Berlin : Eine Ausstellung ehrt drei verstorbene Berliner Kulturmacher

Vanessa Müller

"Wildes Denken", "Patchwork der Minderheiten", "Transavantgarde" steht in schwarzen Lettern an der Wand, und da ist er plötzlich wieder, der Diskurs der achtziger Jahre, als "postmodern" noch aufregend Neues versprach, als alle redeten von der Subversion des Wissens, der Welt als Rhizom, der Auflösung des Subjekts.

Die Achtziger waren eine seltsame Synthese aus Anti-Gestus und Neubeginn, aus Aufbruch und Verzweiflung, expressivem Willen zum Stil und New Wave-Apokalyse: Ich zweifle, also bin ich. Der radikale Individualismus schlitterte oft nur knapp am romantischen Weltschmerz vorbei. In Deutschland waren die Achtziger die Ära der Neuen Wilden und ihrer neo-expressionistischen Figuration, die Ära des Neuen Deutschen Design mit seiner Kriegserklärung an "form follows function" und die Ära des Neuen Kinos jenseits von Hollywood. Die Subkultur galt als Motor der Veränderung, und die Affirmation des Alltags versprach ein authentisches Leben im hier und jetzt. Doch dann tauchte Aids am Horizont auf - und veränderte alles.

"Unmittelbare Vergangenheit - Unterbrochene Karrieren" nennt sich eine Reihe, mit der die Neue Gesellschaft für bildende Kunst an Künstler und Kulturschaffende erinnert, die an Aids gestorben sind. Mit ihrer neuesten Ausstellung widmet sie sich drei Protagonisten der Berliner Kulturszene, die in den Achtzigern wichtige Impulse gaben. Mit Wolfgang Max Faust, dem Kritiker und Redakteur der Kunstzeitschrift "Wolkenkratzer", Christian Borngräber, der deutschen Antwort auf das Memphis-Design, und dem "Panorama"-Organisator der Berlinale Manfred Salzgeber wird an drei Männer erinnert, deren Veränderungswille irgendwie auch stellvertretend für das West-Berlin vor der Wiedervereinigung steht.

Wenn man sich in der Ausstellung der NGBK umsieht, fällt einem in Paraphrase eines Buchtitels von Wolfgang Max Faust tatsächlich als erstes ein: Dies alles gab es also. Das Design probte den Aufstand gegen den rechten Winkel und jede Form von ergonomischer Eleganz. Es wurde geschweißt, was das Zeug hält, roter Samt vergeudet und der Reiz des Unvollkommenen kultiviert: ein Mobiliar aus zerlegten Einkaufswagen und windschiefen Regalen, ein Bekenntnis zum Kitsch. Die Malerei war bunt und schnell, als ob der kühle Minimalismus der Siebziger eine Erblast wäre, die mit möglichst viel Farbe aus dem Gedächtnis gestrichen werden muss. Der Künstler als alkoholisierter Held war ein Bohèmien. Man war schwul und stand dazu, schuf die Bilder, die man gerne von sich selbst sehen wollte und sorgte dafür, dass auch die eine Ahnung davon bekamen, die sie nicht sehen wollten.

Trotzdem ist es schwer, das biografische Moment dieser Helden der "Kunst muss Alltag werden"-Bewegung in Objekte zu bannen und Lebenswerke zur Anschauung zu bringen, die vor allem publizistischer Natur sind, die sich in Büchern und Artikeln, Vorträgen und Organisatorischem manifestieren. Sowohl Faust als auch Borngräber und Salzgeber waren unermüdliche Promoter jener Dinge, die sie richtig und wichtig fanden - die Malerei der Neuen Wilden, das neue Design, der schwul-lesbische Film. So wie sie jetzt nebeneinander stehen, sucht man unwillkürlich nach Gemeinsamkeiten dieser so verschiedenen Agitatoren. Und vielleicht ist es tatsächlich ihre uneingeschränkte Förderung dessen, was sie gut fanden, ihre "produktive Egozentrik", die nur wenig Distanz kannte zum Gegenstand ihrer intellektuellen Begierde.

Die Texte von Wolfgang Max Faust sind nicht selten eine apologetische Feier von Künstlern wie Salome, die sich mit ihren Werken voller Gefühle und großer Gesten vehement zum schwulen Leben bekannten. Das analytische Moment rangiert in Fausts "Wolkenkratzer"-Kolumnen meist auf gleicher Ebene wie sein unstillbarer "Hunger nach Bildern", so der Titel seiner berühmt-berüchtigten Anthologie zur deutschen Malerei der Gegenwart, die er 1982 der Kunstszene vor die Füße warf. Doch eigentlich ging es Faust um ein ganz altes Programm der Avantgarde, die Annäherung von Kunst und Alltag. Sein letztes Buch mit dem programmatischen Titel "Dies alles gibt es also - Alltag Kunst Aids", das 1993 kurz vor seinem Aids-Tod erschien, reflektiert noch einmal die eigene Karriere unter der Prämisse ihres bevorstehenden Endes. Zwischen Alltagsbeobachtung und Kunstkritik ebnet Wolfgang Max Faust hier den Grund für das eigene Verschwinden und Nachleben im Medium der Schrift. Und so sind es in den Räumen der NGBK neben Bildern jener Neuen Wilden - der Gruppe "Münchener Freiheit", Rainer Fetting, Georg Jiri Dokoupil - vor allem Tagebuchaufzeichnungen, am Computer abrufbare Vorträge und Karteikarten sowie ein riesiger Stapel alter Ausgaben von "Wolkenkratzer", die dieses Leben für die Kunst konservieren.

Christian Borngräber tritt über das Design in Erscheinung, das er in Ausstellungen und Büchern wie der "Designbilanz" und in zahlreichen Fernsehbeiträgen präsentiert hat. Und mit dem er tatsächlich auch lebte: Diverse Exponate stammen aus seinem Besitz, die Teppichkreation "Rasierter Perser" ist sogar ein eigener Entwurf, der 1986 in der Schau "Gefühlscollagen - Wohnen von Sinnen" zu sehen war.

Manfred Salzgeber vorzustellen, der 1971 das "Internationale Forum des jungen Films" mitbegründete, ist da mangels Mobiliar ungleich schwieriger. Plakate wichtiger Filme wie Derek Jarmans "Blue" oder Gus van Sants "Mala Noche", Zeitungsausschnitte und Videointerviews mit Freunden und Kollegen, von Ingo Taubhorn für die Ausstellung aufgezeichnet, vermitteln allenfalls eine Ahnung dessen, was Salzgeber für die Berlinale und die hiesige Profilierung des "queer cinema" geleistet hat. "Ich hab mitzuhelfen versucht, in Deutschland ein anderes Kino aufzubauen als dieses Traumkino", lautete sein bescheidenes Resümee.

So schreitet man an den Spuren anderer Leben vorbei, entdeckt das Politische im Privaten, das Vertraute im Fremden. Was bleibt, ist die Partizipation an den Achtzigern: Alte Ausgaben von "Wolkenkratzer" kann man kaufen - das Stück für eine Mark - oder sich im Kino der Hackeschen Höfe die Lieblingsfilme von Salzgeber aus seiner eigenen "Edition Manfred Salzgeber" ansehen, die auf den deutschen Markt brachte, was sonst kaum eine Chance hatte. Und auch auf der kommenden Berlinale wird es wieder einen "Teddy" für den besten schwul-lesbischen Film geben. Nur das Neue Deutsche Design bleibt, auch retrospektiv betrachtet, eher unbequem.Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Oranienstraße 25) bis zum 23. Januar. Der Katalog kostet in der Ausstellung 28 Mark, im Buchhandel 36 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben