Ex-Dschungelcamp-Bewohner : Jay Khan singt im "Wintergarten"

Dschungelcamp, Boyband und Klamauk: Jay Khan war bisher eher nicht für seriöse Unterhaltung bekannt. Nun singt er im "Wintergarten" – und hat noch mehr Überraschungen parat.

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Strahlemann. Jay Khan bei einer RTL-Spendengala.
Strahlemann. Jay Khan bei einer RTL-Spendengala.Foto: imago/Sven Simon

Es ist schon fast wie eine Festanstellung, sagt Jay Khan, grinst und nimmt einen großen Schluck aus seinem Thermoskannen-Deckel-Becher. „Ingwertee, ich schwöre darauf“, schmatzt er, während sein Kiefer noch ein großes Stück Ingwer bearbeitet. „Ich war noch nicht einmal krank.“ Fünf bis sechs Tage die Woche steht Jay Khan, 33, ehemals Boyband-Barde und Dschungelcamp-Bewohner, derzeit im Wintergarten an der Potsdamer Straße auf der Bühne.

Es ist einer der kälteren Vorweihnachtstage, Jay Khan sitzt mit einer Kapuzenjacke im Bistro des Varieté-Theaters, schwarze Daunenjacke, Jeans und Turnschuhe, Drei-Tage-Bart. In 20 Minuten muss er auf die Bühne, kam viel zu spät, ein Missverständnis. Er lehnt sich zurück.

Atemlos - ein Helene-Fischer-Festival?

„Atemlos – Das Hit Varieté Festival“ heißt die Show, die noch bis Mitte Februar läuft. Ein Helene-Fischer-Festival? Denken alle, sagt Jay Khan, aber schon nach drei Minuten sei klar: Es ist eher eine Reise durch die deutsche Popgeschichte, durchsetzt von Varieté-Elementen von Jonglage bis Akrobatik und Liedern vom Goldenen Reiter bis Peter Fox, von Nina Hagen bis Reinhard Mey. Und natürlich dem Hit „Atemlos“, der clever vermarktet vom Plakat prangt, obwohl die Show mit Helene Fischer wirklich wenig zu tun hat. Scheint zu funktionieren. „Wir sind absolut glücklich“, sagt Wintergarten-Geschäftsführer Georg Strecker.

Dass die Leute trotzdem nicht enttäuscht rausgehen, liegt auch – für manche vielleicht erstaunlicherweise – an Jay Khan, den das klassische Wintergarten- Publikum als ehemaliges Mitglied der Boyband US 5 vielleicht noch aus den „Bravos“ der Enkel kennt, oder wenn es sich beim Zappen mal in eine Pro-7-Promi-Sendung verirrt hat. Bis Ende des Jahres ist er hier eine Art singender Conférencier.

Der Wintergarten ist für ihn ganz klar ein Image-Ding

Er habe sofort zugesagt, nicht nur weil er hier im Kiez aufgewachsen ist, Kurfürstenstraße an der Grenze von Tiergarten zu Schöneberg, 22 Jahre lang. Ein patriotischer Wessi sei er, gleich um die Ecke war sein Kindergarten, das Französische Gymnasium nicht weit. Seine Eltern hatten sich in Berlin kennengelernt, die Mutter ein britisches Au-pair-Mädchen, der Vater ein pakistanischer Gastronom.  Sie gingen nach London, wo Tariq Jay, wie er eigentlich heißt, geboren wurde, kehrten zurück, bevor er in die Schule kam.

Jay Khan in Aktion im Wintergarten.
Jay Khan in Aktion im Wintergarten.Foto: promo

Die Sache mit dem Wintergarten sei ganz klar ein Image-Ding, ein Schritt in eine seriösere Richtung. „Es ist ein renommiertes Haus“, sagt er. „Wenn du hier auf der Bühne jeden Tag bestehst, dann musst du es draufhaben.“ Alles live, keine große Besetzung, „wenn hier etwas transportiert werden soll, dann muss es schon sitzen.“

A propos Bühne ... Wird es nicht langsam Zeit? Umziehen und so? Jay Khan guckt auf seine Armbanduhr. „Wollen wir hinten weiterreden?“ Er dreht die Thermoskanne zu, greift nach der großen Sporttasche, läuft mitten durchs Foyer, Küsschen links, Küsschen rechts, durch den Saal unterm Sternenhimmel, links durch die schwere Stahltür. Es nieselt, ein paar Bretter weisen den Weg über den matschigen Boden in Richtung einer provisorischen Containerkonstruktion.

Der Wintergarten wird gerade umfangreich umgebaut

Seit rund eineinhalb Jahren wird umgebaut im Wintergarten, Toiletten, Garderobe, alles wird aufgemöbelt. Etwa genauso lange wird es noch mal dauern, schätzt Geschäftsführer Strecker, genauer will er sich aber nicht festlegen, man sei ja schließlich kein Flughafen. Also raus in den Regen, um die Container herum, eine schmale Wendeltreppe hinauf zu Khans Garderobe, die kaum mehr als ein Vorraum direkt hinterm Bühnenvorhang ist. Auf einer Yogamatte mitten im Raum wärmt sich gerade die Luftakrobatin Emily Kinch auf, die später am Kronleuchter tanzen wird. Auf einer Kleiderstange hängen seine Lederjacken, weiß und schwarz, eine Ikea-Tasche darunter versammelt ein halbes Dutzend Turnschuhe.

„Ich glaube, ich bin in den letzten Jahren häufig verkannt worden“, sagt Jay Khan, während er seine schwarze Skinny-Jeans aufknöpft, und fügt grinsend hinzu: „Größtenteils durch Eigenverschulden.“ Beziehung zu Topmodel-Siegerin Lena Gercke, Dschungelcamp-Streit mit Ex-Topmodel-Kandidatin Sarah Knappik, Dschungelcamp-Beziehung zu Popstars-Siegerin Indira Weis, Promi-Dinner ... „Das sind Episoden meines Lebens“, sagt Jay Khan, nichts, wofür er sich wirklich schämen müsste. „Ich war mit 28 Jahren im Dschungelcamp und habe davor sieben Millionen Tonträger mit einer Boyband verkauft. Das sollen die Leute erst mal nachmachen, dann können wir reden.“

Nein, das Dschungelcamp bereut er nicht

Fünf Minuten, sagt der Stage-Manager. „Wollen wir noch eine rauchen?“, fragt Jay und zieht einen türkisfarbenen Bademantel über die weiße Lederjacke. Bloß nicht erkälten, ist schon klar, The Show Must Go On. Unter seinem schwarzen Haaransatz blitzt ein Tattoo-Schriftzug hervor, kaum mehr erkennbar. Er hat sich Haare implantieren lassen, darüber hat er vor einigen Jahren offen gesprochen.

Jay Khan steht zu seinen Entscheidungen. Nein, sagt er, das Dschungelcamp bereue er nicht. „Ich habe eine Menge gelernt, über mich, über die Branche, das war eine sehr lehrreiche Klatsche.“ Zumindest hätten ihn danach ein paar mehr Leute gekannt als 15-jährige Mädchen.

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2009 löste sich die Boyband US 5 auf, die einst als Castingband auf RTL II gestartet war. „Ich dachte: Was kommt jetzt? Das obligatorische Solo-Album? Interessiert das überhaupt irgendwen?“ Also Dschungelcamp, das übrigens Fernsehgeschichte geschrieben habe mit mehr als 50 Prozent Marktanteil und Deutschem Fernsehpreis, wie Jay Khan grinsend fallen lässt. „Wir werden nie erfahren, was gewesen wäre, wenn ich es nicht gemacht hätte“, sagt er dann.

Zumindest wäre er ohne das Dschungelcamp heute nicht hier. Daraus ist sein Projekt „Großstadt Freunde“ entstanden, deutschsprachige Musik, „schlageraffin“, sagt er, „erst dadurch wurde das Haus hier auf mich aufmerksam.“

Mit seinem Vater führt er ein Restaurant in Wilmersdorf

Sie haben ihn schon für die nächste Show angefragt. Ob er dafür Zeit hat, weiß er allerdings noch nicht. Gerade hat er selbst eine Boyband gegründet: New District, fünf Jungs von 15 bis 19, die nächstes Jahr groß rauskommen sollen. Ein Herzensprojekt, sagt Jay Khan, der seit zehn Jahren eine Produktionsfirma führt. Schon bei US 5 schrieb und produzierte er die Hits, immerhin neun Top-Ten-Platzierungen in Deutschland.

Das Solo-Album kam natürlich doch, das zweite soll bald folgen. Drei seiner Songs singt er auch im Wintergarten.

Nebenher führt er mit seinem Vater noch das Restaurant „Padre e Figlio“ in der Uhlandstraße 43 in Wilmersdorf. Jay Khan hat anfangs viel geholfen, gestaltet, die Medien reingebracht. Der Vater schmeißt den Laden, die Kritiken sind gut, das Restaurant ist voll. Jay Khan ist zwar fast jeden Tag dort – aber vor allem zum Essen.

„Kommt ihr auch heute Abend?“, fragt er ein paar der Bandmitglieder, die auch noch schnell eine rauchen wollen. Jay Khan hat sie alle eingeladen, die Artisten, die Band, die Crewmitglieder.

Jetzt aber, sagt Stage-Manager Olli. Jay Khan wirft gerade noch rechtzeitig den Bademantel über seine Kleiderstange, begrüßt seine Co-Sängerin Katja Friedenberg mit einer herzlichen Umarmung. Vorhang auf, Zähne raus, Marmor, Stein und Eisen bricht.

Mehr als zwei Stunden später hat das Publikum Helene Fischer kaum vermisst. Und gelernt, dass dieser Boyband-Barde nicht nur Dschungelcamp kann.

„Atemlos“, Wintergarten, Potsdamer Straße 96, Tiergarten, Mi–Mo, 20 Uhr, So 18 Uhr, Karten ab 37 Euro. Weitere Infos unter: www.wintergarten-berlin.de

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