Endlich Eltern : Pflegefamilie unterm Regenbogen

Homosexuelle Paare wissen häufig nicht, dass auch sie Pflegekinder aufnehmen können. Zwei Berliner Väter machen vor, wie das gehen kann.

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Vätersache. Bruno und Frank R. (rechts) sind seit neun Jahren Pflegeeltern – ein Leben ohne Raphael und Simon (vorne) können sie sich nicht mehr vorstellen.
Vätersache. Bruno und Frank R. (rechts) sind seit neun Jahren Pflegeeltern – ein Leben ohne Raphael und Simon (vorne) können sie...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Um 16 Uhr ist bei Frank und Bruno R. Familienzeit. Gemeinsam mit ihren Söhnen Raphael und Simon, elf und neun Jahre alt, sitzen die beiden Männer um den häuslichen Esstisch. Man erzählt sich von der Arbeit, von der Schule und plant den restlichen Tag. „Was hat Essen denn sonst für einen Sinn?“ hat der ältere Sohn einmal gefragt, als nicht alle da waren. So fest verankert sind die gemeinsamen Mahlzeiten im Tag der Pflegeeltern und ihrer beiden Söhne.

Dass Pflegeelternschaft – im Gegensatz zur Adoption – auch für gleichgeschlechtliche Paare möglich ist, wissen die wenigsten. Auch unverheiratete Paare und Alleinstehende haben eine realistische Chance, ein Kind aufzunehmen, um das sich die leiblichen Eltern aufgrund von Wohnungsnot, Misshandlung, Haft oder Drogensucht nicht selbst kümmern können oder dürfen. Im Idealfall suchen die Berliner Jugendämter dann eine passende Pflegefamilie. Diese versorgt die Kinder befristet für ein paar Monate oder auf Dauer, je nach Art der Probleme der biologischen Eltern, auch „Herkunftseltern“ genannt.

2681 Berliner Kinder und Jugendliche waren im Jahr 2011 laut Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung bei Pflegeeltern untergebracht. Pflegefamilien und Wohnformen, bei denen die Kinder mit festen Erziehern leben, sind in Berlin die bevorzugte Lösung, wenn Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern wohnen können, heißt es.

Doch nicht alle Kinder, die untergebracht werden müssten, finden eine Pflegefamilie. Eine genaue Statistik, wie viele Pflegeeltern in Berlin fehlen, gibt es in der Senatsverwaltung nicht. Nach Angabe der Berliner Jugendämter ist der Bedarf jedoch weiterhin hoch.

Der Französischlehrer Bruno R. (46) und sein 49-jähriger Lebensgefährte Frank, Landschaftsarchitekt, meldeten sich vor bald zehn Jahren beim Jugendamt ihres Bezirks als Pflegeeltern. Es folgten neun Monate, in denen sie ihre finanzielle Situation offenlegen, ihre Familiengeschichte und der Sozialarbeiterin auch über ihre Beziehung Auskunft gaben. Erst dann konnten sie Raphael, damals zweieinhalb Jahre alt, zum ersten Mal treffen. Ein rotes Spielzeugauto, das die beiden Männer mitgebracht hatten, brach das Eis. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Bruno R. Zwei Jahre später folgte Simon. Seitdem leben sie als Familie zu viert. Der eine Vater wird „Papi“ gerufen, der andere „Papa“.

„Wir brauchen jedes Elternteil“, sagt Birgit Mallmann, Geschäftsführerin des Vereins Pflegekinder in Kreuzberg, der als Freier Träger in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln Ost im Auftrag des Jugendamtes Pflegefamilien vermittelt und betreut. Sie beobachte, dass Mitarbeiter der ersten Anlaufstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in den Jugendämtern teilweise gar nicht mehr nach möglichen Pflegeeltern fragten, sondern die Kinder gleich in eine Wohngruppe gäben. Dass auch homosexuelle Paare ein Pflegekind aufnehmen können, sei nicht in allen Bezirken gleichermaßen bekannt. In Friedrichshain-Kreuzberg seien zehn Prozent der Pflegeeltern gleichgeschlechtlich, in Neukölln deutlich weniger. Der Verein bemühe sich deshalb, gezielt in Cafés und Treffpunkten von Schwulen und Lesben zu informieren.

Auch das Bemühen der Jugendämter und Freien Träger, weitere Zielgruppen als Pflegeeltern zu gewinnen, variiert in den Bezirken sehr stark, sagt Constanze Körner, die sich beim Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg um Familien kümmert. Bei Beratungsgesprächen befürchteten manche Interessierte, wegen ihrer sexuellen Orientierung benachteiligt zu werden – etwa wenn, wie in Steglitz-Zehlendorf, die katholische Organisation Caritas die Pflegekinder vermittelt. Die Erfahrungen seien sehr unterschiedlich. Prinzipiell hätten homosexuelle Pflegeeltern immer ein „doppeltes Coming-out“, sagt Körner. Sie müssten ihrem Umfeld sowohl die Pflegeelternschaft erklären als auch die gleichgeschlechtliche Elternschaft.

Frank und Bruno R. scheinen damit kein Problem zu haben. Dass sie zwei Männer sind, spiele selten eine Rolle, sagen sie. In ihrer Nachbarschaft und in der evangelischen Gemeinde habe man sie als Familie gut aufgenommen, sagt Bruno R. Etwas schwierig sei es allerdings am Muttertag, wenn die Lehrer ihrer Söhne nicht an Familienkonstellationen wie die ihre dächten. Das sei jedoch weniger schlimm als die rassistischen Äußerungen, mit denen die Jungs häufig konfrontiert würden. Wie neulich, als Raphael seinen jüngeren Bruder auf dem Spielplatz verteidigen musste.

„Jeder hat seine Biografie“, sagt Bruno R. an der Tür des Kinderzimmers und betrachtet Simons Spielzeugburg. Pflegeelternschaft heißt immer auch zu lernen, mit den frühkindlichen, oft traumatisierenden Erfahrungen der Kinder umzugehen. Pflegeeltern müssten bereit sein, sich dieser Aufgabe zu stellen, sagt Bruno R. Es habe schließlich Gründe, warum die Kinder in eine Pflegefamilie kommen. „Alle anderen Kinder sind bei ihren leiblichen Eltern oder schon adoptiert worden“, sagt er. „ Diese Kinder bleiben sozusagen übrig.“ Die beiden Väter wollen ihren Söhnen die schönen Dinge im Leben zeigen. Ausflüge in die Natur und Singen im Chor sind neben Ergotherapie fester Bestandteil im Familienkalender.

Die Kontakte mit dem Jugendamt sind mittlerweile zur Routine geworden. Einmal im Jahr schreiben die Pflegeväter einen Entwicklungsbericht über ihre Söhne. Alle zwei Wochen trifft sich Raphael mit seiner leiblichen Mutter, Simons Mutter hingegen lebt nicht in Berlin. Im Gegensatz zur Adoption soll bei der Pflegeelternschaft der Kontakt zu den leiblichen Eltern aufrecht erhalten werden, auch wenn die Pflegeelternschaft unbefristet ist. „Wir müssen mehr bedenken als leibliche Eltern, weil wir mit mehr Leuten klarkommen müssen“, sagt Bruno R. „Wir müssen mehr kommunizieren.“ Im Alltagsleben spielen die besonderen Regelungen für Pflegeeltern keine Rolle, sagt sein Lebensgefährte. Sie seien die Eltern, das ihre Jungs. Fertig.

Doch wie alle Pflegeeltern leben auch Frank und Bruno R. mit der Angst, dass ihre Kinder irgendwann zu den leiblichen Eltern zurückgehen könnten. „Das passiert ganz, ganz selten“, sagt Birgit Mallmann von Pflegekinder im Kiez, „ aber es ist eben nicht ausgeschlossen.“ Was, wenn ...? Diese Frage wird auch Frank und Bruno R. immer wieder gestellt. Wenn die Kinder mehr als zwei Jahre bei den Pflegeeltern lebten, sei das sehr unwahrscheinlich, antwortet der eine, aber man müsse lernen, mit der Unsicherheit zu leben. „Wir haben diese Rolle vom ersten Tag angenommen“, sagt der andere. „Wir können nur zu hundert Prozent Eltern sein.“

Am Esstisch der Familie R. kündigen sich einstweilen ganz andere Veränderungen an. „In meinem Zimmer spielen, das mache ich fast gar nicht mehr“ sagt Raphael und guckt betont ernst. „Raphi denkt wie immer, dass er schon erwachsen ist“, erläutert sein Bruder und kichert. Etwas später tollen die beiden ausgelassen auf dem Sofa herum.

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