DJ Matthias Roeingh : Benefiz-Party: Töne für das Tacheles

Auf der Loveparade forderte er einst den Weltfrieden. Jetzt hat Matthias Roeingh alias Dr. Motte ein neues Ziel: das Künstlerhaus retten. Am heutigen Montag wird demonstriert, Samstag legt der DJ auf der "I-Support-Tacheles-Party" auf.

von und Franziska Ehlert
Ein Investor hatte eine Mauer im Torbogen des Künstlerhauses bauen lassen - jetzt wollen die Tacheles-Künstler das Hindernis überbrücken. So soll die Brückenkonstruktion aussehen. Im Hintergrund ist der Hofgenerator zu sehen. Der Strom ist abgestellt worden und die Künstler müssen sich selbst helfen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Jakob Hauser
06.05.2011 08:18Ein Investor hatte eine Mauer im Torbogen des Künstlerhauses bauen lassen - jetzt wollen die Tacheles-Künstler das Hindernis...

Wer Matthias Roeingh heute trifft, merkt schnell: Er hat das damals alles ernst gemeint. Sein Gerede von Liebe, Frieden und Weltretten, das zur Abschlusskundgebung jeder Loveparade gehörte, war kein Marketing-Unsinn. Und Roeingh möchte auch 2010 immer noch Großes anschieben – oder wie er es nennt: „die Lebensqualität verbessern“. Der gebürtige Spandauer, bekannt unter dem Künstlernamen Dr. Motte, kämpft gegen das Großprojekt Mediaspree, gegen den Ausbau der Stadtautobahn A 100 und ganz aktuell gegen die Versteigerung des Tacheles. Am Sonnabend legt der 50-Jährige in dem Kunsthaus an der Oranienburger Straße auf, sein bekannter Name soll helfen, möglichst viele Besucher anzulocken. Die Einnahmen werden für Prozesskosten gebraucht.

Matthias Roeingh hat in Berlin schon viele besondere Orte schließen sehen. Clubs öffnen und verschwinden, sagt er, doch die Technoszene existiert weiter und sucht sich immer ihre Freiräume. Das Tacheles aber müsse unbedingt bleiben. Auch die im Haus ansässigen Künstler geben sich kämpferisch: An diesem Montag wollen sie erneut mit einem Demonstrationszug durch die Stadt ziehen – und bei dieser Gelegenheit bekanntgeben, dass nächstes Jahr eine „Liste Tacheles“ bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus antreten wird.

Seit Monaten versucht der Verein Tacheles, ein Bleiberecht in dem denkmalgeschützten Haus zu erstreiten. Der Gläubiger, die HSH Nordbank, will das Haus versteigern, die Künstler hätten schon Ende Juli ausziehen sollen. Doch sie blieben und „sind noch geduldet“, wie Vereinssprecher Martin Reiter sagt. „Vielleicht setzt die Bank darauf, dass der Winter uns aus dem Gebäude friert.“ Zurzeit wartet Reiter auf einen Termin für die Versteigerung. Trotz der aussichtslosen Lage sei die Stimmung im Haus gut. Einige Künstler wollen einen riesigen Kranz aus 2000 Tonnen Kriegsschrott errichten – in einer Höhe von 22 Metern auf den Dächern der umliegenden Häuser und auf Stahlträgern befestigt. Das Vorhaben soll „an die Utopie herrschaftsfreier Räume erinnern und einen Raum für freie Kunst abstecken“.

Mit dieser Aktion hat Roeingh nichts zu tun. Überhaupt scheinen seine Lösungsansätze vor allem allgemeiner Natur zu sein – nicht nur für ein konkretes Projekt, sondern nach dem Motto „Rette deine Stadt“ werkelt der Musiker an mehreren Baustellen gleichzeitig. Hauptberuflich ist er weiterhin DJ und Produzent. Am Vorabend der Tacheles-Party legt er im Kit-Kat-Club auf, gerade erst veröffentlichte er seinen Techno-Hit „Klang der Familie“ – zum dritten Mal nach 1992 und 2000 und erstmals auf dem eigenen Label „Praxxiz“. Vom Original unterscheidet sich der Song nicht, dafür gibt es ihn nun in digitaler Form – der Geschäftsmann in Roeingh kommt durch.

Doch jedes Geschäft will er nicht machen. Eine Neuauflage der Loveparade, die er Ende der achtziger Jahre gründete und von der er sich 2006 zurückzog, weil sie ihm zu kommerziell wurde, kann er sich nach der Katastrophe in Duisburg nicht vorstellen. „Wenn ich mich in die Haut der Opfer versetze, kann man einfach keine Loveparade mehr machen.“ Die Grundidee, durch Kunst Kommunikation zu schaffen, bleibt für ihn dennoch richtig und maßgebend. „Kein Mensch kann alle Sprachen der Welt sprechen. Aber Musik versteht jeder“, sagt er.

Die „I-Support-Tacheles-Party“ mit Dr. Motte, A Guy Called Gerald und Namito beginnt am Sonnabend um 22 Uhr. Mindestspende drei Euro. Weitere Infos im Internet unter www.drmotte.de.

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