Erfahrungsbericht Familienhilfe : Hilflose Helfer – Wenn Politik den Missstand verwaltet

22.08.2011 13:26 UhrVon Barbara Schönherr
Die Familienhilfe gerät in die Schieflage. Foto: dpa
Die Familienhilfe gerät in die Schieflage. - Foto: dpa

Familienhelfer sollen eingreifen, wenn Eltern und Kinder miteinander überfordert sind. Doch das System der freien Träger, denen Berlin allein im vergangenen Jahr 408 Millionen Euro gab, hilft nicht den Menschen, sondern sich selbst.

Dass ich mal Sozialpädagogik studiert habe, halte ich heute für eine echte Jugendsünde. Obwohl ich damit zurzeit mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe, als in jeder anderen Branche. Das wird mir in dem Moment bewusst, als ich mich, neben meiner Tätigkeit als Journalistin, als Sozialpädagogin bewerbe. Fünf Jahre war ich jetzt komplett draußen, aber innerhalb von zwei Monaten habe ich wieder eine Stelle. Bei einem sogenannten „Freien Träger“ in der Jugendhilfe. Genauer gesagt, in der „Familienhilfe“.
Ich bin voller Elan, die Gesellschaft von unten zu verändern. Das ist doch eine vornehme Aufgabe, denke ich. Man teilt mir drei Problemfamilien zu.

Erster Fall: Alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern von fünf verschiedenen Vätern, deren Namen sie nicht verrät. Drei-Zimmer-Wohnung für die ganze Familie. Die 38-jährige Mutter ist etwas irritiert, als nun auch noch zwei Sozialarbeiter in ihrem Wohnzimmer sitzen. Sie werden zehn Stunden in der Woche mit ihr verbringen. Frau Kallers* Widerstand gegen die Familienhilfe wurde vom Jugendamtsmitarbeiter ignoriert. Was ist zu tun? Warum wurde hier „Familienhilfe“ installiert? Das weiß niemand so genau.
Wir gehen mit den Kindern in den benachbarten Jugendclub, begleiten die Mutter zum Jobcenter. Eigentlich kommen sie gut zurecht, und den gewissen Geldmangel können wir auch nicht beheben. Im Grunde leisten wir da eine Art kostenlose Kinderbetreuung, aber ist das der Sinn von Familienhilfe? Das rein Praktische hätte man in vier Wochen regeln können, doch die Hilfe läuft nun schon seit eineinhalb Jahren, und das bedeutet Kosten von 36 000 Euro.
Mein zweiter Fall sind Mutter und Tochter aus einem Land auf dem südlichen afrikanischen Kontinent. Ich beneide die 11-Jährige ein bisschen um ihr äußerst stabiles Selbstbewusstsein. Die Mutter spricht nicht ausreichend Deutsch, als dass man mit ihr über Erziehungsfragen reden könnte. Außerdem wünscht sie das gar nicht: „Du helfen mein Tochter in Schule, sie nicht fleißig genug.“ So machte es jedenfalls meine Vorgängerin, eine ehemalige Lehrerin. Sie hat das Mädchen mit zu sich nach Hause genommen und ihr Nachhilfeunterricht gegeben. Als ich dem Jugendamtsmitarbeiter dies mitteile, ist er entrüstet und bricht die Hilfe konsequenterweise ab. Die Familienhilfe lief auch hier über eineinhalb Jahre, die Kosten betrugen 21 000 Euro.
Mein freier Träger ist sauer auf mich. Das sei doch so ein schöner leichter Fall gewesen, das hätte man noch eine ganze Weile weiterlaufen lassen können, erklärt mir der Geschäftsführer. Ein fachlicher Grund für die Familienhilfe scheint ihn nicht zu interessieren.


Nach ein paar Wochen beginnt mir dieser Betrieb unsympathisch zu werden. Ich sitze von bleierner Müdigkeit übermannt in stundenlangen Teamsitzungen, in denen es um irgendwelche innerbetrieblichen Schwierigkeiten geht. Es wird kaum ein Wort über den Umgang mit den Klienten verloren. Dafür gibt es doch die kollegialen Fachgespräche, die dann so aussehen, dass man gemeinsam zum Italiener um die Ecke geht und sich dafür drei geschlagene Arbeitsstunden aufschreibt. Langsam beginnt mir zu dämmern, warum ich mich immer ein bisschen für meinen Beruf geschämt habe. Was machen die da eigentlich?

(*Die Namen aller genannten Familien wurden von der Redaktion geändert)

Viele Familien wollen keine Hilfe zur Selbsthilfe, sondern kostenlose Babysitter: Lesen Sie weiter auf Seite zwei.

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