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Dilemma um Rütli-Schule : Neukölln ist auch hier

02.10.2012 19:31 Uhrvon
Die Kleingartenkolonie "Hand in Hand" in Neukölln wird abgerissen. Sie steht der Erweiterung des Rütli-Campus im Weg. Keinem Investorentraum, keiner Touristenherberge wie sonst so oft im neuen Berlin. Einfach einer Schule, in der Kinder eine Chance bekommen sollen - aber auch einem Prestigeprojekt des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky, der gerade mit seinem integrationskritischen Buch "Neukölln ist überall" in die Öffentlichkeit drängte. Eine Fotoreportage - samt einiger Grafiken. Foto: Kitty Kleist-HeinrichBilder
Die Kleingartenkolonie "Hand in Hand" in Neukölln wird abgerissen. Sie steht der Erweiterung des Rütli-Campus im Weg. Keinem Investorentraum, keiner Touristenherberge wie sonst so... - Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Diese Neuköllner sind so, wie sie sich Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky eigentlich wünscht: engagiert, anständig, hilfsbereit. Doch die Rütli-Gärtner müssen weichen - für ein Prestigeprojekt Buschkowskys, dessen Zustandekommen noch nicht einmal sicher ist. Ein Neuköllner Dilemma.

Die gute Nachricht vorweg: Der Neuköllner Haushalt kann im kommenden Jahr um 45 Cent entlastet werden. Denn auf die obligatorische Glückwunschkarte zu ihrem 90. Geburtstag aus den Händen von Bezirksbürgermeister Buschkowsky verzichtet Ilse Trebbin schon jetzt, "und zwar in aller Form mit der gebotenen Höflichkeit". Sie sitzt in ihrem Schrebergarten gegenüber der ehemaligen Rütli-Schule unter einem Sonnensegel, eine Frau im Sonntagskleid, krause Haare, wache Augen. Neben ihr am Tisch zwei weitere Senioren auf gepolsterten Gartenstühlen. Ilse Trebbin gibt einen aus, Kaffeeklatsch mit Himbeerkuchen, Schlagsahne und - wer mag - Doppelkorn.

Ein sonniger Nachmittag zum Dahindösen und Vertrödeln, aber die Lage ist ernst, und Trebbins Gäste sind empört.

"Wir mussten uns alles selbst erarbeiten, und dann jagen sie einen vom Hof", poltert eine der Damen, der "noch nie im ganzen Leben" etwas geschenkt worden sei, und Trebbin sagt, mäßigend, mit der rechten Hand den Furor ihrer Freundin abschwächend: "Ach ja, nun komm, so isses auch nicht." Ilse Trebbin hält nichts von schrillen Tönen. Wenn sie geht, dann in Würde - das ist der Plan.

Ihr Problem ist die ehemalige Rütli-Hauptschule am hinteren Ende der Schrebergartenkolonie. Mit dem Hilfeschrei der überforderten Lehrer vor sechs Jahren sicherte sich die Rütli-Schule einen Spitzenplatz auf der Liste der schlechtesten Schulen Deutschlands. Doch die Lage hat sich geändert. Aus der ehemaligen Terrorschule wurde auf Initiative von Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) die "1. Gemeinschaftsschule Neukölln", ein Zusammenschluss von Rütli-Schule, Heinrich-Heine-Realschule, Franz- Schubert-Grundschule und zweier Kindergärten.

Für 25,5 Millionen Euro soll hier auf fast 50.000 Quadratmetern in den nächsten Jahren der "Campus Rütli" entstehen, ein Bildungsleuchtturm für Nordneukölln mit Multifunktionshalle, Sportplätzen, Ausbildungswerkstätten und einem Jugendklub. Mittlerweile zählt die Schule zu den beliebteren Adressen im Viertel, die Warteliste für einen Platz ist lang.

Das Interesse an einem freien Platz in der Schrebergartenkolonie "Hand in Hand" hingegen ist vorbei. Alle 33 Parzellen werden im Herbst dichtgemacht. Lange haben die Pächter dagegen gekämpft, nun ist der Widerstand fast erloschen. Was bleibt, sind abgestorbene Zweige an Himbeersträuchern. Und frustrierte Schrebergärtner, die genau so sind, wie Bürgermeister Buschkowsky sich die Neuköllner sonst immer gerne wünscht: engagiert, anständig, hilfsbereit in der Nachbarschaft.

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