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Erster Jahrgang in Sekundarschule : Ansturm aufs Abitur

An der Prüfung zur Berufsbildungsreife scheiterte fast jeder dritte Neuntklässler. Aber bei den Zehntklässlern zeigt sich ein ganz anderes Bild.

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Hefte raus, Klassentest. 30 Prozent der Neuntklässler scheitern an Berufsbildungsreife.
Hefte raus, Klassentest. 30 Prozent der Neuntklässler scheitern an Berufsbildungsreife.Foto: IMAGO

Mehr als zwei Drittel der Zehntklässler haben dieses Jahr die Berechtigung zum Besuch der gymnasialen Oberstufe erreicht. Dies geht aus dem Abschlussbericht des Instituts für Schulqualität (ISQ) hervor. Allein an den neuen Sekundarschulen schafften knapp 40 Prozent die Hürde, der Rest sind Gymnasiasten. Dieses Ergebnis bestärkt jene Schulleiter, die vor zu niedrigen Hürden gewarnt hatten.

Wie berichtet, ist es seit Einführung der Sekundarschulen leichter geworden, eine Zulassung zur Oberstufe zu bekommen: An den früheren Gesamtschulen brauchten Zehntklässler eine gute „Drei“ um in die elfte Klasse aufsteigen und das Abitur anstreben zu können. An den Sekundarschulen reicht nun eine schwache „Drei“. Diese Umstellung ist den neuen Notensystem geschuldet. Schulleiter befürchten, dass ungeeignete Schüler aus Bequemlichkeit in den Schulen bleiben und dann im nächsten Jahr scheitern. Damit würden sie ein Jahr später in die Ausbildung kommen, was auch angesichts des Azubi-Mangels kritisch gesehen wird. Von Sekundarschülern deutscher Herkunft schafften 45 Prozent die Oberstufeneignung, von jenen türkischer Herkunft 26 Prozent. Bei den Schülern mit anderen Muttersprachen als Deutsch oder Türkisch lag die Quote bei 32 Prozent.

Die Durchfallquote ist etwas geringer als früher

Insgesamt bleibt angesichts der frisch veröffentlichten Ergebnisse viel Spielraum für Interpretationen: Berlins erster Sekundarschuljahrgang hat zwar etwas weniger Durchfaller produziert als es früher nach Klasse 10 üblich war. Wobei ein Vergleich schwierig ist, weil aus drei Schultypen einer geworden ist und die Statistiken unterschiedlich aufbereitet sind.

Leichter ist der Vergleich der Leistungen der Neuntklässler in diesem und im vergangenen Jahr, denn die Neuntklässler waren auch im letzten Jahr schon Sekundarschüler. Die diesjährigen Neuntklässler haben miserabel abgeschnitten: 30 Prozent scheiterten an der Berufsbildungsreife (BBR), einer eigentlich niedrigen Hürde. Auch dies geht aus der Auswertung des ISQ hervor.

Zusätzliche Nachprüfungen könnten die Bilanz verbessert haben

Demnach blieben knapp neun Prozent aller Sekundarschüler ohne Abschluss. Als es noch Haupt-, Real- und Gesamtschulen gab, lag die Quote der Durchfaller in der Regel bei weit über zehn Prozent. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ermunterte die betreffenden Schüler, an den beruflichen Schulen einen Abschluss nachzuholen. Wenn man die Gymnasiasten hinzunimmt, liegt die Durchfallquote in ganz Berlin sogar nur bei rund fünf Prozent.

Ein Grund für die bessere Bilanz könnte darin bestehen, dass zusätzliche Nachprüfungen eingebaut wurden. Es könnte aber auch eine Rolle spielen, dass sich durch die Abschaffung der Hauptschulen die Schülermischung verbessert hat: Da nicht mehr alle schwachen Schüler an den Hauptschulen isoliert unterrichtet werden, ist möglicherweise der erhoffte Effekt eingetreten, dass die besseren Schüler die schlechteren „mitzogen“.

Deutsch und Mathe besonders schwach

Aber auch diese Theorie wankt, wenn man berücksichtigt, dass so viele Neuntklässler die Mindestanforderungen in Deutsch oder Mathematik verfehlt haben, die bei der BBR abgeprüft werden. Im letzten Jahr waren 25 Prozent durchgefallen, dieses Jahr liegt die Quote somit noch fünf Prozent drüber. Das schlechte Resultat 2013 hatte dazu geführt, dass den besonders schwachen Schulen Mathe-Coaches empfohlen wurden: Sie sollten den Lehrern Tipps geben, wie sie den Stoff besser vermitteln können. Die ersten Mathe-Coaches konnten allerdings erst im Winter beginnen, sodass sie noch nicht viel bewirken konnten.

Die Senatorin findet die Ergebnisse "nicht zufriedenstellend"

Dass die Ergebnisse nun sogar noch schlechter wurden, war aber nicht erwartet worden. Das sei „nicht zufriedenstellend“, sagte die Bildungssenatorin auf Anfrage. Sie vermutet, dass an den Schulen der neue Abschluss der Berufsbildungsreife noch nicht ernst genug genommen wird: Die Schüler wissen, dass sie die Prüfung in der zehnten Klasse nochmals schreiben können. Und tatsächlich haben sich die Ergebnisse von Klasse 9 nach Klasse 10 stark verbessert: Dieselben Schüler, von denen vergangenes Jahr 25 Prozent durch die BBR fielen, haben dieses Jahr nur die genannten acht Prozent diese Latte gerissen. Die übrigen schafften entweder den Mittleren Schulabschluss, die BBR oder auch die Erweiterte Berufsbildungsreife, die dem früheren Erweiterten Hauptschulabschluss entspricht.

Dennoch bleibt die Frage, warum sich die Ergebnisse der Neuntklässler nochmals verschlechtert haben. Eine Rolle könnte spielen, dass es sich bei den diesjährigen Neuntklässlern um den ersten Jahrgang handelt, der von der Früheinschulung betroffen war. „Die Schüler sind unreifer und verspielter“, beobachtet Reiner Haag, Lehrer an einer Tempelhofer Sekundarschule. Auch an seiner Schule waren die BBR-Ergebnisse diese Jahr noch schlechter als 2013.

Fast alle Gymnasiasten schaffen den Mittleren Schulabschluss

Die Berufsbildungsreife entspricht dem früheren Hauptschulabschluss, geht jedoch mit einer Prüfung in Mathematik und Deutsch einher, was beim Hauptschulabschluss nicht der Fall war. Er leitete sich nur aus den Jahrgangsnoten ab.

Für die Gymnasien dürfte interessant sein, dass 97 Prozent ihrer Schüler den Mittleren Schulabschluss (MSA) geschafft haben, der nach Klasse 10 geschrieben wird. Wenn Gymnasiasten scheiterten, so meist an ihren schlechten Jahrgangsnoten und nicht an den MSA-Prüfungen in Mathematik, Deutsch und Englisch. Hierbei fiel nur ein Prozent von ihnen durch. Dies bestärkt jene Gymnasialleiter, die seit langem fordern, den MSA an ihrer Schulform abzuschaffen: Der Aufwand für drei schriftliche Prüfungen pro Schüler stehe in keinem Verhältnis zum Nutzen, wenn letztlich so wenig Schüler durchfielen. Die Bildungsverwaltung will aber an der jetzigen Regelung festhalten. Viel Zuspruch gibt es seitens der Gymnasien für die Präsentationsprüfung, die ebenfalls Teil des MSA ist. Sie wird als gute Übung für die Präsentationsprüfung im Abitur geschätzt.

Einige Verwirrung gab es am Freitagnachmittag auf der Homepage des ISQ: Erst wurden die Ergebnisse präsentiert, wenige Minuten später verschwanden sie wieder und wurden für Anfang nächster Woche angekündigt. Dem Vernehmen nach wollte Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles (SPD) sich erst ein Bild von den Ergebnissen machen. Das ging dann aber offenbar schnell: Noch am selben Nachmittag war alles wieder online.

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