Berlin : Die Zielstrebige

Emine Yüksel stammt aus einer konservativen Familie. Trotzdem hat sie Karriere gemacht: Sie ist Ärztin

Claudia Keller

Obwohl sie Klassenbeste war, gab ihr die Lehrerin keine Gymnasialempfehlung. Obwohl die Eltern die Töchter ernst nahmen, bevorzugten sie den Sohn. Solche Erfahrungen haben dazu geführt, dass Emine Yüksel Karriere gemacht hat. Denn wenn sie das Gefühl hat, unfair behandelt zu werden, krempelt sie die Ärmel hoch und sagt, euch zeige ich’s.

Die 40-Jährige ist vor 33 Jahren mit ihren Eltern aus dem Nordosten der Türkei nach Berlin gekommen. Heute ist sie hier eine von vier türkischen Frauenärztinnen. Das heißt, türkisch kann man eigentlich nicht mehr sagen, denn seit 14 Jahren hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Praxis in Tegel führt Emine Yüksel zusammen mit einem deutschen Kollegen.

Die Patienten sind heute längst weg. Emine Yüksel bleibt da, um mit uns nach Gründen zu suchen, weshalb sie als Türkin in Berlin berufliche Karriere machen konnte. Weshalb ihr der Ausstieg aus dem Klischee gelungen ist. Erstens. „Ich hatte Glück mit meinen Eltern“, sagt sie. Die seien zwar konservativ, aber offen für Argumente. „Sie haben sich mit uns Kindern, vier Töchtern, einem Sohn, weiterentwickelt.“ Am Anfang in Deutschland war ihre Mutter Putzfrau und hat fünfmal am Tag gebetet. Der Vater verdiente sein Geld als Bügler in einer Textilfabrik. Dann habe sich die Mutter zur Köchin hochgearbeitet und das Beten aufgegeben. Ihre Mutter hat sie in schulischen Dingen gefördert – sie war selbst gern zur Schule gegangen, musste die Ausbildung damals aber auf Druck ihres Vaters abbrechen. „Mein Vater dagegen hat mich nie zu etwas gezwungen“, sagt Emine Yüksel. Sie musste weder in die Koranschule gehen noch ein Kopftuch tragen. Aber der Rock sollte das Knie bedecken und das Dekolletee durfte nicht allzu tief sein. Allerdings durfte Emine nicht mit auf Klassenfahrten. Fahrrad fahren war nur dem Bruder erlaubt. Ihren türkischen Mann lernte sie während des Studiums kennen. „Auch er ist sehr konservativ, aber er hat mich immer unterstützt.“ Auch, dass sie trotz ihrer zwei kleinen Kinder arbeitet, trägt er mit.

Zweitens. „Ich hatte schon als Zehnjährige ein klares Ziel vor Augen: Ich will in der türkischen und in der deutschen Gesellschaft etwas erreichen. Dazu brauche ich einen guten Beruf.“ Sie hat durchgesetzt, dass sie aufs Gymnasium und dann studieren durfte. In der Schule und im Studium hat sie so viel Wissen wie möglich aufgesaugt. Von diesem Ziel ließ sie sich von Vergnügungen nicht ablenken. Auch nicht von Männern.

Drittens. „Ich gehe Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg.“ Bei den Diskussionen mit ihrem Vater habe sie manchmal gedacht: „Und was, wenn er jetzt ausrastet? Aber dann habe ich es wenigstens versucht“.

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