht nur mangelhaft Deutsch. Die Sprachförderung in den Kitas kommt allerdings nur schwer in Gang.

Thomas Loy

Im Getöse des Streiks ist eine Meldung fast untergegangen: Der Deutsch-Test für die künftigen Erstklässler ist negativ ausgefallen. So negativ wie immer. Fast ein Viertel der Vorschulkinder (23 Prozent) spricht mangelhaft Deutsch, darunter sind knapp 70 Prozent aus Familien ausländischer Herkunft. „Erschreckend“ nennt der grüne Bildungsexperte Öczan Mutlu die Bilanz und fordert mehr Bildungsanstrengungen in den Kitas.

Dabei hat sich seit dem Pisa-Schock schon allerhand getan. Seit zwei Jahren läuft das „Berliner Bildungsprogramm“ für die Kitas, mit Erzieher-Fortbildungen, dem Sprachlerntagebuch für jedes Kind und einer „externen Evaluation“ zur Qualitätssicherung. Das letzte Kitajahr vor der Schule ist seit 2007 beitragsfrei, damit mehr Migranten-Eltern die Einrichtungen nutzen. Kein Kind soll mehr durchs Netz der Förderangebote fallen. Und doch schlüpfen sie hindurch, in diesem Jahr mehr als 5700.

In der Kita Ghanastraße, Wedding, ist Ute Krüger für die Vorschüler verantwortlich. Sie fühlt sich als Erzieherin mit Lehrauftrag, bereitet ihren Unterricht akribisch vor, auch wenn das Zeit kostet, die ihr nicht bezahlt wird. Laura, Artem, Ali, Paul, Helena und noch zwei andere Kinder versuchen, kyrillische Namen zu entziffern. „Nur einer kann das, ich“, ruft Artem in die Runde. Er hat russische Eltern und ist begeistert, dass seine Muttersprache endlich mal gewürdigt wird.

„Als Artem vor zwei Jahren zu uns kam, konnte er kein Wort Deutsch“, sagt Ute Krüger. Inzwischen sei er sprachlich integriert. Rund 30 Prozent der 40 Kita-Kinder haben einen ausländischen Hintergrund. Das Viertel um die Ghanastraße gilt als das Zehlendorf des Weddings. Die meisten Eltern haben Arbeit und wissen, was Bildung wert ist. Zwei Drittel der Vorschulkinder werden zusätzlich in „Frühenglisch“ unterrichtet. Das müssen die Eltern bezahlen.

In der Kita Ghanastraße scheint alles gut zu laufen. Ute Krüger findet Sprachlerntagebuch und Erzieher-Fortbildungen motivierend, fühlt sich aber weiterhin gesellschaftlich nicht anerkannt. „Wir machen schon seit zehn Jahren Projektarbeit. Dabei ist das Bild einer Erzieherin immer noch: Kekse essen und Kaffee trinken.“ Kita-Leiterin Anita Zunk lobt vor allem die größere Eigenständigkeit der Kitas. Aber die dünne Personaldecke macht ihr Sorgen. Wenn Kolleginnen krank werden, gerate der Arbeitsplan sofort ins Wanken. Im vergangenen Dezember musste Ute Krüger aus dem Urlaub geholt werden, um die Notbetreuung zu organisieren. Der Vorschulunterricht fällt dann natürlich aus.

Das ist ein wunder Punkt in der Debatte um Kita-Bildung und Qualitätssicherung. Von allen Seiten – Politik, Gewerkschaft, Eltern, Bildungsexperten – wird mehr Personal gefordert, aber der rot-rote Senat mauert. Die Frage soll erst 2009 gestellt werden, wenn die „externe Evaluation“ der Kitas abgeschlossen ist. Weil es keine Neueinstellungen gibt, steigt der Altersdurchschnitt der Erzieherinnen stetig an – er liegt bei 50 Jahren.

Drei U-Bahnstationen südlich liegt die Kita Ruheplatzstraße, mitten im Leopoldkiez, eine Gegend mit vielen Hartz-IV-Haushalten und Multiproblemfamilien. Kinder aus 25 verschiedenen Ländern kommen hier zusammen, der Anteil nicht-deutscher Muttersprachler liegt bei 95 Prozent. Hier könnte man die Kinder vermuten, die das Testergebnis regelmäßig nach unten ziehen.

Im Morgenkreis der drei- bis fünfjährigen „Füchse“ dominieren die Mädchen, viele Jungs schauen stumm zu, beteiligen sich nicht an den Fingerspielen. Erst als die Rede auf das Schornsteinfegerhandwerk kommt, wachen sie auf. Erzieherin Grit nimmt sieben Kinder mit zur „Phonologie“, dort wird nach Kräften gereimt. „Katze, Tatze, Matze“, sagt Rima. Auf „Fratze“ kommt sie nicht. Auch der „Stall“ ist weithin unbekannt.

Reihum müssen alle Kinder zur „Phonologie“. Die anderen basteln Häuser oder gehen zu Momo in die frühkindliche Musikerziehung. Momo kann Gitarre spielen und kennt 1000 Lieder. Jedes Kind darf sich ein Lied wünschen, und jeder, der kann, singt mit. Es sind moderne deutsche Kinderlieder.

Beim Häuserbasteln wird ein Bildwörterbuch zu Rate gezogen, um zu klären, wie die Dinger auf dem Dach heißen. Zwei Erzieherinnen kümmern sich um die zehn Bastelkinder.

Der Problemkiez und die vielen ausländischen Eltern verhelfen der Ruheplatz-Kita zu einigen zusätzlichen Erzieherstunden – alles in allem sind zehn Erzieherinnen für 68 Kinder da, allerdings arbeiten nicht alle Vollzeit.Die Förderung ist intensiv, besonders für sogenannte Integrationskinder, die Entwicklungsdefizite aufholen müssen. Die gebe es zunehmend, sagt Erzieherin Susanne Bartz-Mahies. Viele Kita-Kinder kämen nicht wie früher aus der hauseigenen Krippe, sondern direkt von zu Hause. „Da setzen wir oft bei null an.“

Das Bildungsprogramm des Senats findet sie allerdings eher kontraproduktiv. „Das gibt so ein Gefühl der Bevormundung. Als ob wir die ganzen letzten Jahre nichts gemacht hätten.“

Ihre Chefin, Ursula Schnell, schon seit 34 Jahren im Haus, empfindet das Bildungsprogramm eher als Bestätigung der eigenen Linie. Bis auf das naturwissenschaftliche Experimentieren habe man schon alles abgedeckt. „Sprachförderung war schon immer der Schwerpunkt hier, es ist nur noch intensiver geworden.“ Auch die immer wieder geforderte Elternarbeit gebe es schon seit den achtziger Jahren.

In der Ruheplatz-Kita haben alle 43 Vorschulkinder den Deutsch-Test mitgemacht. 25, also fast 60 Prozent, wurde ein Förderbedarf attestiert. Das Ergebnis verschlechtere sich seit Jahren, sagt Ursula Schnell – trotz der intensiven Förderung. Das kostenlose letzte Kitajahr ändere nicht viel, weil in einem Jahr nicht aufgeholt werden könne, was in den Familien versäumt wurde. „Kinder aus nicht-deutschen Familien sollten schon im Alter von einem Jahr zu uns kommen.“ Viele polnische und russische Eltern würden das auch machen, damit ihre Kinder mal besser Deutsch sprechen als sie, viele türkische und arabische aber nicht.

Das Abgeordnetenhaus hat jetzt beschlossen, den Deutsch-Test um ein halbes Jahr vorzuziehen, damit Sprachdefizite früher erkannt und Eltern verpflichtet werden können, ihr Kind zumindest im letzten Jahr vor der Schule in eine Kita zu geben. Die Grünen haben schon mal abgewunken. Um Sprachdefizite zu beheben, seien mindestens zwei Jahre Kitabesuch nötig.

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