Berlin : Die Angst vor der Leere

Die Cité Foch in Reinickendorf verwaist: Menschen ziehen weg, Läden schließen – einer nach dem anderen

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Rostiger Stacheldraht krönt den verwitterten grünen Zaun an der Rue de Montesquieu. Das Tor wurde schon lange nicht mehr geöffnet. Dahinter steht auf einem runden, übermalten Verkehrsschild: „Post für Familie H. bitte an der Jean-Jaurès-Straße abgeben“. Etwas zurückgesetzt erhebt sich eine Betonburg auf dem Grundstück: Das ehemalige Verwaltungsgebäude der französischen Streitkräfte steht schon lange leer. Der letzte Mieter, der Bundesnachrichtendienst, zog vor Jahren aus dem verwitterten Haus aus.

Hundert Meter weiter öffnet ein Mann mit Strohhut das Tor einer Zufahrt. Christian Jossien ist zu Besuch in Berlin. Sein Schwiegersohn hat den Hof und die Gewerbebauten gepachtet. „Er macht in An- und Verkauf von Gastronomiebedarf“, sagt Jossien. Dort, wo die Franzosen einst Panzer warteten, habe außerdem ein Mechaniker Garagen gemietet. „Mein Bruder hat früher auch in der Cité Foch gelebt“, sagt Jossien. Deswegen kamen Jossien und seine Familie immer wieder mal nach Berlin. Irgendwann wollte Jossiens Tochter dann nicht mehr weg. Sie studierte hier, verliebte sich – und blieb in Berlin. Heute ist sie Lehrerin in der Cité Foch, am „Collège Voltaire“. „Aber richtig viele Franzosen leben hier nicht mehr“, sagt Jossien.

Die Cité Foch, benannt nach einem hoch dekorierten französischen Marschall aus dem Ersten Weltkrieg, ist seit dem Abzug der Alliierten in den neunziger Jahren Eigentum des Bundes. Um die Jahrtausendwende blühte das Quartier im Norden Wittenaus kurz auf: Die rund 750 Wohnungen in dem grünen Areal von etwa 470 000 Quadratmetern waren gefragt unter Bundesbediensteten, die von Bonn nach Berlin zogen. Bald darauf ging es jedoch bergab mit der Siedlung. Das frühere Freizeit- und Einkaufszentrum ist verwaist. Die Kirche verlassen. Auf dem Fußballplatz, im Zentrum der Anlage, blühen Gräser und Sträucher. Ein Fünftel der Wohnungen stehen leer. Im Rathaus Reinickendorf herrscht Alarmstimmung. Bürgermeisterin Marlies Wanjura ist sogar persönlich betroffen: Sie wohnt fünf Minuten von der Anlage entfernt und „war selbst auch Mitglied im Elixia-Club“, sagt sie. Das Fitnessstudio hatte Flächen in dem früheren Einkaufszentrum gemietet, musste vor kurzem aber schließen. „Es gab Schimmel und massive Bauschäden in den Räumen“, sagt die Bezirksbürgermeisterin. Der Hauseigentümer – ein Privatinvestor, angeblich mit Wohnsitz in der Schweiz – habe nicht auf Mahnungen reagiert.

Sein Eigentum aber verfällt: Der Sockel des früheren Einkaufzentrums ist von Graffiti übersäht. Am Haupteingang ist nur noch das Schild eines Discounters zu sehen. Früher nutzte der Handelsmarkt Famila 6000 Quadratmeter in dem Gebäude. Es gab eine Apotheke, ein Fotofachgeschäft und ein Reisebüro. Heute endet die Rolltreppe vor einem metallgrauen Bauzaun, der den Zugang zum Obergeschoss versperrt. Sogar der Blumenladen ist weg. Auf einem Schild steht: „Achtung, ab sofort nur noch freitags und samstags geöffnet.“

Täglich geöffnet ist die Pizzeria Gattopardo. „Langsam stirbt hier alles um uns herum“, sagt Benedetto Vinciguerra. Er hat das Restaurant vor sieben Jahren eröffnet. Heute sagt er, man habe ihn damals mit falschen Versprechungen hergelockt: „Es sollten viele Beamte und Bundesbedienstete hier hinziehen“, sagt der Mann mit dem roten Ramazotti-T-Shirt – das seien gute Aussichten auf eine kaufkräftige Klientel gewesen. „Aber viele unserer Gäste ziehen nach ein bis zwei Jahren wieder weg“, sagt er. Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes seien darunter gewesen, die nur vorübergehend in Berlin lebten. Aber auch andere Zuzügler in die Bundeshauptstadt nutzten die Wohnungsangebote der „Bundesanstalt für Immobiliendienstleistungen“ (Bima) nur vorübergehend: Sobald sie sich in der Stadt besser auskennen, seien sie weg.

An der Avenue Charles de Gaulle sind an vielen Wohnungen die Rollläden halb heruntergelassen. Dahinter sind leere Räume zu erkennen. An einigen Fenstern hängen Vermietungsschilder. Die Bima bringt alle Wohnungen in einen Pool ein, aus dem sich zunächst nur Bundesbedienstete bedienen können. Nach einem Monat kann sich dann jeder Berliner um die Objekte bewerben. Groß ist die Nachfrage nicht: 100 der 500 Wohnungen stehen derzeit leer. Nach Angaben von Abteilungsleiterin Barbara Beckstett „verlangt die Bima weniger, als der Mietspiegel zulässt“. Die Wohnungen seien aber groß, 100 Quadratmeter und mehr. Aber so große Wohnungen würden selten benötigt, und viele Menschen könnten sich die auch gar nicht leisten.

Auf der Rückseite des lang gezogenen Kaufcenters drücken sich Gräser durch die Fugen der Treppenabsätze. Die Wohnhäuser gegenüber sind in frischen Farben getüncht. Auf einem umzäunten Bolzplatz kämpfen Jugendliche um den Ball. Sie rufen, fluchen und jubeln – auf Französisch. Auch der Unterricht im Collège Voltaire, am anderen Ende der Siedlung, findet auf Französisch statt. Außerdem in der Nähe: eine französische Musikschule, die deutsche Romain-Rolland-Schule und eine Grundschule.

Trotz des großen Bildungsangebots „müssen wir aufpassen, dass das Gebiet nicht weiter verfällt“, sagt Wanjura. Nach Auffassung der Bezirksbürgermeisterin verzögert die Bima, die umgekehrt dem Bezirk Schuld gibt, die Entwicklung. Seit Jahren seien Neubauten geplant. Doch bis zum Jahr 2008 will die Bima nur die alten Pläne auf den aktuellen Stand bringen und dafür Baugenehmigungen erwirken. Vorgesehen sind Eigenheime auf dem Bolzplatz und an der Stelle des verwaisten Verwaltungsgebäudes. Bauen will die Bima nicht. Wenn die Pläne genehmigt sind, will man das ganze Areal an einen Investor verkaufen. So ähnlich war zuvor auch mit dem Einkaufszentrum verfahren worden.

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