Berlin : Eine Kriegsruine wartet auf Zukunft

Bomben zerstörten die Steglitzer Villa des Großvaters, seitdem steht das Gemäuer leer. Den Erben fehlt das Geld zum Wiederaufbau – und eine gute Idee

Katharina Schuler

Ein ordentliches Ende hat der Brief vom 6. Februar 1945 nicht. „Vollalarm! Das dritte Mal innerhalb von 14 Stunden! Ich überlege ... wieder Warnung: Vollalarm. Entwarnung. Abermals Alarm, also Schluß!“ Auf den Zeilen davor schrieb Professor August Hinderer: „Das Dasein in der Reichshauptstadt wird allmählich unbehaglich. Das Stadtinnere sieht böse aus: Schloß, Dom Galerien, Universität dem Erdboden gleich.“ – Was damals auch schon nahezu dem Erdboden gleich gemacht war, ist seine eigene Villa in der Steglitzer Beymestraße 16. Die wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. März 1944 bei einem Luftangriff zerstört. Seitdem enden die Stufen der hölzernen Treppe, die an der Außenseite des Gebäudes entlang in den oberen Stock führte, in den Himmel. Eine Kriegsruine inmitten Steglitzer Behaglichkeit; fast verdeckt von wild wucherndem Gebüsch, erheben sich die Überreste der vornehmen Villa. In den roten Ziegelsteinmauern sind die Rundbögen der Fenster noch gut zu erkennen, ebenso die Verzierungen aus dunkel lasierten Ziegeln. Aus dem Hausinneren ragen Bäume hervor. Heute gehörte die Ruine der Enkelin von Professor Hinderer, Friedegunde Hinderer-Scheubner, wohnhaft in München. Sie weiß nicht recht, was sie machen soll mit dem Erbe.

Sie erzählt von damals: Bei dem Bombenangriff wurde niemand getötet, aber von der persönlichen Habe der Familie konnte so gut wie nichts gerettet werden. Auch die umfangreiche Bibliothek verbrannte. Einem Freund sagte Hinderer später, dass er seine persönlichen Aufzeichnungen und Erinnerungen am meisten vermisse. Die Zeugnisse mühevoller geistiger Arbeit aus mehr als 20 Jahren – über Nacht vernichtet.

Professor Hinderer war Direktor des Evangelischen Presseverbandes Deutschland. Das Hauptgebäude des Verbandes lag direkt gegenüber, in der Beymestraße 8. Hinderer hatte hat den EPD seit 1918 geleitet und ihn zu einem einflussreichen Sprachrohr des Protestantismus ausgebaut. Neben dem Pressedienst gab der EPD auch viel gelesene Zeitschriften heraus, darunter die Literaturzeitschrift Eckart.

Die Hinderers hatten prominente Nachbarn: „Hier wohnten der Generaldirektor der Ufa, Alfred Hugenberg, und der Nazi-Chefkommentator im Rundfunk, Hans Fritsche“, sagt ein Anwohner der Beymestraße. In der 30er Jahren sei es dort nobel zugegangen. Nach dem Krieg und dem Tod August Hinderers gehörte die Ruine den Söhnen Dietmut, Fritz und Hermann. Die hätten bis Ende der 50er Jahre geglaubt, sie könnten das Haus wieder aufbauen, sagt Friedegunde Hinderer-Scheubner. Dass daraus dann doch nichts wurde, habe an Geldmangel und einer tief sitzenden Russenangst gelegen, die ein finanzielles Engagement in Berlin als nicht ratsam erscheinen ließ. Noch 1986, erzählt die Erbin, habe ihr Vater Hermann auf dem Sterbebett gesagt: „Von dem Haus werdet ihr nichts mehr haben, das werden die Russen holen.“

Bis 1992 hat sich Fritz Hinderer, Professor für Astronomie an der Freien Universität, in seiner Freizeit um das verfallende Anwesen gekümmert, jedenfalls um den Garten und die Obstbäume darin. Doch als er in dem Jahr an einem heißen Augusttag losging, um die Hecken nachzuschneiden, wurde es ihm zu viel: Er erlitt einen Hirnschlag. Nach seinem Tod blieb dann auch der Garten sich selbst überlassen und wurde zu jener Wildnis, die heute die Ruine umgibt.

Mit Fritz war das letzte der Hinderer-Kinder gestorben, für die Enkelin wäre nun der Zeitpunkt gewesen, aus dem Ruinengrundstück, mit dem sie keine persönlichen Erinnerungen verbanden, Geld zu machen. Doch sie konnte sich bisher zu nichts durchringen. Eine private Gedenkstätte solle das Anwesen jedenfalls nicht werden, sagt sie. Sie würde gerne etwas daraus machen, was dem Großvater und seinen drei Söhnen gefallen hätte. Was genau das werden soll? Sie zuckt die Achseln. Friedegunde Hinderer-Scheubner mag Berlin. Vielleicht werde sie selbst eines Tages hier wohnen, sagt sie.

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