Egon Erwin Kisch über das Gleisdreieck : Umsteigen – das ist nichts für Berlin

Das Gleisdreieck, kritischer Punkt der U-Bahn-Bauarbeiten, hat schon den Rasenden Reporter Kisch fasziniert. Wir veröffentlichen seine Reportage über den Bahnhof aus dem Jahr 1923, die immer noch aktuell wirkt.

Egon Erwin Kisch
Der historische Bahnhof Gleisdreieck im Jahr 1905, also vor 110 Jahren.
Der historische Bahnhof Gleisdreieck im Jahr 1905, also vor 110 Jahren.Foto: Promo

Blick zurück nach vorn: Das Gleisdreieck in Kreuzberg war schon immer ein besonderer Ort des U-Bahnnetzes. Über die Station schrieb 1923 auch Reporterlegende Egon Erwin Kisch, dessen Text wir mit freundlicher Genehmigung des Berliner Aufbau-Verlages veröffentlichen.

Sie ist wohl ein wesentliches Kennzeichen der Großstadt: Oben auf der Straße ist kein Platz mehr für die Menschen. Noch weniger für jagende Wagen, für elektrisch angetriebene Züge. Und so fahren sie unter der Erde durch einen einzigen Tunnel, der die ganze Stadt unterhöhlt, sie fahren (ohne durch im Wege stehende Häuser, in entgegengesetzter Richtung rasende Automobile, den Weg kreuzende Wagen, spielende Kinder, sich liebende Hunde, unvernünftig ausweichende Frauen, die Hände hebende Verkehrspolizisten, durch Fußgänger, Geländer, Omnibusse und Feuerwehrmänner, Verkehrsvorschriften und andere Verkehrshindernisse aufgehalten zu werden), sie fahren, mag geschehen, was da will, immer weiter, geradewegs und im gleichen Abstand. Ihre Parole lautet: Überspringe nicht, übersteige nicht, sondern krieche unten durch!

Egon Erwin Kisch, der "Rasende Reporter", lebte lange Jahre in Berlin und schrieb hier zahlreiche Reportagen.
Egon Erwin Kisch, der "Rasende Reporter", lebte lange Jahre in Berlin und schrieb hier zahlreiche Reportagen.Foto: dpa

Die Stadt jagt dir über dem Kopf davon, du siehst nichts von ihrer Hast, kein Schaufenster lockt dich, kein Bekannter ruft dich, nichts hält dich auf. Du liest deine Zeitung, und es ist, als wärest du in München in den Schlafwagen eingestiegen und solltest in Venedig aussteigen… Ich höre Sie sagen: „Na, na, nur nicht übertreiben!“ Aber der Kontrast ist fast so, wenn man die Erdoberfläche inmitten der schönen Villen des Schöneberger Stadtparkes verlässt und erst wieder draußen in Rummelsburg um sich blickt, umringt von Proletarierkasernen, verrauchten Fabriken und erschreckend kleinen Kindergestalten.

Man steigt Gleisdreieck um. Aber nicht aus. Denn die Haltestelle schwebt in der Luft

Natürlich musst du während deiner Fahrt eifrig die Zeitung gelesen haben, sonst hättest du längst den Übergang aus der Friedenswelt des Wohlstands in die Kriegswelt des Jammers bemerkt. Denn nur wenige Leute fahren die ganze Strecke. So absolviert man den Weg vom Reichtum zur Armut und vice versa nicht in einem Zuge und kommt vom Berliner Westen nicht unmittelbar in den Osten. Die meisten fahren durchschnittlich fünf bis sechs Stationen: Von seiner Villa im Westen fährt der Chef ins Geschäft in die City, vom Geschäft in der City fahren die Kontoristinnen, die Verkäufer und Lehrlinge in ihre Wohnungen am Alexanderplatz, und aus den Lagerräumen, Geschäftshäusern, Schlupfwinkeln und Polizeigebäuden am Alexanderplatz fahren die übrigen Leute in die östlichen Vororte.

U-Bahnhof Gleisdreieck - Berlins ewige Baustelle
Nächster Halt: Gleisdreck, Berlin-Kreuzberg, Umsteigebahnhof der U-Bahn-Linien U1, U2, U12 - und im Sommer 2015: eine Großbaustelle. Wobei das ja schon mal vorkommt an diesem traditionsreichen Bahnhof - dieses Bild entstand 2010; da mussten wir Fahrgäste auch ulkige Wege laufen (wir erinnern uns noch an eine lange Holztreppe, die über die Gleise führte und uns dann ausspuckte im Niemandsland).Weitere Bilder anzeigen
1 von 36Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.04.2015 11:07Nächster Halt: Gleisdreck, Berlin-Kreuzberg, Umsteigebahnhof der U-Bahn-Linien U1, U2, U12 - und im Sommer 2015: eine...

Viele Jahre gab es nur eine Umsteigestation, und zwar Gleisdreieck. Auch heute noch ist es einer der wichtigsten Begriffe der Berliner Umgangssprache: Wir treffen uns Gleisdreieck, man fährt über Gleisdreieck, man steigt Gleisdreieck um. Aber Gleisdreieck wird nicht ausgestiegen. Denn die Haltestelle schwebt in der Luft. Unten sind keine Menschenhäuser, unten bewegen sich lediglich Maschinen.

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