Berlin : Die Ladenhüter

Rund 5000 Immobilien hat der Berliner Liegenschaftsfonds im Angebot – darunter auch reduzierte Ware Viele der seit langem leer stehenden Gebäude haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich

Thomas Loy

Um in Berlin Großgrundbesitzer zu werden, muss man nicht unbedingt das große Geld mitbringen. Neben den begehrten Lagen an Hauptbahnhof und Alter Münze, für die mehrere Euro-Millionen aufzubringen sind, gibt es auch interessante Ladenhüter, die im Bieterverfahren weit unter Wert verkauft werden würden, wenn sie nur jemand haben wollte. Diese Dornröschen-Immobilien liegen meistens im Ostteil der Stadt, haben eine wechselvolle Vergangenheit und warten auf einen Investor, der sie wachküsst.

Wasserturm Heinersdorf: Diese Immobilie gehört zu den absonderlichsten in der Stadt. Einst als Rathausturm erbaut, machte den Heinersdorfern der Erste Weltkrieg und danach die Eingemeindung nach Berlin einen Strich durch die ehrgeizigen Repräsentationspläne. Auch die Umwidmung zum Wasserturm hielt nicht lange, weil einfach keiner gebraucht wurde. Anschließend zogen Grundschüler ein, dann die Hitler-Jugend und zuletzt der Volkssturm. Die Sowjets nutzten den Turm zum Abhorchen des Tegeler Flugverkehrs. Nach 1990 wollte den Turm niemand mehr haben. Der Bezirk Pankow bemühte sich vergeblich um einen Verkauf, nun muss der Liegenschaftsfonds das sperrige Objekt versilbern. Immerhin gibt es zum Turm ein 1700 Quadratmeter großes Grundstück.

Müggelturm-Restaurant: Das Wahrzeichen der Müggelberge ist seit 2002 eine trostlose Stätte. Das Restaurant wurde wegen Baumängeln geschlossen. Die Immobilienexperten empfehlen inzwischen einen kompletten Abriss. Erhalten bleiben muss allerdings der „Trigonometrische Punkt 1“, der Ausgangspunkt für das Berliner Vermessungswesen, durch einen Stein gekennzeichnet. Verschiedene Hotelprojekte sind in den 90er Jahren gescheitert, weil sich Investoren und Senat nicht einigen konnten. Das 6000 Quadratmeter große Areal steht unter Denkmalschutz.

Ehemaliges Aussiedlerheim Herzbergstraße: Für eine Großkommune wäre das die ideale Chance, an billigen Wohnraum zu kommen: 8 Mietshäuser mit 64 Wohnungen mitten im größten Gewerbegebiet Ostberlins. Keine spießigen Nachbarn, keine Schickeria-Lokale, nur wilde, fantasieanregende Industriebrachen. „Der Kaufpreis spielt keine Rolle“, sagt die zuständige Dame vom Liegenschaftsfonds. Entscheidend ist die Motivation. Die Häuser wurden 1905 für das Personal der angrenzenden Großbetriebe gebaut. 1992 wohnten dort Aussiedler. Seit 2003 stehen die Häuser leer.

Seeterrassen Anton-Saefkow-Platz: Das 1985 errichtete Restaurant überblickt den Fennpfuhl am Anton-Saefkow-Platz in Lichtenberg. In den Plattenbauten drum herum wohnen 32 000 Menschen, alles potenzielle Gäste für einen mutigen Wirt und Investor.

Dorfschule Hohenschönhausen: Im alten Dorfkern von Hohenschönhausen steht diese 1890 gebaute Schule direkt an einer belebten Straße – wie ein alter Koffer, den man beim Umzug vor vielen Jahren vergessen hat. Bis 2003 war im Haus eine Bibliothek untergebracht. Nebenan liegen das alte Gutshaus und die Taborkirche. 900 Quadratmeter Wohnfläche, 1000 Quadratmeter Grundstücksfläche, drum herum viel Abstandsgrün, da ließe sich einiges draus machen – nur was?

Waldhaus in Buch: Wie wär’s mit einer ehemaligen Lungenheilanstalt, dem „Waldhaus“ an der Zepernicker Straße in Buch? Bis 1991 war darin eine Orthopädische Klinik mit Schwimmhalle untergebracht. Gebaut wurde das einer barocken Schlossanlage nachempfundene Krankenhaus als Sanatorium für Tuberkulosepatienten. 1942 beschlagnahmte die Luftwaffe das Haus und nutzte es als Lazarett. Auf knapp 100 000 Quadratmeter Grundstücksfläche könnte man auch Größeres planen. Natürlich ist der Denkmalschutz zu beachten.

Stadtbad Lichtenberg: Das Bad, 1925 erbaut, ist eines der wenigen Beispiele expressionistischer Architektur in Berlin. Denkbar wäre ein türkischer Betreiber – ursprünglich wurden eine Männer- und eine Frauenschwimmhalle gebaut. Die Suchthilfe-Organisation „Blaues Kreuz Deutschland“ wollte das Baudenkmal samt Wohnhaus und Privatstraße für einen Euro kaufen, um dort ein Jugendzentrum einzurichten. Allerdings waren die Sanierungskosten auf rund drei Millionen Euro veranschlagt worden, so viel Geld wollte den Blaukreuzlern niemand geben.

Infos zu den Angeboten: www.liegenschaftsfonds-berlin.de, Tel. 22 33 68 00

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