Die Queen in Berlin : Hüte, Hunde, Humor

Für die Zuschauer heißt es warten können, bis sie die Queen zu Gesicht bekommen. Ihre Majestät hat einen vollen Tag zwischen Kanzleramt und Technischer Universität - und wir am Ende mit Blick auf Europa politisch.

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Bootsfahrt auf der Spree: Die britische Königin Elizabeth II. mit Prinz Philip (r), Bundespräsident Joachim Gauck (l) und seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt Foto: Kay Nietfeld/dpa
Bootsfahrt auf der Spree: Die britische Königin Elizabeth II. mit Prinz Philip (r), Bundespräsident Joachim Gauck (l) und seiner...Foto: Kay Nietfeld/dpa

Es sind noch Fähnchen da, im Schwarz-Rot-Gold der Bundesflagge und im Rot-Weiß-Blau des Union Jack. Wer immer dafür verantwortlich sein mag: Die Schülerzahl der 10. Klasse der Spandauer Martin-Buber-Oberschule wurde um einiges zu hoch eingeschätzt, und so bleibt von den im Garten des Schlosses Bellevue verteilten Winkelementen noch eine gute Handvoll über. Die anderen eingeladenen Bürger, die wie die ziemlich herausgeputzten Schüler darauf harren, dass die Queen sich ihnen zeige, Seite an Seite mit Bundespräsident Joachim Gauck, dazu ein wenig im Hintergrund Prinz Philip und Daniela Schadt – sie könnten die überzähligen Fahnen nun übernehmen, das Bild wäre um so bunter, die Begeisterung um so glaubwürdiger – aber nein, niemand bietet sie ihnen an.

"Awful" Wetter, "fabulous" Queen

Solch ein Staatsbesuch besteht genaugenommen vor allem aus Warten. Nicht für die beteiligten Hauptpersonen, bei denen läuft der Tag, klack, klack, klack, einem Uhrwerk gleich ab, ein zigfach erprobter Mechanismus, der dem Zufall kaum eine Chance lässt. Aber für die dienstbaren Geister, die das Zeremoniell vorbereitet haben und jetzt mit allenfalls feindosierter Nervosität seinem Gelingen entgegensehen, ist Warten Teil der Pflicht. Die Zaungäste hätten immerhin die Wahl, einfach zu gehen, was aber schade wäre.

Denn viele sind es noch nicht an diesem Mittwochvormittag, die sich am Spreeweg vor dem Schloss Bellevue versammelt haben. Immerhin, eine Frau aus dem Havelland wartet seit halb sieben, samt dem sechsjährigen Sohn, der mit ihrer Erlaubnis die Schule schwänzt, wegen des „ergreifenden Moments“, den sie sich erhofft – „mein Anteil an der Geschichte“. Auch eine Touristenfamilie aus Australien hat sich eingefunden, die das Berliner Wetter „awful“, die Queen aber „fabulous“ findet und sie sogar schon einmal in Alice Springs gesehen hat. Aber die größte Gruppe ist vorerst die Mahnwache der Gesellschaft für bedrohte Völker, die sich für die Rechte der Aborigines stark macht und royale Unterstützung erhofft.

Die Queen in Berlin
Bye, bye! Zum letzten Mal winkt Queen Elizabeth II. ihren deutschen Anhängern zu, bevor sie an Bord ihres Jets geht. Foto: AFPWeitere Bilder anzeigen
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26.06.2015 14:52Bye, bye! Zum letzten Mal winkt Queen Elizabeth II. ihren deutschen Anhängern zu, bevor sie an Bord ihres Jets geht.

Ganz in Weiß

Aber jetzt hat das Warten ein Ende. Die Ehrenformation des Wachbataillons ist im Garten des Schlosses mit klingendem Spiel aufmarschiert. Auch „Preußens Gloria“ steht auf der Titelliste, wie stets bei Staatsbesuchen, später folgen die Hymnen, die des Gastes zuerst: „God Save The Queen“ und „Einigkeit und Recht und Freiheit“ als Instrumentals, die Königin und der Präsident auf einem kleinen Podest, bevor es über den roten Teppich geht, mit knapper Verneigung vor der von den Soldaten mitgeführten Bundesflagge.

Ganz in Weiß ist Königin Elizabeth II. erschienen, der Mantel mit Glitzersteinen veredelt, der Hut geschmückt mit einer übergroßen Schleife. Die Bewegungen sind ebenso sicher wie behutsam, sie achtet, so scheint es, sorgfältig auf jeden ihrer Schritte: Eine Frau, die sich offensichtlich nicht sonderlich anstrengen muss, um im Mittelpunkt zu stehen. Eine Majestät eben.

Der Punkt, an dem ihre Person über das Amt hinausgewachsen ist, seitdem „die Queen“ - an der TU wird Museumsdirektor Neil MacGregor später darauf inweisen, dass es laut Duden im Deutschen da ausdrücklich keinen Plural gibt - durch ihre Persönlichkeit die formale Macht des Amtes überstrahlt, ist nur noch schwer zu bestimmen. Irgendwann in den neunziger Jahren muss es gewesen sein, dass man den Eindruck hatte, diese eigenwillige Person rechtfertige das überkommene Amt, gewissermaßen als Popstar eigener Kategorie. Niemand muss überhaupt mehr eine Haltung zur Monarchie entwickeln, um Fan der Königin zu sein.

Es ist nur dieser Gedanke, durch den sich erklären lässt, was am Mittwoch in Berlin passiert: Das völlig ernsthafte Ausrufen von Kleider- und Hutfarben, die endlosen Benimm-Ratschläge, als habe sich praktisch jeder Passant sorgfältig auf ein zufälliges Treffen mit der Königin vorzubereiten. Die lückenfreie Berichterstattung. Die Salutschüsse, die plötzliche Existenz von Blumenmädchen und ausführliche Erwägungen über die symbolische Bedeutung von Bootsfahrten. Kurz: dieser englische Feiertag. Reporter im demokratischen Berlin fühlen sich schon durch ein Winken geadelt. Sogar die Polizei, die bei Staatsbesuchen normalerweise auch Proteste von Gegnern vermeldet, sagt diesmal: nichts. Die Aborigines-Verteidiger gelten da nicht, sie haben ja ausdrücklich nichts gegen die Queen, sind Bittsteller, nicht Gegner.

Schlichtes Mietboot für Ihre Majestät

Stattdessen die Anmutung von Galopprennbahn im Garten des Schlosses Bellevue, jedenfalls wenn man den ebenso kecken wie ausladenden Hut von Daniela Schadt betrachtet und die der anderen Besucherinnen. Ein Pferd gibt es dann tatsächlich noch, als Geschenk von Joachim Gauck: ein Gemälde der jungen Königin hoch zu Ross, ein Mann hält es am Zügel. „Und das soll mein Vater sein?“, fragt die Queen. Als pflege sie längst selbst ironischen Abstand zu den Ritualen.

So ist es auch, als das Boot naht. Es wirkt an sich schon ironisch, dass die Berliner Regie für die ungewöhnliche, noch nie dagewesene Bootsfahrt auf der Spree keinen Musikdampfer mit Flotillenadmiral am Steuer, Jagdbomber-Eskorte und klingendem Spiel geschickt hat, sondern ein schlichtes Berliner Mietboot namens „Ajax“, das jeder chartern kann und das von jenen Männern geführt wird, die dies auch sonst jeden Tag tun. „Zu Fuß zum Bootssteg“, jubelt das Fernsehen. „Und das in ihrem Alter!“ Da steigt die Queen auch schon die extra angebauten drei Stufen zur schwankenden „Ajax“ hinab.

Historische Fotos: Die Queen in Berlin
Am 27. Mai 1965 war Königin Elizabeth II. zum ersten Mal zu Gast in Berlin - dabei natürlich auch ihr Gatte Prinz Philip. Hier bei einer Inspektion britischer Truppen auf dem Maifeld. Es sollte nicht der letzte Besuch bleiben. In unserer Bildergalerie haben wir die schönsten Fotos aus 50 Jahren Queen-Besuche in Berlin gesammelt. Foto: Kurt Rohwedder/dpaWeitere Bilder anzeigen
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21.04.2016 08:19Am 27. Mai 1965 war Königin Elizabeth II. zum ersten Mal zu Gast in Berlin - dabei natürlich auch ihr Gatte Prinz Philip. Hier bei...

Man kann diese schlichte Inszenierung als Zeichen des Niedergangs der Seemacht sehen, die über Jahrhunderte waffenstarrend die Wellen der Weltmeere beherrschte, muss aber nicht – es handelt sich einfach nur um ein praktisches Boot, das den Gegebenheiten leicht anzupassen ist. Es ist oben komplett offen, aber das Wetter zeigt sich bei aller Kühle nachsichtig, und die Fahrt verläuft ohne Zwischenfälle; die Begleitboote mit den Fotografen, den notwendigen Teilen des Hofstaats und den vermummten Elitepolizisten tuckern für alle Fälle im respektvollen Abstand hinterher.

Nur 17 Minuten auf der Spree

Der Königin dürfte das alles gefallen, sie war in ihrer Regentschaft allem nur erdenklichen Pomp ausgesetzt, sie nimmt das große Getue um ihre öffentlichen Auftritte zwar routiniert und souverän hin, findet aber selbst keinen allzu großen Gefallen mehr daran – es wird sogar überliefert, sie könne es nicht leiden, wenn Unbeteiligte ihretwegen im Stau warten müssten. Schließlich hat sie ihr Weltreich rapide schrumpfen sehen, zahlt längst Steuern wie jeder ihrer Untertanen und musste erleben, wie 1997 wegen Geldknappheit sogar die stolze Yacht „Britannia“ stillgelegt wurde, dieser schwimmende Palast, mit dem sie jahrelang über die Weltmeere gefahren war.

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