Berlin : Europaflagge am Boot – zehn Euro Strafe

Falsche Fahne gehisst: Wannseesegler musste zahlen

-

„Ich segle mit dieser Flagge seit 16 Jahren“, sagt der Arzt WolfRüdiger Wirsching, „so etwas ist mir noch nie passiert.“ Traurig rollt er am Montag an Bord seines Segelboots am Großen Wannsee die blaue Fahne ein. „Die kommt ins Museum.“ An seinem Boot wird sie nicht mehr wehen. Stets und ständig ist er mit der blaugelben Flagge am Heck über die Havel und den Wannsee geschippert, niemand hat sich am Symbol des vereinten Europas gestört. Am letzten Sonntag aber muss er für Europa büßen: Die Wasserschutzpolizei stoppt sein Boot, bestraft den Segler mit zehn Euro Bußgeld.

Der sommerhafte Tag scheint Wirsching und seiner Frau Regina ideal für eine letzte Segeltour in diesem Jahr. Sie segeln gemächlich vom Liegeplatz am Großen Wannsee bis zur Pfaueninsel. Bei der Rückfahrt am Nachmittag dreht – in Höhe des Löwendenkmals – ein Boot der Wasserschutzpolizei bei und kommt näher. „Sportbootkontrolle“, rufen die Beamten. Sie sehen blau, sie stört nur eins: eine Ordnungswidrigkeit, die Euroflagge. Die verstoße gegen das Flaggenrechtsgesetz. Eine Flagge am Heck sei zwar nicht Pflicht, aber wer sein deutsches Boot am Heck nun einmal unbedingt flaggen wolle, dürfe dies nur in Schwarz, Rot und Gold tun. Die am Segelboot aber sei blau, habe gelbe Sterne, was den Wirschings leider als Ordnungswidrigkeit angelastet werden müsse. Die Beamten scheinen am Tag der Deutschen Einheit unerbittlich, „mit denen war nicht zu diskutieren.“ Von Bord zu Bord wird ein Geldschein herübergereicht. Wirschings ist der Ausflug verhagelt.

Jens Kruse, zuständig für die Einsatzsteuerung der Wasserschutzpolizei, weist auf das Bundesgesetz, spricht aber von „Ermessensspielraum“, eine Belehrung hätte vielleicht auch ausgereicht. Sport- und Segelboote dürften am Heck natürlich auch eine Europaflagge setzen, aber nur als Ergänzung zur bundesdeutschen. Europa könne auch vom Mast grüßen oder sonst woher, nur nicht ganz allein vom Heck. Flaggenstreitigkeiten dieser Art seien auf Berlins Gewässern bisher außerordentlich selten. Die deutsche Flagge müsse auch nicht immer wehen. Es komme auf das Zulassungsland des Bootes an. So dürfte beispielsweise auch der Union Jack ans Heck gesetzt werden.

Christian Baanemann von der Segelschule Havel sagt, dass die Schüler über richtiges Flaggensetzen informiert werden, weil es zum Segelschein gehört. Er will den Eindruck etlicher anderer Segler über eine grimmiger werdende Wasserschutzpolizei nicht bestätigen. Die Beamten drückten oft ein Auge zu, sagt er. Vor allem Boote mit Kindern dürften schon mal unter der Piratenflagge segeln.

Die Wirschings haben nichts gegen die deutsche Fahne, aber die blaue Farbe Europas hat ihnen auf dem Wasser einfach besser gefallen. Nun wird Europa im Keller eingemottet. „Das ist traurig“, sagen sie, „aber entspricht wenigstens der Vorschrift.“C.v.L.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben